Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 16 (19.4.1929)
- Date
- 1929-04-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 ,iw,,,,(™im,mi,n,|mi,,n,nn,it,mim DIE WAHRHEIT Zgroße feierliche Sedei-AbCItde unter Leitung des Herrn Kantor Igo Grimberg ■rwvlWI ^At^W^Km H^WI im RESfAVRANT QifH, Wien II., Hollandstraße 14 Speisen ä la Carte Karmel und ungarische Weine schel Pessach Beginn 24 u. 25. April) 8 Uhr 14 Jahre alten Mädchens von der Theiß ans Ufer gespült wurde. Verschiedene Personen erkannten in der angeschwemmten Leiche mit vollster Bestimmtheit die verschwundene Esther, ihre Mutter erklärte jedoch entschieden, daß die aufgefundene nackte Leithe nicht die ihrer Tochter sei. Das Gericht vermutete nun, man habe, um das erste Verbrechen der Ermordung zu bemänteln, die seinerzeit verscharrte Leiche ausgegraben und ins Wasser geworfen. In seiner Anklage erklärte der Staatsanwalt, es handle sich offensichtlich um einen Ritualmord. Die Juden benötigen zu Ostern nach einem alten Volksglauben Christenblut und hätten, um sich dieses zu verschaffen, die 14jährige Esther Solymosi ermordet und deren Leiche später ins WasseT geworfen. Bereits am ersten Verhandlungstag erfolgte die sensationelle Einvernahme des Hauptbelastungszeugen, des 14 jährigen Moritz Schart des Sohnes des mitangeklagten Tempeldieners. Der Junge machte seine Angaben in kaum hörbarer Sprache, wiederholte sie bei den Konfrontierungen mit den1 Angeklagten stets in gleichem Tempo mit denselben Worten wie eine eingelernte Lektion, ohne seitwärts oder vorwärts zu blicken. Er schilderte nochmals das angeblich an dem Mädchen verübte Verbrechen, nannte die einzelnen Personen, die bei der Tat dabei gewesen sein sollten, und blieb trotz aller Vorhalte des Verteidigers Eötvös dabei, daß er nur die volle Wahrheit aussage. Er bestritt, daß seine Aussage etwa einstudiert sei. Im Verlauf der Konfrontierungen kam es zu aufregenden Szenen, einzelne Angeklagte spieen dem Jungen, als er seine Aussagen immer wiederholte, ins Gesicht Besonders dramatisch gestaltete sich die Gegenüberstellung des Vaters Josef Scharf und seines 14jährigien Sohnes. Er erklärte auf eine diesbezügliche Frage des fVorsitzenden, gegen seinen Vater aussagen zu wollen, und rief im Verlauf der Vernehmung seinem Vater wiederholt zu: „Schweigen Sie, Sie gehören ins Gefängnis! Ihren habe ich nichts zu antworten!" Auf eine direkte Frage seines Vaters erklärte er sogar, er wolle von seinem Vater nichts mehr wissen, er wolle nicht mehr Jude sein, er werde schon vom Ministerium des Innern sehr gut versorgt werden. Auf die Frage seines Vaters, ob er nicht bedauern werde, wenn durch seine falsche Aussage sein eigener Vater und die vielen alten Leute draußen auf dem Marktplatz gehängt würden, antwortete er: „Da 1 ä j» e nichts d a r a n." „Meinen Vater", so erklärte Moritz auf eine Frage des Präsidenten, „habe ich stets gehaß t." Einen ganzen Tag dauerte die Einvernahme des 14jährigen Moritz, immer Wieder kam es zu sensationellen Zusammenstößen zwischen Vater und Sohn, der von Moritz kontinuierlich mit ..Sie" angesprochen wurde, immer wieder wiederholte der Knabe stereotyp dieselbe Anklage, schilderte immer mit den gleichen Worten, was er gesehen haben wollte. Schließlich gelang es dem Verteidiger durch geschickte Fragestellung an den Zeugen, die Aussagen des Moritz Scharf völlig zu widerlegen. In der Begründung des Freispruches wurde ausdrücklich hervorgehoben, Moritz Scharf habe auf keinen Fall an der Tempeltür stehen und die geschilderten Vorgänge sehen können, und auch die Aussage bezüglich der Hilferufe erwies sich als vollkommen falsch. Der Vorsitzende ermahnte die Freigesprochenen, keinen Haß zu zeigen, im gleichen Sinne sprach ein Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde. Zwischen dem Verteidiger Eötvös und dem Bezirksstuhlrichter entspann sich dann ein heißer Kampf darum, ob Moritz Scharf wieder seinem Vatein übergeben werden solle. Rüsky hatte allen Grund, den Jungen fernzuhalten, wie sich später herausstellte. Da aber das Gesetz die Uebergabe des Knaben an seinen Vater forderte, mußte Ministerpräsident Tisza dem Drängen des Verteidigers stattgeben. Gleich nach dem Freispruch hatte Moritz Scharf sein Verhalten gegenüber dem Vater vollkommen geändert. Er küßte ihm die Hand, weinte und umarmte ihn, und als er endlich wieder seinen Eltern übergeben war. erklärte er. man habe ihn zu seinem bisherigen Verhalten durch die Drohung gezwungen, man werde ihn für ewig einsperren. Als er seine belastenden Aussagen gemacht hatte, sagte man ihm, die Juden würden ihn sicher vergiften, wenn er wieder zu ihnen zurückginge. * Ungeheuer war die Resonanz, die dieser durch anderthalb Monate geführte Prozeß in der ganzen Welt gefunden hatte. Der Name Moritz Scharf, des Anklägers seines eigenen Vaters, war förmlich zu einem Begriff geworden. Beispiellos war auch die Freude den Judenschaft der ganzen Welt über den Freispruch, die, nachdem die liintergründe dieses Prozesses aufgedeckt worden waren, nur selbstverständlich war. Moritz Scharf selbst, der traurige Held dieses Monsterprozesses, wanderte als junger Mann nach Holland aus, wo er in Amsterdam Di&mantenschleifer wurde. In seine Heimat ist er nicht mehr zurückgekehrt. Vergessen starb er jetzt in seiner zweiten Heimat, knapp 60 Jahre alt. Aus der Wiener Kultusgemeinde. Wie in unserer letzten Nummer kurz berichtet, begannen am Dienstag, den 9. d. M. die Budgetberatungen des Wiener Kultusvorstandes unter Vorsitz des Präsidenten Professor Dr. A. Pick. Der Präsident gedachte vor Eingehen in die Tagesordnung des in letzter Zeit erfolgten Hinscheidens des Kultusvorstehers Direktor Adolf Reich und der großen Philanthropin Charlotte Königswarter, wobei die Anwesenden sich zum Zeichen der Trauer von ihren Sitzen erhoben. Hierauf legte der Finanzreferent der Gemeinde Herr Regierungsrat Dr. Hermann Oppenheim den Rechnungsabschluß für das Verwaltungsjahr 1928 vor. Im Jahre 1928 haben die Gesamteinnahmen der Kultusgemeinde einschließlich der durchlaufenden Posten TEPPICIM/UiS WEITZNER fl.,narlaliltfersfr.lOS - lY.Wtetinerlfmiptstr.lO macht tiöfl. auf den besonderen OhhaslOnSTerkoM aufmerksam. 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