Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT mn towwmmm geite 5 müht, die rumänische Judenpolitik in ein humanes Fahrwasser zu leiten. Bis auf den heutigen Tag löst in Rumänien eine Judenverfolgung die andere ab, hinsichtlich des Rechtsschutzes der jüdischen Bevölkerung herrscht nach wie vor Anarchie. Der gleichen antisemitischen Hochkonjunktur wie in Rumänien begegnete man im zaristischen Rußland; namentlich in den Siebziger jähren schwoll der Judenhaß an. Die literarische Verbreitung des Antisemitismus tat das ihre; religiöse Beweggründe spielten mit. Furchtbar entlud sich der angesammelte Haß in einer Reihe von P og r o m e n. Die Ritualmordlüge verwirrte die Köpfe und schuf unsägliches Leid: aus diesem düsteren Kapital dürfte noch die Beilis-Affäre in frischer Erinnerung sein. Das Zarenreich war die eigentliche Hochburg des Antisemitismus; von hier aus nahm eins der gefährlichsten literarischen Produkte, die „Protokolle der Weisen von Z i o n", seinen Weg. Im heutigen Sowjetrußland erfreuen sich die Juden einer wesentlichen Besserung ihrer Lage. Ungarn steht mit seinen judenfeindlichen Bestrebungen und Taten hinter den beiden letztgenannten Ländern nur wenig zurück. Ein überspannter Nationalismus schürt hier den Haß und heißt jede Ausschreitung gut, der brutale Numerus clausus der Universitäten schneidet der jüdischen Intelligenz den Lebensfaden ab. Nicht ganz so bösartig, aber immerhin bedrohlich genug äußert sich die judenfeindliche Bewegung in Polen und in der Tschechoslowakei. Nahezu frei vom Antisemitismus ist England, auch in Frankreich konnte er, abgesehen von den Bemühungen Ed. Drumonts und den Erregungen der Dreyfus-Affäre, nie festeren Fuß fassen. In den Vereinigten Staaten von Nordamerika spielt er ebenfalls keine erhebliche politische oder wirtschaftliche Rolle, namentlich nachdem Henry Ford der judenfeindlichen Propaganda den Rücken gekehrt hat. Die intellektuelle Führerstellung innerhalb der antisemitischen Strömungen hält Deutschland inne. Es hat alle jene Strömungen mit der ihm eigenen Gründlichkeit verarbeitet, so daß „die deutsche Literatur die reichste an Schmähschriften gegen die Juden i s t". Die nach den Freiheitskriegen einsetzende Reaktionszeit brachte eine wesentliche Verstärkung der antisemitischen Stimmungen mit sich. Zu ihren literarischen Wortführern warfen sich die Hochschulprofessoren Friedrich Rühs und J. F. Fries auf, zu ihnen gesellte sich ein elender Schmähschreiber namens Hundt-Radowsky. Den Worten folgten Taten: in den Jahren 1819, 1830 und 1848 fanden schwere Ausschreitungen statt. Eine fortschrittsfeindliche Gesetzgebung entzog den Juden auf dem Verwaltungswege den Genuß ihrer verfassungsmäßigen Rechte. Erst die sogenannte liberale Aera in Preußen zeitigte durch das Gesetz vom 3. Juli 1869 die vollständige bürgerliche Gleichstellung der Juden. Nach dem Kriege von 1870/71 brach eine schwere antisemitische Welle herein. Für die wirtschaftliche Katastrophe der sogenannten Gründerzeit machte man die freihändlerischliberaie Gesinnung der Juden verantwortlich. Gleichzeitig richtete der durch den Kulturkampf bedrohte Katholizismus heftige Angriffe gegen den rationalistischen Geist der „jüdischen" Presse; besonders der „T a 1 m u d j u d e" des katholischen Theologen August Rohling vergiftete die öffentliche Meinung. Während die christlich-konservativen Judengegner sich noch etwas Reserve auferlegten, überstieg die antisemitische Hochflut der darauf folgenden S t ö c k e r- Zeit jede Schranke. Der Antisemitismus fand seine eigene