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Die Wahrheit · 1929-04-19 · Heft 16 (19.4.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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[fflin|lllllllllUimUBHlglHinWlltmmmiimiianiifflIll «ram» KUNEROL ist reinesKofcosnnßfctt und wird unter streng rhu» ellerAufsidit des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld suMattersburg erzeugt. Daher können es alle Streng* gläubigen zur Osterspeisen«Zubereitung verwenden. ^/ Jeder Leser wird mir zugeben, daß der geschilderte „Krirninalfall" äußerst lehrreich ist. Er beweist nicht nur. wie leicht Ritualmordgerüchte entstehen, sondern zeigt auch, wie schnell und wirksam die Polizei, wenn sie entschlossen zupackt, solchem Ritualmordspuk ein Ende machen kann. Freilich, die Nationalsozialisten hätten es sicher lieber gesehen, wenn die Berliner Kriminalpolizei in jenem Falle ein bißchen langsamer und weniger gewissenhaft gearbeitet hätte. Welch reiches Kapital für ihre Presse hätten die Berliner Antisemiten aus diesem „Ritualmord"fall der Frau W. schlagen können, wenn er ihnen rechtzeitig, d. h. vor dem Eingreifen der Kriminalpolizei, zur Kenntnis gekommen wäre. Kein Zweifel, daß sie ihn nicht minder bösartig ausgeschlachtet hätten wie jetzt die Kindertragödie in Bayern. Ein trauriger Held. Vor kurzem starb in Amsterdam Moritz Scharf, der „Kronzeuge" im berühmten Ritualmordprozeß von Tisza- Eszlar, der im Jahre 1883 die öffentliche Meinung Ungarns und ganz Europas in Atem hielt. Moritz Scharf, damals ein vierzehnjähriger Knabe, sagte in der Verhandlung vor dem Szegediner Schwurgerichtshof aus, er habe durch das Schlüsselloch beobachtet, wie die Juden in ihrem Bethaus die christliche Dienstmagd Esther Solymosi schlachteten, um ihr Blut in das Osterbrot zu mengen. Trotz dieser belastenden Aussage des vierzehnjährigen „Kronzeuge^" wurden die angeklagten Juden dank der glänzenden Verteidigung des berühmten Advokaten und Abgeordneten Karl Eisernen Kanzlers". Aber der eigentliche Aufschwung kam doch erst mit dem deutsch-französischen Kriege. Als unter Vorsitz des greisen Heerköm'igs über die Höhe der zu fordernden Kriegsentschädigung beraten wurde, zog man Bleichröder hinzu und kam auf die damals ftülr d'esenhaft hoch gehaltene Forderung von fünf Milliarden Francs. Daß Frankreich, um die bis zur Abtragung der ganzen Schuld dauernde Besetzung los zu werden, überraschend schnell zahlte, zeugt davon, daß Bleichröder sich bei der Einschätzung seinem finanziellen Leistungsfähigkeit nicht geirrt hatte. Aber er war, was wenig bekannt ist, dem geschlagenein Lande auch behilflich gewesen, die Schuld zu tilgen. Er unterstützte auf Anweisung des Kanzlers die Anleihen, die Frankreich auffegte, um Geld zu bekommen. Sogar in Deutschland zeichnete man sie und der französische Finanzmiiiiister sandte damals an Bleichröder ein Dankschreiben. Zu einem solchen Schritt wird ein deutscher Reichsfinanzminister unserer Zeit kaum Anlaß haben. Ein Goldregen fiel in die Bleichröderschen Kassen und eine Fülle von Ehrungen auf sein Haupt. Das „Eiserne Kreuz am Bande für Nichtkombattanten" hatte er schon, und am 8. März 1872 wurde er geadelt. Wie standen nun eigentlich der Finanzier und der Staatsmann, der Bankier und der Kanzler miteinander? Daß Bismarck Bleichröder Vertrauen und Wohlwollen entgegenbrachte, ist sicher und ebenso darf man nicht daran zweifeln, daß Gerson v. B. von tiefer Dankbarkeit gegen Bismarck erfüÜLt wair. Als Gerson starb, war die Stadt Berlin, die sich unter dem damaligen Regime mancherlei' feistete, nicht vertreten, nahm aber gern die 100.000 Mark an, die ihr die Erben für dte Armen zukommen ließen. An milden Stiftungen von zum Teil sehr hohen Summen durch das Haus Bleiichröder hat es überhaupt nicht gefehlt, sowohl an solchen, die der Allgemeinheit wie an solchen, die den Angestelten zugute kamen. Dr. M. P, E ö t v ö s. der von Dr. Josef Bloch s. A„ dem Begründer der „Oesterreichischen Wochenschrift" und Max Szabolcsi s. A., dem Begründer der Budapester Wochenschrift „Egyjer.