Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 BrittgiiiiiHfim DIE WAHRHEIT ercjfentlichuncieix det Unicn cleutrcfieytecceicKifchev Juclett <ibftrpculxufaJxtäAz<fW WienIX.'BeFqgavm 4 %Ufe»:19-K2-7} Veranstaltungen der,, Union". Der 8. Sprechabend der „Union" am 6. d. M. wies wieder einen sehr guten Besuch auf, der zeigte, daß die auf den Sprechabenden der „Union'1 in letzter Zeit gebotenen Vorträge über die Verhältnisse der Juden in anderen Ländern besonders lebhaftem Interesse begegnen. Diesmal hatte Dr. Arthur B o n d i die Freundlichkeit, über das amerikanische Judentum zu berichten, wie er es bei seinem Aufenthalt in Amerika beobachtet hatte. Von der Geschichte der dortigen Judenheit ausgehend, die in drei verschiedenen Epochen ins Land gekommen war, bot er ein anschauliches Bild über die Lage unserer amerikanischen Brüder, die auch infolge der Verschiedenheit ihrer Herkunftsländer große Wesensunterschiede aufweisen. So stehen den in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzeln eingewanderten deutschen Juden, deren Amerikanisierung deshalb leicht vor sich ging, weil sie damals eine werdende Nation in Amerika vorgefunden haben, die in Massen zur Zeit der Pogromperiode eingewanderten Ostjuden gegenüber, die sich wegen ihrer starken Bindungen zu ihren östlichen Glaubensgenossen nicht so leicht einfügen konnten. Mit dem nunmehr bestehenden, von unserem Standpunkte aus als hart empfundenen, vom amerikanischen aber notwendigen Einwanderungsverbot ist die Einwanderungsbewegung vorderhand abgeschlossen. Während man auf offizieller Seite den Juden durchaus freundlich gegenübersteht und sie sogar zu den höchsten Staats¬ und Landesämtern zuläßt, gibt es in der amerikanischen Nation dennoch einen Antisemitismus, den der Referent als sehr radikal bezeichnete. Er ist wohl kein Radauantisemitismus, zeitigt aber unangenehme Erscheinungen, wie gesellschaftlichen Boykott, Ausschließung der Juden von gewissen Stellungen und Orten usw. Seine Ursache ist die Masseneinwanderung der russischen Juden, die für Amerika gewisse Gefahren in wirtschaftlicher Hinsicht bietet, seine Auswirkung dürfte sich wohl mit der zunehmenden Amerikanisierung lockern, wenn auch dieser Prozeß noch viele Jahre dauern wird. Nach einer eingehenden Schilderung der Anteilnahme der Juden an den verschiedenen Berufen, wobei auffallend erschien, daß sich unter den Führern der amerikanischen Intellektualität nur wenige Juden finden, ging Dr. B o n d i auf die Besprechung der religiösen Verhältnisse in Amerika über, die besonders interessant sind. Die stärkste Gruppe stellen die liberalen Juden dar, deren Organisation von Lilienthal und Isak Wise begründet, heute unter anderen in New York von Rabbi Schulman, Jonah Wise, Louis Marshall und Stephen Wise geistig geführt wird. Ihr Mittelpunkt ist die Synagoge, in der nicht nur gebetet, sondern auch Vorträge abgehalten, ja sogar in einem separaten Saal getanzt wird. So stellt die liberale Synagoge ein Zentrum jüdischen Lebens und jüdischer Geselligkeit vor, das nicht zuletzt wegen des amerikanischen Boykott-Antisemitismus alle Juden anzieht. Weniger bedeutend ist die orthodoxe Richtung russischer Herkunft, die in mehrere Schattierungen zerfällt. Eine bewußt amerikanische Art stellt die sogenannte konservative, für europäische Verhältnisse sehr reformiert erscheinende Gruppe dar. Die Anzahl der orthodoxen Juden ist wohl gering. Was die innere Organisation anbelangt, so wirkt sich hier die Trennung von Kirche und Staat stark aus, die auch sonst schwere Folgen hat; so weiß man nicht einmal genau, wieviel Juden in Amerika leben, deren Schätzung zwischen dreieinhalb und fünfeinhalb Millionen schwankt, deren Zahl aber ungefähr in der Mitte Hegen dürfte. Wegen des Fehlens von Gemeinden gibt es keinen Religionsunterricht in unserem Sinne, dafür wurde die Institution der Sonntagsschule geschaffen, in die mehr als die Hälfte der jüdischen Jugend geht. Großartig entwickelt ist die jüdische Wohltätigkeit in den Vereinigten Staaten, wo die Zahl jüdischer Armen auch keine geringe ist. In New York besteht als Dachorganisation aller Vereinigungen in New York die Federation of Hebrew Weifare Association, die alle öffentlichen Sammlungen durchführt und die aufgebrachten Summen aufteilt. Wie sehr Wohltätigkeit in Amerika Herzensangelegenheit ist, ersieht man unter anderem aus der der New Yorker Federation angeschlossenen Junior- Federation, von deren zielbewußter Tätigkeit der Referent interessante Details zu berichten wußte. Das amerikanische Judentum ist sich seiner Verpflichtungen gegenüber dem Gesamtjudentum auf Grund seiner hervorragenden Stelle in demselben wohl bewußt, es unterstützt alle Aktionen desselben, so insbesondere den Palästinaaufbau, auch soweit es nicht der zionistischen Organisation angehört. Für das amerikanische Judentum gilt eine Tatsache vor allem: America first. In der Diskussion verwies der Vorsitzende Präsident Dr. Jakob O r n s t e i n auf die vielfachen Parallelitäten, die zwischen der Situation der amerikanischen und österreichischen Judenschaft bestehen. Auch hier herrscht ein Boykott-Antisemitismus, auch hier finden Juden an gewissen Erholungsstätten aus antisemitischen Gründen keine Unterkunft und dennoch sind auch hier die Juden trotz aller Unbillen des Antisemitismus, so wie in Amerika begeisterte Amerikaner, begeisterte Oesterreicher. Ein grundlegender Unterschied besteht wohl gegenüber den amerikanischen Verhältnissen, nämlich in bezug auf die Wohltätigkeit, die in Amerika sich nicht nur auf die großen Leute beschränkt, sondern bis hinein in das Volk Wurzeln