Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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annnn ™nD Seite 5 Fe DIE WAHRHEIT mmmnmmmmmmmmmmmmmmm Manches Moment während der Herrschaft Dr. Seipels, über dessen private Einstellung zu den Juden man oft Lob hörte, verbessern dieses oben gezeichnete trübe Bild. Es ist festzustellen, daß er namentlich in religiösen Fragen wiederholt den jüdischen Repräsentanzen, vornehmlich der Wiener Kultusgemeinde, sehr entgegenkam. Es ist auch richtig, daß er in letzter Zeit versöhnliche Töne anschlug, wie zum Beispiel seine schöne Rede bei der Eröffnung des „Oesterreichischen Kulturbundes" bewies, die auch hier besprochen worden ist. Vielleicht ahnte er damals schon, was Oesterreich in Wahrheit frommt: der Friede unter allen Bürgern dieser armen Republik. Seine Gegner bezeichneten ihn als, Hindernis für diesen Frieden, er hat in geschickter Weise sich beiseite gestellt, um der Erreichung dieses Zieles nicht hinderlich zu sein. Doch schon hört man wieder den Gewaltschrei nach der „starken Hand". Wenn diese Zeilen in Druck erscheinen, dürfte die unleidige Situation vielleicht schon geklärt sein. Hoffen wir, daß dies in einer Weise geschieht, wie sie ganz Oesterreich und allen seinen Bürgern zum Heile gereicht, durch die Vereinigung aller Kräfte für den endlichen Aufstieg. Dies wünschen auch die österreichischen Juden, die dem Regime Dr. Seipel als treue Bürger dieses Staates Gerechtigkeit widerfahren ließen, die aber unter seiner Herrschaft nicht immer Gerechtigkeit fanden. 0. H. Die englischen Juden und die Jewish Agency. Die liberalen Juden Englands lehnen die Teilnahme ab. Die Liberale Jüdische Synagoge hat in ihrer am 24. März abgehaltenen Generalversammlung mit 28 gegen 6 Stimmen den Beschluß gefaßt, der vom „Board of Deputies" an sie ergangenen Einladung zur Teilnahme an der am 21. April in London stattfindenden Konferenz zur Wahl von Vertretern der englischen Judenheit in die Jewish Agency nicht Folge zu leisten. In dem Antwortschreiben, welches Claude G. Montefiore im Auftrage seiner Gemeinde an den Board of Deputies richtete, wird hauptsächlich der Standpunkt der strikten Neutralität gegenüber der zionistischen Bewegung hervorgehoben. Dem Bericht über die Debatte entnehmen wir, daß L. P. Jacobs zunächst für die Beschickung der vorbereitenden Konferenz eintrat, daß aber Lily H. Montagu darauf hinwies, man sei nicht eingeladen, um eine Meinung zu äußern, sondern um den Wunsch nach einem Nationalheim zu demonstrieren. Es sei deshalb unfair, zur Konferenz zu gehen und zu sagen: Ich habe diesen Wunsch nicht. Auch Rabbi Dr. Mattuck erklärte, schon der Text der Einladung mache die Teilnahme unmöglich. — Die liberalen Juden Englands werden daher der Jewish Agency fernbleiben und auch die vorbereitende Konferenz nicht beschicken. Schwierigkeiten auch in der Anglo-Jewish Association. Mit 11 Stimmen gegen die des Zionisten Chacham Dr. Moses Gaster beschloß der Rat der Anglo-Jewish Association in seiner am 24. März abgehaltenen Tagung, der Einladung zur Entsendung von Delegierten zu der am 21. April stattfindenden Konferenz der englischen Judenheit Folge zu leisten und an den Vorbereitungen zur Schaffung einer Vertretung der englisch-jüdischen Gemeinschaft im Rat der Jewish Agency teilzunehmen. Die Delegierten der Association für die englisch-jüdische Konferenz sind Sir Matthew Nathan, Sir Meyer Spielman, Elkan Adler und Harry R. Lewis. Bemerkenswert an diesem Ergebnis ist, daß der Präsident der Anglo-Jewish Association, Mr. Leonard G. Montefiore, nicht als Delegierter zur vorbereitenden Konferenz gewählt worden ist und eine solche Wahl auch von vornherein abgelehnt hat. Er begründete dies damit, daß die Nichtzio- Laut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners SIMON SCHREIBER aus Erlau veriaoiicl* TKO Erzeugt von HEINRICH FRANCK SÖHNE A. G. Kaffeemittelfabrik, Linz a. d. D. D«i federn Kaufmanme zu habenf nisten nicht etwa ihrer schönen Augen oder ihres politischen Einflusses halber eingeladen werden, in die Agency einzutreten. Hauptzweck sei die Verbreitung der Basis der Samm-. lungen für den Keren Hajessod und andere zionistische Fonds. Wenn einer der vier Vertreter der Association auf der Konferenz zu einem Mitglied der Agency gewählt wird, so werde dies die Association verpflichten, an der Keren Hajessod- Sammlung teilzunehmen. Auch die United Synagoge bleibt der Agency lern. Aus Gründen der Neutralität gegenüber dem Zionismus wird auch die United Synagoge in die erweiterte Jewish Agency nicht eintreten und die vorbereitende Konferenz nicht beschicken. * Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Bemühungen der Zionisten um die Erweiterung der Jewish Agency auch in England wenig erfolgreich sind. Bei den Diskussionen, die innerhalb der deutschen nichtzionistischen Organisationen, über das Agency-Problem geführt wurden, spielte bekanntlich die Frage eine große Rolle, ob durch den Eintritt von Nichtzionisten die Agency tatsächlich einen neutralen Charakter erhalte. Wie erinnerlich, wurde das von der Liberalen Vereinigung und auch innerhalb der Agudas Jisroel und des Centraivereins bestritten, weil bereits die verfassungsmäßige Grundlage der Agency, das Palästina-Mandat, in seinen wesentlichsten Teilen zionistische Parteiformulierungen enthält. Es ist nun interessant,, zu sehen, wie diese Auffassung auch von den englischen Juden geteilt wird, welche sich, gerade um ihre Neutralität zu dokumentieren und sich also nicht einseitig an den Zionismus zu binden, von der Agency fernhalten. Diese Haltung ist um so auffälliger, als man hätte meinen sollen, daß der Zionismus in England mit Rücksicht auf Englands Eigenschaft als Mandatarmacht und auf die Bestrebungen der Seventh Dominion League nicht in dem Maße politisch umstritten ist, wie in Deutschland. Die erheblichen Schwierigkeiten, auf die die Bildung der Jewish Agency auch in England stößt, werden die amerikanische Marshall-Gruppe nun wohl davon überzeugen, daß ihre einseitig mit der zionistischen Organisation getroffenen Abmachungen für die Nichtzionisten der außeramerikanischen