parlamentarische Vertretung, in der Liebermann von Sonnenberg und der hessische Agitator Otto Bockel sich hervortaten. Vorläufer Stöckers waren Otto G1 a g a u und Wilhelm Marx, ihm zur Seite standen Moritz Busch und die Gymnasiallehrer H e n r i c i und B. Förster; die intellektuellen Waffen schmiedeten Heinrich v. Treitschke und Eduard v. Hart mann. Der volkstümlichste Führer der Antisemiten wurde Ahl war dt; ein Epigone der damaligen Entwicklung ist der heute noch wirkende Theodor Fritsch. Durch die Prozesse in Xanten und in Könitz gerieten die antisemitischen Leidenschaften in Siedehitze. Die judenfeindliche Agitation feierte wahre Orgien, sie versuchte überdies, sich einen wissenschaftlichen Aufputz zuzulegen. So wurden die Schlagworte vom internationalen Zusammenhalt und von den Weltherrschaftsplänen der Juden in die Menge geworfen. Dem deutschen Judenhaß durfte eine philosophische Grundlegung selbstverständlich nicht fehlen; Eugen Dühring, Paul de Lagarde und H. St. Chamberlain rundeten die antisemitischen Konstruktionen zum System. Die Politik der Judenfeinde trug ihre Früchte. Von der Staatsverwaltung, mochte es sich um das Dozentenamt, um das RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse 5 Telephon R 23-4.90 II., Kl. 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Das stärkste Bollwerk gegen den Antisemitismus wurde 1893 in dem Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens errichtet. Der Judenhaß machte in dem Weltkriege die nationale Ein i.gkeit zuschanden; er bewirkte die beschämende Zählung der jüdischen Kriegsteilnehmer und verdächtigte die „Kriegsgesellschaften" als Zufluchtsstätten jüdischer Wucherer und „Drückeberger". In der Nachkriegszeit, besonders in den Inflationsjahren, schoß der völkische Antisemitismus ins Kraut; die völkischen Parteien sowie die Deutschnationale Partei sind judenfeindlich eingestellt. Der moderne Antisemitismus tritt als Rassenantisemitismus aui; seine literarischen Schrittmacher sind Leute wie D i n t e r und Günther, während Wilhelm Stapel und Hans B1 ü h e r die vornehmere Abart des Kulturantisemitismus pflegen. Die „Protokolle der Weisen von Zion" spukten in den Köpfen, bis sie durch die Bemühungen der jüdischen Kritik als grobe Fälschung entlarvt wurden. Der Haß gegen die Juden erweiterte sich zu einer Feindschaft gegen die jüdische Religion, namentlich gegen das Alte Testament. Die nächste Folge war die Absage an das Christentum, an dessen Stelle ein neugermanisches Heidentum gesetzt werden sollte. Die christliche Religion und Moral fühlte durch diese Bestrebungen sich unmittelbar bedroht, denn der Antisemitismus hatte seine Grenze überschritten. Der Antisemitismus in Deutschösterreich ist dem reichsdeutschen Antisemitismus ähnlich. Er konzentriert sich hauptsächlich in Wien. In den Achtzigerjahren wurde er durch Georg v. Schönerer eingeleitet. Der eigentliche Führer und Organisator der anwachsenden judenfeindlichen Bewegung wurde Karl L u e g e r. Solange die christlichsoziale Partei die Oberhand behielt, war das öffentliche Leben von einem starken Judenhaß durchzogen. Sowohl in der Gesetzgebung als auch an den Hochschulen kam er unverblümt zum Durchbruch. Auch während des Weltkrieges ließ die antisemitische Stimmung keineswegs nach, sie wandte sich darauf in verstärktem Maße gegen die Ostjuden. Bin Wahrzeichen des im Sportverkehr eingerissenen Antisemitismus ist der berüchtigte „Arierparagrap h*\ Im Verhältnis zu den aufschlußreichen historischen Darlegungen ist die Behandlung der Theorien über den Antise-