Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 ||[p|iiiiminmniiiiiiiinmmMB wmtm Länder keine Grundlage für den Eintritt in die Agency bilden. Es mehren sich die Stimmen, die das Verhalten der Marshall- Gruppe als verfrüht und auch als unkollegial gegenüber den Nchtzionisten außerhalb Amerikas bezeichnen. Es ist natürlich nicht daran zu zweifeln, daß es den Zionisten gelingen wird, in allen Ländern sogenannte „Nichtzionisten" zum Eintritt in die Agency zu gewinnen. Die dem Plan der Erweiterung der Agency ursprünglich aber zugrundeliegende Absicht, diejenigen nichtzionistischen Organisationen und Kreise, zu gewinnen, welche bisher Palästinaarbeit auf national-jüdischer Grundlage abgelehnt haben, darf aber wohl schon heute als gescheitert angesehen werden. Waisenhaus in Baden. Von L. M o s e s. Weit draußen an der Peripherie des Weltkurortes Baden, da, wo an weinbepflanzten Hängen vorüber Eisenbahn und Landstraße nach dem nahen Wien führen, steht mitten in einem schattigen Garten ein schmuckes, zweistöckiges Haus. Ursprünglich ein privates Studentenheim, wurde dieses Haus während des Krieges, als der Strom jüdischer Flüchtlinge aus Galizien auch unzählige Waisen aus diesem Lande nach dem Zentrum der Monarchie brachte, von einigen Rabbinern und sonstigen führenden Persönlichkeiten gekauft und als Kriegswaisenhaus eingerichtet. Wenn auch zu einer umfassenden Abhilfe bei der Größe des jüdischen Kriegselends weder Raum noch Mittel genügten, sollte hier doch unter Leitung eines bewährten Pädagogen eine Musteranstalt entstehen, die zuerst Kriegswaisen und dann — nach den Pogromen der Umsturzjahre — Pogromwaisen aufnahm. Es wurde und wird hier zum erstenmal in Mitteleuropa gleichzeitig an vierzig Knaben gezeigt, wie moderne Errungenschaft mit streng religiöser Lebensführung vereinbar sind. Das Waisenhaus enthält zwei freundliche große Schlafsäle, mit herrlichem Ausblick auf den Anninger, an dem die allzu früh an dumpfes Ghettomilieu gewöhnten oder durch den Anblick von Schreckensszenen verdüsterten Augen wieder den ruhigen Blick ins Freie gewinnen. In peinlich sauberen Waschräumen, im Badezimmer und nicht zuletzt im Speisesaal wird für Pflege und Ernährung des Körpers in reichlicher und hygienisch einwandfreier Weise gesorgt, während in dem im zweiten Stockwerk befindlichen Lehrsaal das liegt, was dieses Waisenhaus von allen anderen Waisenhäusern Europas — auch von den jüdischen — unterscheidet. Hier erteilt ein pensionierter öffentlicher Lehrer den jüngeren Knaben in den Vormittagsstunden Unterricht in den Volksschulgegenständen, während die älteren Zöglinge die öffentlichen Hauptschulklassen besuchen, in denen sie als die besten Schüler gelten. Nachmittags aber wird in demselben Lehrsaal unter Leitung eines tüchtigen Fachlehrers ein intensives Studium jüdisch-religiöser Literatur betrieben und so im jugendlich-empfänglichen Herzen der Grundstein treuer Religionsübung gelegt. WIEN I., Seltenstettengasse 2 Tai. U 28-1-28 Xl.f Zentralf riedhoff, neben dem 1. Tor, Tel. I118-0-85 mmumm DIE WAHRHEIT CENTRALKINO Wien II., TaborstraBe 8 - Tel. R 42-3-41 ijrawfChrijno PORI Ein Spielfilm aus der afrikanischen Urwildnis fQontard-Klntfe-CxpcdUloiO Beginn der Vorstellungen: V>6, 1/fi und 9 Uhr Samstag und Sonntag ab Vt5 Uhr Im Lehrsaal halten die Zöglinge auch ihren eigenen Gottesdienst ab, bei dem sie selbst abwechselnd alle Funktionen ausüben, und dort war ich auch im vergangenen Sommer Zeuge eines Aktes, der wohl jedem Besucher unvergeßlich bleiben muß. Wie dies in allen frommen jüdischen Gemeinden üblich ist, wird auch im Badener Kriegswaisenhaus während der drei Wochen vor dem Fasttage der Zerstörung Jerusalems alltäglich um die Mittagsstunde eine unter dem Namen „Chazoth" bekannte Trauerfeier abgehalten, die hier inmitten einer jugendfrischen Schar, die Grauen und Jammer in frühester Kindheit kennen gelernt hat, nur um so eindrucksvoller wird. Wenn diese Knaben sich dem Gebrauche entsprechend in ihrem Lehrzimmer im Kreise auf den bloßen Fußboden setzen, um teils im Chore, teils im gefühl- und verständnisvollen Einzelvortrag die für diese Gelegenheit bestimmten hebräischen Elegien zu rezitieren, dann fühlt und sieht man, daß hier nichts Erkünsteltes vorliegt und daß diese Knaben wirklich mit den Worten des Klageliedes, des Urbildes aller „Jeremiaden" sagen können: „Waisen sind wir — ohne Vater!" Und so haben auch zwei Vertreter der schärfsten Gegensätze innerhalb des Judentums, der verewigte Oberrabbiner von Wien Dr. Chajes und der „Wiznitzer" Wunderrabbi von ihren Besuchen im Badener Waisenhause fast mit den gleichen überschwänglichen Worten gesprochen. Jener kam in seinen letz^ ten Lebensjahren gerne, so oft er konnte, immer wieder nach Baden, interessierte sich für jeden einzelnen Knaben und half der Leitung bei der Aufbringung der Mittel, dieser aber sagte nach seinem ersten Besuche, daß auf jedem einzelnen Zögling dieses Hauses die Schechinah, die göttliche Herrlichkeit ruhe. Trotz aller Mühe, die sich ein aus den würdigsten Vertretern der Wiener Judenschaft bestehendes Kuratorium gibt, ist es oft ein großes Kunststück, das Werk aufrecht zu erhalten, und darum soll an die große jüdische Oeffentlichkeit appelliert werden, dem Waisenhause durch Errichtung von Gedächtnisstiftungen, die ja keine hohen Beträge erfordern, oder auf andere Weise zu Hilfe zu kommen. Bedeutet es ja schon eine gewisse moralische Stütze für die Anstalt, wenn der eine oder der andere Leser dieser Zeilen sich angeregt fühlen sollte, bei einem Besuche des Weltkurortes, in dem man sonst nur genießende oder Heilung suchende Menschen sucht, auch einmal das Kriegswaisenhaus zu besichtigen. i. M a