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Die Wahrheit · 1929-04-19 · Heft 16 (19.4.1929) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 16 (19.4.1929)
Date
1929-04-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 BmnniHiinnifflmninmmB^^ DIE WAHRHEIT den letzten Tagen wieder den „furchtbaren, entsetzlichen Leichengeruch" wahrgenommen. Am stärksten sei er in der vergangenen Nacht gegen ZlA Uhr gewesen. Sie (Frau W.) habe aufstehen und ihr offenstehendes Fenster schließen müssen, da es sonst in der Wohnung nicht mehr auszuhalten gewesen sei. Beim Heraussehen aus dem Fenster habe sie die Wahrnehmung gemacht, daß der Geruch aus der über ihr liegenden Wohnung komme. Und weiter erzählt Frau W. der Polizei: Vor etwa zwei Monaten, als sie gegen 2 Uhr nachts nach Hause gegekommen sei, habe sie von oben her einen schrecklichen Kinderschrei gehört. Wörtlich sagt Frau W.: „Es hörte sich an, als ob dem Kinde bei diesem Schrei der Mund zugehalten wurde." Jetzt — so fährt Frau W. fort — komme ihr diese frühere Wahrnehmung im Zusammenhang mit den neuen Beobachtungen sehr verdächtig vor, um so mehr, als ihre Stütze schon öfters in der oberen Wohnung Kinder herumlaufen gehört haben, anderseits aber durch Befragen der Portierfrau festgestellt sei, daß die Inhaber der oberen Wohnung keine Kinder hätten. Der Inhaber dieser oberen Wohnung sei ein Ausländer. Die achtzehnjährige Tochter wird von der Polizei vernommen und bestätigt die Angaben ihrer Mutter: Sie habe tatsächlich in der oberen Wohnung ein „entsetzliches Kinde rge sehr ei" gehört. Ihr sei: es vorgekommen, als ob jemand gestöhnt habe. Auch die „ekelhaften Gerüche", habe sie selbst wahrgenommen. Die jetzt von neuem verhört© Stütze weiß noch mehr. Sie hat in der mysteriösen oberen Wohnung vor etwa acht Tagen Kinder herumlaufen und Weihnachtslieder singen gehört. Sie erzählt von neuem von den ,.scheußlichen Gerüchen". Eine weitere Hausangestellte der Frau W. bestätigt deren Angaben ebenfalls. Sie habe in der oberen Wohnung schon öfters Kinder herumlaufen hören und habe den Geruch — sie charakterisiert ihn als „süßlich" — ebenfalls wahrgenommen. Die Kriminalpolizei, die alle Erzählungen der Frauen mit der gebotenen Vorsicht aufnimmt und insbesondere die Andeutung über Ritualmorde von vornherein ins Reich der Phantasie verweist, geht jetzt den Dingen auf den Grund. Sie unterzieht die geheimnisvolle obere Wohnung einer Durchsuchung. Belastungsmaterial findet sich hierbei nicht, wohl aber kommt man der Aufklärung des Falles schon einen ordentlichen Schritt näher. Der Wohnungsinhaber, tatsächlich ein Ausländer — ein Engländer —, besitzt eine Hausdame. Diese hatte vor Weihnachten einen achtjährigen Knaben von außerhalb zu Besuch. Die Angaben über das Laufen, Singen und Weinen eines Kindes finden also ihre harmlose Aufklärung und sind durchaus vereinbar mit der beim Portier getroffenen Feststellung, daß die betreffende Wohnung Kinder im allgemeinen nicht beherbergt. Die weiteren Ermittlungen der Kriminalpolizei bringen dann auch schnell, noch am gleichen Tage, des ganzen Rätsels Lösung. Unter der Wohnung der Frau W. wohnt ein alter Herr K., der stark asthmaleidend ist und aus diesem Grunde, sobald er einen Anfall bekommt, eine sogenannte „Räucherkur" vornimmt. Unglücklicherweise hatte nun dieser alte Herr während der letzten Wochen seine Anfälle gerade immer des Nachts. Nach der Kur pflegte er seine Fenster zu öffnen, und der unangenehm riechende Qualm stieg dann zu Frau W. empor und drang unheilverkündend in ihr Schlafzimmer. Bevor die Kriminalpolizei die Akten über diesen geheimnisvollen „Ritualmord"fall beiseitelegte, ging sie noch näher der Persönlichkeit der Frau W. nach. Da erfuhr sie dann, daß die Dame nicht nur im Hause als hysterisch galt, sondern daß sie auch bei dem zuständigen Polizeirevier und ebenso bei derjenigen kriminalpolizeilichen Dienststelle, die für die Bekämpfung des Mädchenhandels zuständig ist, durchaus nicht unbekannt war. Frau W. gehört zu dem nicht seltenen Personenkreis, der leichtfertig die Polizeibehörde mit haltlosen Anzeigen zu behelligen pflegt. 