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Die Wahrheit · 1929-04-12 · Heft 15 (12.4.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 H"W'"""''"'"»,mmMM^ DIE WAHRHEIT für jene geben, die uns als „gute Bürger' anerkennen. Zwischen den „guten Bürgern" soll es keinen Unterschied geben, welcher Konfession sie immer angehören. Sie müssen in Tat und Wahrheit gleichberechtigt sein, selbstverständlich müssen sie aber auch die gleichen Pflichten tragen. Dieser Bürde haben wir Juden uns nie entzogen, wir haben sie oft über das uns zukommende Maß geleistet. Aber die Gleichberechtigung ist bisher nur durch die Staatsgrundgesetze gewährleistet, die praktische Handhabung läßt alles zu wünschen übrig. Und so ist die Frage, die wir immer aufwerfen müssen, nennen wir sie die „Judenfrage'1: Warum gibt man uns nicht die wahre, die wirkliche Gleichberechtigung, diese Gleichberechtigung nicht nur in Gesetzbüchern, sondern, was noch mehr ist, im Leben, in den Herzen unserer Mitbürger? Warum wollen nicht alle anerkennen, daß wir „gute Bürger" sind und daß wir daher mit jedem guten Bürger auch im Gefühle des Volkes gleichberechtigt sein sollen. Gebt uns diese Gleichberechtigung, die uns durch unsere ehrliche Arbeit um das Wohl des gemeinsamen Vaterlandes geziemt, und die Judenfrage wird gewesen sein. Der Rücktritt Dr. Seipels. Auch für die Eingeweihtesten unerwartet kam vorige Woche der Rücktritt des Bundeskanzlers Dr. S e i p e 1. Wie immer man zu seiner Person stehen mag, das eine muß anerkannt werden, er ist ein Staatsmann von ganz großem Format, als welcher er ja auch gelegentlich seiner Demission in der objektiven Presse, insbesondere der des Auslandes charakterisiert wurde. Oesterreich hat diesem Manne — bei aller Kritik dessen, was er geleistet hat, muß es gesagt werden — sehr viel zu verdanken. Die Sanierung, die das politische und wirtschaftliche Leben unserer Republik, wenn auch nur langsam fortschreitend, beeinflußt, war sein Werk. Es gelang ihm nicht zuletzt deshalb, weil er glänzende Beziehungen zu den führenden Staats-, männern des ehemals feindlichen Auslandes hat.^ Muß man so seinem außenpolitischen Wirken Gerechtigkeit widerfahren lassen, so wird man dennoch nicht umhin können, an seiner innerpolitischen Tätigkeit vieles auszusetzen. Er war trotz seines priesterlichen Gewandes nicht der Mann der Milde, die er ja auch einmal, als sie ganz Oesterreich von ihm erwartete, nämlich nach dem unseligen 15. Juli, ausdrücklich für sich ablehnte. So konnte es geschehen, daß sich unter seinem Regime die inneren Spannungen nur noch verschärften, welcher Tatsache er ja auch selbst in der Begründung seines Rücktrittes Rechnung trug. Neben den politisch so besonders scharf gegensätzlichen Parteien unseres Parlamentes standen sich — eine größere Gefahr für unsere Volkswohlfahrt — die bewaffneten Parteigarden mit größter Leidenschaft gegenüber, deren schädlichem Treiben Doktor Seipel nicht nur nicht Einhalt gebot, wie es seine Pflicht gewesen, sondern leider durch seine Festlegung bei der „Heimwehr" nur zu sehr unterstützte. In diesen Blättern interessiert natürlich vor allem die Haltung des Mannes, der fünf Jahre die Geschicke unseres Staates lenkte, gegenüber den österreichischen Juden. Auch hier finden wir kein einheitliches Bild. Dr. Seipel ist Geistlicher; das Oberhaupt seiner Kirche hat vor einiger Zeit in einer feierlichen Erklärung „aufs schärfste den Haß gegen das erkorene Volk Gottes, jenen Haß, der im Antisemitismus in Erscheinung tritt, verworfen". Dennoch aber sahen wir, daß in dem von Prälat Dr. Seipel geleiteten Oesterreich der Judenhaß immer mehr an Boden gewinnt, und nicht nur in den unteren Schichten des Volkes, sondern auch dort, wo seine Verantwortung zu suchen ist: im Staats- und Geistesleben. Ein Beispiel für viele: unsere Universität. Ist nicht in dieser dem Staate unterstellten Stätte der Wissenschaft ein Geist unter Seipels Regime eingezogen, der der Wissenschaft fremd, der Hetzpolitik aber bedenklich nahe ist? Wann hat man je von der höchsten Seite unseres Staates ein Wort der Verurteilung gegen diese Kulturschande vernommen, wann wurde je gegen diesen Ungeist eingeschritten, der die Wissenschaft beschmutzt. Man hat dieses erlösende Wort nicht gehört. Dr. Seipel ist eben nicht nur ein hervorragender Angehöriger der Kirche, die den Antisemitismus ^chon deshalb ablehnen müßte, weil er ihre Grundfesten bedroht, sondern auch — und das war oft genug für ihn in dieser Frage bestimmend — Chef der christlichsozialen Partei. Auch diese Partei hat in unseren Tagen manche Wandlung erfahren. Von dem Lueger-Antisemitismus ist sie heute weiter denn je entfernt, besonders vor den letzten Wahlen, da die famose „Einheitsliste", auch ein Werk , Dr. Seipels, um die Gunst aller antimarxistischen ^Wähler buhlte, hat man gerade von ihrem Führer manches judenfreundliche Wort gehört, das aber zu Schanden wurde durch die empörende Tatsache der Kandidatur Dr. Riehls. Auch Jerzabek und die Judenfresser tutti quanti der Partei sind jetzt gewissermaßen in Ketten gelegt. Ab#r die Christlichsozialen sind nach wie vor programmgemäß antisemitisch, sie bekämpfen „den zersetzenden Einfluß des Judentums auf geistigem und wirtschaftlichen Gebiete". Nach dieser Programmphase wurde in Oesterreich überall vorgegangen, wurde nicht zuletzt — regiert. Allerorts werden die Juden zurückgedrängt, um nur ja nicht ihren „zersetzenden Einfluß" aufkommen zu lassen. KlGldClf kr^dit ZaMbar innerhalb eines ■■■HM^aMmMMMMMi Jahres. Sämtliche Herren- und Damenkleider Nor Qualitätsware! nach Maß sowie fertig lagernd. Billigste Preise I KLEIDERHAUS WERTER, WIEN XVI., Telephon A 1-501 Ottakrlngrerstraße 17 Telephon A 1-501 TEPPICMIAUS WCITZNCß Vl.,riorlohliferstr.l0S -!¥.. Wiedner nauplsfr.io macht höfl. auf den besonderen Ohkaslonsverhanl aufmerksam. Es gelangen zum Verkauf: Teppiche, Decken, Vorhänge, Linoleum, Stores, Doppelbettdecken, Künstlervorhänge, etc. Tischteopiche S 25.—, Stores S 3.50, Madrasvorbönge S 5.F0, Doppelbettdecken S 12.—, Laufteppiche per M. S 2.50, Flanelldecken S 4.50, __jejivoriegerSj5g und viele« andere bis zur feinsten Qualität.

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