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Die Wahrheit · 1929-04-12 · Heft 15 (12.4.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 11)
Language
German
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öifc Wahrheit *** nflMi Seite 11 chen, gewidmet wurde, macht eine Ausnahme. Der Redner geißelte in seiner von glühendem Idealismus und innigster Vaterlandsliebe beseelten Rede mit den schärfsten Worten die in Ungarn noch immer das öffentliche Leben vergiftende konfessionelle Unduldsamkeit und schloß unter Tränen: „Aus der von Moses verkündeten Wahrheit: Höre Israel, unser Gott ist ein einziger Gott, ergibt sich auch die Einheit aller Menschen, aus dieser wieder die Bruderliebe zwischen allen Menschen. Der Mann aber, dessen Hingang wir heute beklagen, mußte sehen, wie die edelsten Werte verloren gehen, wie sich die Menschen unter dem Einflüsse des herrschenden politischen Kurses umwandeln, wie statt der Liebe der Haß wächst, wie statt des Zusammenhaltens der Hader und Streit ihre zerstörende Macht auf dem Markte des öffentlichen Lebens ausüben. Daran ist sein gütiges Herz erkrankt, das hat dem Leben des edlen Menschen, dessen von Ehrenhaftigkeit beseeltes Wirken und Schaffen wir alle gekannt, allzu früh ein Ende gemacht." Unter dem Eindrucke dieser Worte, die nicht etwa der Rabbiner, sondernderPfarrerderbenachbarten Kocsorder Gemeinde, der evangelische Geistliche Johann Szabo gesprochen, standen erschüttert die Hörer, unter denen sich zahlreiche Christen befanden. Es war wirklich eine kleine politische Sensation, die Klage um jenen edlen Toten war zu einer Anklage gegen viele Lebende geworden. Ego. Wesen und Aufgabe der Gemeinde*) Von Ernst Holz er. Institutionen und Organisationen sind die äußere Form eines lebendigen Inneren. Sie entstehen aus einem Bedürfnis heraus, sie sind der Niederschlag eines in wenigen, vielen oder gar allen zur Erscheinung drängenden Willens oder einer ans Tageslicht tretenden Stimmung. Sie benötigen, um unabhängig von Menschen, den Trägern ihrer Sache oder ihrer Idee, durch eine Reihe von Epochen weiterbestehen zu können, eines tieien und letztgültigen Sinnes, der sich den durch ihn erfaßten Menschen immer wieder klarmacht, auch ohne daß er ausgesprochen werden muß: der gelebt ist. Aus diesem Sinn ergibt sich die Aufgabe. Institutionen müssen ihre Aufgabe eriülien, wenn sie nicht untergehen sollen. Die Juden sind ein altes Volk. In einen schier unfaßbaren Zeitraum ihres Volkslebens blicken sie, fühlen sie zurück. In allem Wechsel der Geschicke und Geschichte haben sie ihr eigenes Gesicht bewahrt. Immer waren sie Objekte von Fürsten und Führern der Völker, und doch haben sie ihren Geistwillen in das Gestein der Zeit eingemeißelt. Gejagt und getreten, gemartert und gemordet schleichen sie durch die Länder der ganzen Welt und sind in aller Not und allem Zeitablauf geblieben, wer sie gewesen sind: Juden. Was Wunder, daß die Völker ringsum in ihnen die Zeugen des Unvergänglichen erbl'iekten! Was Wunder, daß die Juden selbst sich als Zeugen des Unvergänglichen erblicken! Was Wunder, daß die Juden selbst sich als die Zeugen des Ewigen ansahen, als die Alten, Erfahrenen, Gereiften unter den jungen Völkern der neuen und auch der (nur sogenannten) alten Welt! Aus diesem Ewigkeitsbewußtsein stammt das Großteil der Sentiments, die ihr Verhältnis zur Umwelt bestimmen. Aus ihm kommen auch die Gefühle und Ueberlegungen, die sie in ihrem jüdischen Leben erfüllen. Aus ihm stammt die überragende Bedeutung, die, einem Nichtjuden gar nicht verständlich, der Jude seiner Gemeinde einräumt. Denn sie hat er als die Verkörperung seines Ewigkeitsbewußtseins geschaffen. Die jüdische Gemeinde ist also die äußere Form für das