3euilletcti Der Bankier Bismarcks. Zum 125jährigen Bestehen des Hauses Bleichröder. Was so ein bißchen etwas war und etwas hatte, traf sich in den Sechzigerjahren in der schönen Allee, die sich vom Berliner Kemperplatze bis zur Friedrich-Wilhelm-Straße hinzieht. Das vornehme und reiche Berlin war dort an jedem Nachmittag zu finden, im Wagen, zu Pferde und auch zu Fuß. Man hatte so vileJ zu plaudern, zu schauen und zu grüßen, daß man schon gar nifcht hinhörte auf die Melodien, die ein Invalide von Düppel seinem krächzenden Leierkasten entlockte. Das Recht, in dieser bevorzugten Gegend „musizieren" zu dürfen, war ihm anstatt einer Rente: verliehen worden. Indessen — einer von drei' Herren, die ebenfalls regelmäßig dort promenierten, hörte hin und warf ihm jeden Tag ein Fünfgroschenstück in däe Blechbüchse.--Das war der Chef des Hauses Bleichröder, Herr Gerson B., der mit Hansemann und Miondelssohn dort spazieren ging, und den die tägliche Spende nicht arm machte. Das Haus, dem er vorstand, blickte schon auf eine ganz hübsche Geschichte zurück. Dan Großvater des Chefs, dessen Vornamen dieser trug, war, wenn auch kein Bankier, doch schon ein geachteter Kaufmann gewesen, der den preußischen Hoflieferantentitel trug und mit Seifen, Parfümerien u. dergl. handelte. Sein Sohn Samuel gründete flm damaligem Zentrum der Stadt ein Bank- und Wechselgeschäft, das aber noch Jahre lang bescheidenen Umfang behielt. 1803 war das gewesen, und der Gründer hat, obgleich er, bis 1855 lobte, den Aufstieg zum Weitnaus nicht mehr gesehen. Aber zu Ansehen und Reichtum hatte er es schon gebracht. Der Präsident den Seehandlung war auf ihn aufmerksam geworden und hatte ihn den Rothschilds empfohlen, und als er 1928 ihr Agent in Berlin geworden war, da war seinem Hause die erste der drei Sonnen aufgegangen, von denen beim 75jährigen Jubiläum der Firma, Geh. KommerzienTat Schwabach sprach: „Drei Sonnen haben dem Hause Bleichröder geleuchtet, ihm Lebenswärme gespendet. Rothschild zuerst, dann Bismarck und; endlich der erste Kaiser des neuen Deutschen Reiches." So nach 1840 muß die Firma in guten Kreisen schon sehr angesehen gewesen sein. Denn als König Friedrich August Wilhelm IV. nach London fuhr, um bei unserem nachmaligem guten Freunde Eduard Pate zu stehen, stellte Bleichröder Wechsel auf den Londoner Rothschild aus, für das preußische Geld, das die Hofverwaltung ihm überwies. Das günstigste Gestirin aber, unter dem das Haus stand, war dasselbe, das Preußen und Deutschland leuchtete, war Fürst Bismarck. Bleichröder war der PrSvatbankier des damaligen Herrn von Bismarck geworden und muß die Geschäfte zu seiner vollsten Zufriedenheit besorgt haben. Aber sicher ist es, daß der Staatsmann an Gerson v. Bleichröder auch noch andere Qualitäten fand als die, die man von seinem Bankier erwartet. Denn sonst hätte der Eiserne Kanzler nicht nach Bleichröders Tode in einem Briefe an die Hinterbliebenen) ihn als seihen längjährigen treuen Freund beizeichnet. Durch Bismarck ist der Bankier zu einem politischen Faktor geworden. Das wurde zuerst offenbar während der Konflktszeit. Es gab keine Anleihe ohne Mitwirkung des Parlaments, und woher sollte die Regierung das Geld nehmen? Der König befand sich damals in Karlsbad, und Gerson kam auf Veranlassung des Ministerpräsidenten dorthin. Der geschäftskundige Mann wußte in der Tat einen Ausweg. Er riet der Regierung, das Rückkaufsrecht dies Staates gegenüber der Köln-Mindener Bahn zu veräußern und so bekam sie 14 Millionen Taler in die Hand. Damals wurde das Bankhaus zur Weltfirma und seine Millionen wurden zum „goldenen Stecken in der Hand des

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