Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT wmmm BU luua Seite g KUNEROL Ist reinesKofcosnußfctt and wird unter streng rira* ellerAufsicht des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld «uMattersburg erzeugt. Daher können es alle Streng* gläubigen zur Osterspeisen-Zubereitung verwenden. MBH&aatttiHhJg* ymmssd ■-■ar^r: Jüngst erklärte aber sein Führergenosse Doktor Pfrimer bei der Haupttagung der Kärntner Hejimatschutzverbände, daß „die bekannten gemäßigten Aeußerungen des ersten Bundesführers Dr. S t e i d 1 e zur Judenfrage in weitesten Kreisen des Heimatschutzes abfällig beurteilt worden sind. Für den Heimatschutz gebe es in dieser wichtigen Frage nur eine Stellungnahme: Die Juden müssen derRasse nach alsFremdvolk angesehen und als solches auch behandelt werden." („Neue Freie Presse'\ 9. April 1929, Morgenblatt.) Der christlichsozialen Partei also uns anzuschließen, verbietet uns das Gebot der Selbstachtung, unserer Ehre! Von der weitaus unbedeutenderen bürgerlichen Partei, den Großdeutschen viel zu sprechen, erübrigt sich wohl. Sie steht auf dem Rassenstandpunkte und liebäugelt mit den Nationalsozialisten, deren Führer Dr. Walter Riehl, der Verteidiger des freigesprochenen Pöffl, der einen jüdischen Journalisten im offenen Gerichtssaale erschossen hatte, nach diesem Prozesse in seinem Wartesaale den Leitartikel eines Blattes mit dem fettgedruckten Titel: „Darf ein Jude gemordet werden?" affichiert. Und nun die letzte bürgerliche Partei, die Demokratische Mittelpartei, der viele Juden angehören. Es ist ein Verdienst dieser jüdischen Mitglieder, daß diese frühere bürgerlich-demokratische Partei sich den Lockungen Seipels bei der letzten Wahlbewegung entzog. Aber diese Partei ist nicht zuletzt wegen unseres undemokratischen Wahlrechtes noch gering an Zahl und deshalb ziemlich unbedeutend. Aber auch die vorläufig noch wenig zahlreiche Schar der Demokratischen Mittelpartei soll ehrlich und unverdrossen an der Ausbreitung und Stärkung der demokratischen Grundsätze im Wiener Bürgertum arbeiten. Und wenn Juden dabei tätig sind, vielleicht einige unter ihnen als Führer mitarbeiten, da möge Prof. Dr. Bredt ihnen nicht vorhalten, daß sie sich „in unkluger Weise vordrängen"! Wer durch Begabung, Fleiß und durch die Fähigkeit, anderen seine warme Ueberzeugung einzuflößen, zur Führerschaft gelangt, drängt sich nicht vor, der soll in der vorderen oder auch in der vordersten Linie kämpfen, auch wenn er ein Jude ist. Prof. Dr. Bredt verspricht sich nur von dieser, wie er selbst zugibt, gegenwärtig noch nicht möglichen „Beheimatung der Juden in allen wichtigen Parteien" die Lösung des „Judenproblems"'. Allein das „Judenproblem" wird erst dann gelöst sein, wenn dieses Wort aus der politischen Terminologie verschwinden wird. Es muß zumindesten aus dem Sprachschatze der Parteien verschwinden, die nicht in der Judenfeindschaft die Grundlage ihrer Existenz finden wollen. Für uns jüdische Bürger, von denen Prof. Dr. Bredt weiß, „daß sie g u t e B ü r g e r Wiens sind", gibt es keine „Judenfrage", kein „Judenproblem". Es darf ein solches ebensowenig licher Entwicklung. Selbst die zwischen Holland, England und den Eingeborenen um diese Zeit durchgeführten Kämpfe und die Tauschgeschäfte zwischen Holland und England, durch welche einzelne Kolonien den Besitzer wechselten, störte die jüdischen Pioniere jener weltentrückten Dschungelkolonien in keiner Weise. Die Juden behielten die ihnen ursprünglich von den Engländern zugesicherten Privilegien auch unter holländischer Herrschaft. In der Zeit zwischen 1664 und 1680 haben die Juden Paramaribo verlassen. Was sie dazu bewogen hat, ist heute nicht mehr festzustellen. War es eine Verfolgung oder Entziehung der Privilegien oder vielleicht die Angst, daß Holland ihnen die in schwerer Pionierarbeit erworbenen Reichtümer mit Gewalt wegnehmen würde — Tatsache ist. die Juden verließen Paramaribo und siedelten sich auf einer weiter nördlich gelegenen Stelle der Insel Savannah an. Diese Insel gehörte Samuel Nassy, einem der ersten brasilianisch-jüdischen Pioniere jener Gegend, der auch zu den Begütertsten von ganz Guiana gehörte. Dieser Samuel Nassy schien offenbar schon damals von einem Judenstaat zu träumen, denn er stellte sich an die Spitze seiner jüdischen Brüder und führte sie selbst von Paramaribo stromaufwärts auf seine Insel, die von jener Zeit an den Namen Yaddo Savannah. Savanne der Juden, erhielt. Und wieder begann hier der Kampf gegen die Dschungel. Es wurde wieder gerodet, urbar gemacht, Plantagen wurden angelegt, Kultur geschaffen. Es war schwere, oft blutige Arbeit, aber sie war von Erfolg begleitet. Yaddo Savannah wurde ein blühendes Kulturland. Nach fünf Jahren errichteten die Juden den „Kahal Kadosch Berachah weschallom", die heilige Gemeinde des Segens und Friedens, und gleichzeitig die erste Synagoge auf amerikanischem Boden. Am 8. Cheschwan 5566. das ist am 12. Oktober 1685, wurde diese Synagoge, mitten in einem großen Park gelegen, von dem aus London berufenen Rabbi David Pardo eingeweiht. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war diese jüdische Gemeinde in Savannah auf 10.000 Seelen angewachsen. Savannah wurde ein wichtiges Handelszentrum. Die Siedlung blühte und schien unverwüstlich und nach allen Richtungen hin gesichert. Die erfolgreiche Pionierarbeit der Juden hat auch andere Siedlungen zur Folge gehabt. Das Eindringen der Weißen machte schließlich die Buschleute rebellisch. Die Juden organisierten eine Schutzmiliz unter dem Kommando der Nassy und Pardo. Yaddo Savannah wurde regelrecht befestigt, aber bei jedem Ueberfall der Eingeborenen fiel irgend eine schwer errungene Kulturinstitution zum Opfer, eine Schule, ein Hospital oder die Bibliothek. Schließlich mußten die Juden trotz ihrer Tapferkeit und ihres Heldenmutes auf Befehl der holländischen Regierung den Kampf einstellen. Yaddo Savannah hörte auf, für die luden sicher zu sein. Krankheiten dezimierten die Bevölkerung. Zwischendurch blühte wieder Paramaribo auf und die Juden zogen wieder zurück. Heute finden sich noch in Paramaribo und anderen Punkten Guianas Nachkommen jener ersten jüdischen Pioniere, die aus Portugal und Brasilien über Amsterdam nach den Dschungeln vorgedrungen sind, und dieses Urwaldgebiet der Kultur und der Zivilisation eröffnet haben. Sie haben sich wohl zum größten Teil mit der eingeborenen Bevölkerung vermischt. Ihre dunkle Hautfarbe beweist es, und obgleich sie auch sonst vieles von ihrer iüdischen Eigenart eingebüßt haben, erzählen sie gerne dem Reisenden von den Ruhmestaten ihrer Vorfahren und bekennen sich stolz zum Judentum.