- löseg", tatkräftig unterstützt wurde, freigesprochen. Moritz Scharf zog später alle seine Angaben zurück und erklärte, er habe seine Aussage nur unter dem Einfluß der Gendarmen gemacht. Moritz Scharf wanderte tfach Amsterdam, wo er als Diamantenschleifer lebte. * * * Der denkwürdige Ritualmordprozeß von Tisza- E s z 1 a r, der durch den Tod des Moritz Scharf, des Anklägers seines Vaters, wieder in der Erinnerung aufsteigt, erregte weit über Ungarn, ja über Europa hinaus, sensationellstes Interesse. In 33 Verhandlungstagen hatten sich fünizehn jüdische Einwohner der kleinen ungarischen Stadt Tisza-Eszlar. an der Spitze Salonion Schwarz, wegen Mordes, Teilnahme am Morde und wegen Vergehens der Unterstützung dieses Verbrechens zu verantworten. Am 1. April 1882 war, wie es in der Anklage des Staatsanwaltes Szeyffert hieß, die 14jährige Tisza-Eszlarer Dtenstmagd Esthern Solymosi unter rätselhaften Umständen verschwunden. Das Mädchen stand bei einer entfernten Verwandten im Dienst. In die Zeit des Verschwindens fielen, so führt die Anklage, weiter aus, die Vorbereitungen zum Osterfest der Juden. An dem genannten 1. April wurde Esther zu einem Kaufmann des Ortes einkaufen geschickt, sie kehrte von diesem Weg. auf dem sie von verschiedenen Personen gesehen worden war, nicht mehr zurück. Ihre Dienstgeberin und die Mutter suchten vergeblüch die Verschwundene. Schon wenige Ta^e später verbreiteten sich im Ort allerhand Gerüchte, die sich immer mehr verdichteten. Die Einwohner kolportierten eine Aussage des kaum fünfjährigen Sohnes Samuel, des Tisza-Eszlarer Tempeldieners. Josef Scharf: „Väterchen rief das Mädchen herein, wusch es, führte es in den Tempel, Schächter Bacsi schnitt es" und ähnliches mehr. Die Mutter der Verschwundenen betrieb darauf hin die Untersuchung gegen die Tisza-Eszlarer Juden, worauf über Verfügung des Stuhlrichters zunächst die Vorerhebungen begannen und am 12. Mail eine ordentliche gerichfliehe Untersuchung einsetzte. Der Untersuchungsrichter begann, nachdem die verdächtigen Juden unter polizeiliche» Aufsicht gestellt worden waren, zunächst die Vernehmung des kleinen Samuel Scharf, der weiter erzählte, daß Esther in die Wohnung kam. daß ihr in Gegenwart vieler der Hals durchgeschnitten wurde und daß er mit seinem Bruder Moritz half, das fließende Blut in einem Teller aufzufangen. Vater Scharf und alle übrigen Verdächtigten erklärten, mit dem Verschwinden des Mädchens nichts zu tun zu haben. Wenige Tage später, am 20. Mai 1883. machte der kleine Moritz Scharf in der Wohnung des damaligen Sicherheitskommissärs Andreas Rusky das Geständnis, sein Vater habe unter einem Vorwand die Esther von der Straße hereingerufen«, sie in die Vorhalle des Tempels geführt, dort auf den Fußboden niedergelegt, wo sie, nachdem man sie bis aufs Hemd ausgezogen hatte, von zwei Schüchtern niedergehalten wurde, während der Scbächter Salomon Schwarz ihren Hals mit dem Messer durchschnitt und das aufgefangene Blut in einen Topf schüttete. AU das will Moritz Scharf durch das Schlüsselloch der Tempeltür gesehen haben, wohin er auf das Wehklagen des Mädchens lief. Dann will er weiter gesehen haben, wie man den Hals des Mädchens wieder zugebunden und sie in ihre Kleider gehüllt habe. Dieses Geständnis wiederholte der Junge bald darauf vor dem herbeigeholten Untersuchungsrichter. Moritz Scharf hatte seine Aussage am 23. Mai in einer Gerichtssitzung bekräftigt. Auf Grund dieser Aussagen wurde die Untersuchung weitergeführt, als plötzlich am 18. Juni die Leiche eines etwa

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