Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 ^miimminmimmmmmmmmmmmmm^atiimm litisch versagt hat. Ueber allen Zweifel erhaben ist der Idealismus des deutschen Volkes, und zwar der Angehörigen aller Schichten ohne Ausnahme, die opferfreudige Hingabe, mit der Bürger und Soldaten in gleicher Weise die furchtbaren Lasten tragen, die Unerschrockenheit, mit der sie gegen eine Welt von bewaffneten und unbewaffneten, aber nicht minder gefährlichen Feinden kämpften, für ein fernes Ideal, an welchem erst die Nachwelt sich erfreuen konnte. Nun versichern uns die Völkischen, daß die Juden die geborenen Materialisten, die Vertreter des gröbsten Egoismus und der Geldsucht, des Genußlebens und des niedrigsten Eigennutzes sind und daß das entmündigte deutsche Volk seit 50 Jahren unrettbar ihrem geistigen Einfluß unterworfen war, daß die Juden den geistigen Besitz des deutschen Volkes verwalteten, dem deutschen Volke den Stempel ihres Geistes aufgedrückt haben. Betrachtet man die Haltung und die Leistung des deutschen Volkes im Weltkriege, so muß man sich sagen: entweder existierte dieser Einfluß der Juden überhaupt nicht, er war gleich Null — oder aber der Einfluß der Juden war außerordentlich wohltätig, die Juden erzogen durch „ihre" Presse und „ihre" Literatur, indem sie „den gesamten geistigen Besitz des deutschen Volkes verwalteten", die Deutschen zu Helden und Idealisten ersten Ranges. Ein Drittes gibt es nicht. Noch mehr. Der verderbliche Einfluß der Juden auf ihre „Wirtsvölker" mußte steigen, je länger und intimer diese mit dem jüdischen Geist in Berührung waren, und sinken, je mehr das Gegenteil der Fall war. Nun wohnen die Juden in deutschen Landen länger als seit anderthalb Jahrtausenden, und trotz den furchtbaren Metzeleien seit der Zeit der Kreuzzüge, trotz, den zahlreichen Scheiterhaufen, trotz den andauernden Austreibungen, ist Deutschland zu keiner Zeit ganz ohne Juden gewesen. Trotz der strengen Abgrenzung der Juden durch den gelben Fleck, durch drakonische Gesetzgebung und durch erniedrigende Behandlung, sowie durch das Ghetto, haben sich die Deutschen mittelbar und unmittelbar äußerst intensiv mit dem jüdischen Geist befaßt. Seit Ulfilas die Bibel ins Gotische übertrug (und sich dabei genötigt sah, das „Buch der Könige" unübersetzt zu lassen, um den kriegerischen Geist seiner Deutschen nicht noch mehr aufzustacheln), hat das Buch der Bücher auf alle großen Deutschen, auch solche, die den Juden durchaus abgeneigt waren, eine unheimliche Anziehungskraft ausgeübt. Luther stieg ins Ghetto hinunter, um für seine Bibelübersetzung sich bei den Juden Rates zu erholen. An Herders und Goethes Stellung zur Bibel braucht man nicht erst zu erinnern. Nirgends, nicht einmal in England, wurde das Volk des Alten Bundes in dem Maße wie bei den Deutschen ein Gegenstand religiöser Betrachtung und mystischer Hoffnungen. Die suchenden, sehnenden und ahnenden Geister Deutschlands, Männer wie Nikolaus von Cusa, Jakob Böhme, Oetinger, Hamann und Franz von Baader lehrten, daß von den Juden nicht nur alles Heil, sondern alle wahre Wissenschaft gekommen sei, und auch was die letzte Lösung aller menschlichen Fragen und aller Rätsel dieser Welt betrifft, erkannten sie ihnen eine führende Rolle zu. Der Talmud wurde in Deutschland vielfach verbrannt KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERA/INN EBENSP/iNQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 und konfisziert, aber in keinem Lande der Welt — Polen vielleicht ausgenommen — so oft gedruckt, so viel studiert und kommentiert; in keinem Lande der Welt fand er — von Reuchlin bis auf Wünsche und Strack — unter den Nichtjuden so viele Versteher und Verteidiger. Anderseits ist die objektive, rein wissenschaftliche Befassung mit dem Judentum in allen seinen Erscheinungsformen nirgends so intensiv gewesen, wie in Deutschland. In der ganzen Welt schöpft man die Kenntnis des Judentums neben den hebräischen aus deutschen Büchern, womit nicht nur die reiche wissenschaftliche Produktion der jüdischen Gelehrten Deutschlands gemeint ist. Wer nicht Deutsch versteht, kann auf diesem Gebiete einfach nicht mitreden. (Schluß folgt.) Zur Geschichte und Theorie des Antisemitismus. Von Dr. Fritz Friedländer (Berlin). (Fortsetzung.) Die staatsbürgerliche Emanzipation bewirkte eine gewaltige Veränderung in der Lage der Juden, so daß sich der Antisemitismus nach neuen Argumenten umsehen mußte. Jedoch die Anklagen und Vorwürfe der Judenfeinde konnten von dem Richterspruch der Geschichte nicht bestehen. Der Einwand der religiösen Andersartigkeit der Juden wunde dadurch widerlegt, daß der moderne Rechtsstaat eben nicht bloß ein christlichkonfessioneller Staat war. Der Einwand der nationalen Fremdheit dem Juden verlor angesichts ihres fhineinwachsens in die deutsche Kultur seine Berechtigung. Ebensowenig stichhältig warien die in ökonomischer Hinsicht erhobenen Anklagen; denn das Verhalten der Juden aut diesem Gebiete wurde durch die kapitalistische Wirtschaftsentwicklung allgemein. Zuletzt wurde die Rassentheorie in den Dienst des Antisemitismus gestellt. Füievlich machte die judenfeindliche Agitation auch moralische Gegenkräfte mobil. Ihnen gab Nietzsche Ausdruck, wenn er den Antisemitismus als „die typische Form des Obskurantismus" brandmarkte; Mommsen geißelte ihn als die größte Dummheit und d:<e größte Nichtswürdigkeit des Menschengeschlechtes; der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille, und Kanaille bleibt Kanaille." Worin sich der moderne vom mittelalterlichen Antisemitismus unterscheidet, das geht aus der klaren Definition B. Jacobs eindeutig hervor: „Der Antisemitismus sucht Gesetzgebung und Verwaltungspraxis zu beeinflussen und alle Gesellschaftsklassen mit seinem Geiste zu erfüllen, die Juden rechtlich zu degradieren, geschäftlich zu ruinieren, gesellschaftlich zu isolieren und ihnen auf diese Weise das Leben unerträglich zu machen." Der neuere Antisemitismus versuchte eine internationale Einheitsfront zu bilden. Dies sollte auf dem Wege antisemitischer internationaler Kongresse geschehen, die aber nie über die üblichen Resolutionen hinaus zu irgend einer Machtgeltung gelangten. Es lassen sich in den einzelnen Ländern sehr verschiedenartige Erscheinungsformen des Antisemitismus feststellen, d. h. er tritt in dem einen Lande in außerordentlich starken, und in dem anderen in verschwindend geringem Grade auf. In neuerer Zeit grassiert er besonders heftig in den slawischen Ländern und in Ungarn. Um den Rekord in der antijüdischen Bewegung dürfen Rußland und Rumänien miteinander wetteifern. Vergeblich hat der Berliner Kongreß sich be-