Ewigkeitsbewußtsein, das jeder Jude besitzt. Sie ist im Gefühl des jüdischen Menschen: die Gestalt gewordene Idee von der Ewigkeit des Judentums. Sie besteht immer, durch alle Zeiten. Der Jude weiß, daß seine Väter in ihr gelebt haben; er glaubt, ja, er weiß, daß auch seine Kinder in ihr leben werden. Von ihrem Gipfel schauen, um das Wort Napoleons zu variieren, dreieinhalb Jahrtausende auf ihn herab. Die Gemeinde erst gibt dem Juden den festen Stand auf dem schwankenden Boden, auf dem er, wie jeder kurzlebige Mensch und jeder Jude zumal, steht. Sie verleiht ihm Stolz, Ruhe, Festigkeit, Freiheit. Die jüdische Gemeinde präsentiert sich somit als die Ganzheit in den Zeiten und durch die Zeiten. Dies ist der Sinn, der sie zum Ursprung brachte und sie zu ihrer Bedeutung erhob. Worin besteht ihre Bedeutung, ihr Wesen iür den Juden in dieser Zeit? Die jüdische Gemeinde ist nicht nur die Ganzheit in den Zeiten, sondern sie ist auch die G a n zh e i t i n d e r Z e i t. Sie schließt nicht nur den Ring der Vorzeit mit der Jetztzeit, sie faßt nicht nur die Vergangenheit und die Gegenwart und die Zukunft zusammen, sondern sie hat eine weitere Eigenschaft, die ihr Wesen recht eigentlich erst ausmacht, eben diese: die Ganzheit in der Zeit. Die jüdische Gemeinde schließt alles jüdische Leben in ihrem Kreise ein. Und somit umfaßt sie auch alle jüdischen Menschen, die arn gleichen Ort die gleiche Luft atmen, unter den gleichen Rechten, mit den gleichen Pflichten leben, kurz: die in Schicksals- und Erlebe nsgemeinschatt stehen. Vergessen die kleinen und kleinlichea Unterschiede des Alters und des Geschlechtes, vergessen die kleinen und kleinlichen Unterschiede der Herkunft und des Standes: Das einigende Band der Gemeinde, ds K'lal umschlingt sie alle. Die Gemeinde ist die Totalität jüdischen Seins in einer Zeit und an einem Orte. Ewigkeitssein und Totalitätssein sind die tragenden Pfeiler der jüdischen Gemeinde. Ihre Aufgabe besteht tatsächlich darin, sie zu verwirklichen; das heißt: sie zu wirklichem, zu wirkendem Leben zu bringen. Der Sinn der Gemeinde, zeitliche und räumliche Ganzheit, muß jedem Juden, jeder Jüdin aufgehen, jeder muß daran teilhaben. Das Leben in einer Gemeinde ist nicht ein bloßes In-ihr-Verweilen, sondern es bedeutet: Teilnehmen an ihrem Lebensablauf. Es bedeutet iur den Juden aber auch, ihr, der Gemeinde, Anteil zu gewähren an seinem Lebensablauf. Die Gemeinde und der Einzelne, sie beide sind auf gemeinsames Leben, auf ein Leben der üemeinsamkeit angewiesen. „Viele Einzelne, ja selbst die Gesamtheit der Einzeihen sind noch nicht die Gemeinschaft" (Rosenzweig). Ihr Tat wirkender Sinn muß evident sein, er muß gelebt werden. Es gilt auch hier das berühmte Wort von den Frauen, das behauptet, die besten seien die, von denen man am wenigsten spräche: Wie schlecht es um die jüdische Gemeinde steht, zeigt sich daran, wieviel von ihr und in ihr geredet werden muß. Denn dann nur sind die Stimmen gut, Wenn Schweigsamkeiten sie begleiten, Wenn hinter dem Gespräch der Saiten Geräusche bleiben wie von Blut. Und bang und sinnlos sind die Zeiten, Wenn hinter ihren Eitelkeiten Nicht etwas waltet, welches ruht . . . (Rilke). Es bleibt die Frage: Erfüllt heute die Gemeinde ihre Auigabe? Oder sind über all dem Gerede die Zeiten „bang und sinnlos" geworden? NEUERÖFFNETE REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE M. RATH WIEN II., TABORSTRASSI Nr. 20« TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN! REICHE AUSWAHL IN HEBRAIKA UND JUOAIKA In engllaober uad französischer Literatur MONATSGEBUHR NUR S 3.- KEINE BANDGEBÜHRI TÄGLICHER UMTAUSCH! *) Aus dem „Gemeindeblatt", Frankfurt a. M.

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