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Die Wahrheit · 1929-04-12 · Heft 15 (12.4.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 15 (12.4.1929)
Date
1929-04-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 "»"rc'»»«uiiimiini^^ .......WAHRHEIT keit gegen das Geschick ihrer Glaubensbrüder gezeigt haben? Die Antwort kann nur verneinend lauten. Aber den wohlmeinenden Ratgebern möchten wir doch die Frage vorlegen, warum denn niemand von ihnen die christlichen Führer, Seitz, Doktor Renner und die anderen, wie wir sie oben genannt haben, von ihrem ihnen so verderblich erscheinenden Wege abzubringen versucht, ja auch nur den Gedanken zu einem solchen Versuche je gefaßt hat? Die Antwort ist leicht, sie muß aber für die christlichen wie für die jüdischen Führer gelten: Weil in einer wahrhaften Demokratie die Betätigung jeder wahren Ueberzeugung geachtet werden muß! Und daß Dr. Bauer, gewiß einer der hervorragendsten Köpfe der Sozialdemokratie, und seine jüdischen Genossen Sozialdemokraten aus ehrlicher Ueberzeugung sind, das wird doch gewiß auch der verbissenste Hakenkreuzler nicht bestreiten können. Wir bürgerlichen Juden beklagen, abgesehen von unserer entgegengesetzten politischen Stellung, die Zugehörigkeit so vieler Juden zur sozialdemokratischen Partei. Allein wir müssen es in richtiger Auffassung der Demokratie ablehnen, daß auch die Frage der Zugehörigkeit zu einer Partei oder der Anteilnahme an der Führerschaft nicht nach den rein objektiven Merkmalen der aufrichtigen Ueberzeugung, sondern nach dem Religionsbekenntnisse beurteilt wird. Wenn also bei Karl Seitz und den anderen katholischen Führern der Sozialdemokratie die Frage nach der Konfession nicht aufgeworfen wird, so darf auch die Berechtigung des ehrlich überzeugten Dr. Otto Bauer, der Sozialdemokratie ztizugehören, aus dem Grunde nicht bestritten werden, weil er ein Jude ist. Prof. Dr. Bredt erteilt nun den jüdischen Bürgern Wiens den Rat. jenen Parteien sich anzuschließen, „in denen sie, ohne sich in unkluger Weise vorzudrängen, wohl gelitten sind". Leichter gesagt als getan! Prof. Dr. Bredt sagt selbst: „Eine bürgerliche Partei, die d e n j ü d i s c h e n B ü r g e r n von Wien genau so politische Heimat ist wie den christlichen, muß freilich da sein." Sie ist aber nicht da! In der Wahlbewegung des Jahres 1927 wurde um die jüdischen Wähler viel geworben. Sie mußten aber mit aller Entschiedenheit es ablehnen, der christlichsozialen Partei Hilfsdienste zu leisten, einer Partei, deren Führer, der gegenwärtig bedeutendste "Staatsmann Oesterreichs Dr. S e i p e 1, es entweder nicht verhindern konnte oder wollte, daß in das Wahlprogramm dieser schmähliche unwahre Satz, „die Uebermacht des jüdischen Einflusses auf wirtschaftlichem und geistigem Gebiete müsse gebrochen werden", aufgenommen wurde. Dr. Seipel war es auch, der, um die wenigen nationalsozialistischen Stimmen zu gewinnen, es zuließ, daß der Judentöter Dr. Walter Riehl, der sogar seine Gerichtsreden in die bösesten Judenhetzen ausarten läßt, im judenreichsten Bezirke Wiens als Wahlwerber seiner Einheitsliste aufgestellt wurde, er war es auch, der, als Dr. Riehl durch die allgemeine Entrüstung aus der Leopoldstadt weggefegt wurde, ihn dennoch einem anderen Wiener Bezirk zuwies, in welchem er allerdings einen glänzenden Durchfall erlebt hat. Dr. Seipel hat auch offen für die „Heimwehren", diese österreichische» bürgerlichbäuerliche Gegenarmee gegen den republikanischen (sozialdemokratischen) Schutzbund, Partei genommen. Der Führer der „Heimwehr", Dr. S t e i d l e, hat wohl noch vor einigen Wochen auch im „Neuen Wiener Journal" den Juden versichert, daß er keine Judenpogrome wünsche und daß er kein Antisemit sei, wenn er auch den Antisemitismus unter anderem in der jüdischen Führerschaft der Sozialdemokratie (siehe die früheren Ausführungen) begründet finde. 3e*MilletGM%, Jüdische Pioniere in den Dschungeln. In der englischen Monatsschrift „Menorah" beschreibt John W. Vandercook seine Reise zu den Buschnegern in Holländisch-Guiana (Südamerika) und schildert, wie er auf die Ueberreste einer einst großen und reichen jüdischen Siedlung in den Dschungeln gestoßen ist. Diese Siedlung, die noch heute unter der dortigen Bevölkerung unter dem Namen Yaddo Savannah — Savanne der Juden — bekannt ist, wurde im 17. Jahrhundert von spanischen und portugiesischen Flüchtlingen gegründet, die von Holland aus als Kolonisten nach Südamerika kamen. Hier drangen sie bis nach Paramaribo an der nördlichen Küste von Südamerika vor und gründeten dort im Jahre 1644 ihre erste Siedlung. Paramaribo wurde kaum ein Jahr später von seinen englischen Bewohnern, den eigentlichen Begründern, verlassen, die sich für den amerikanischen Bürgerkrieg anwerben ließen. So blieben die Juden allein in Paramaribo. Die ersten Juden in Guiana gehörten der alten portugiesisch-jüdischen Aristokratie an. Es waren Namen, wie Nassy, nach dem die Insel am oberen Strom benannt wurde, ferner Dakosta, de Silva, Pereira, Arias, Mera, Cid, Naar, Pardo und andere. Wie diese Städter das Pionierleben in dieser tropischen Gegend in den Dschungeln, umgeben von feindseligen Buschleuten, mit so gutem Erfolg durchstehen konnten, ohne unterzugehen, bleibt ein Rätsel. Sie kultivierten den Boden, pflanzten, säten und ernteten, bauten Häuser auf und errichteten herrliche Gotteshäuser. Fünf Jahre lang waren diese Juden sich selbst überlassen und ausschließlich auf ihre eigene Energie und Findigkeit angewiesen. Nach fünf Jahren schwerer Arbeit, im Jahre 1650. erschien, ermuntert von den Erfolgen der portugiesischen Juden, Lord Willoughby of Parham, ausgerüstet mit entsprechender Mannschaft und erforderlichem Material aus England, und machte sich daran, eine neue englische Kolonie zu gründen. Dreizehn Jahre später, im Jahre 1663, erhielten Willoughby und sein Kompagnon Lawrence Hyde, ein Sohn des Lord Clarendon, von Karl II. einen Charter, durch welchen die Kolonie als englischer Besitz deklariert wurde. Der Charter enthielt auch die Bestimmung, daß die in Surinam — dem heutigen Willoughbyland — wohnenden Juden oder Juden, die später sich in d>i'esem Lande niederlassen sollten, unter britischer Herrschaft die gleichen Rechte und Sicherheiten genießen wie Engländer. Ferner wurde den Juden das Privilegium eingeräumt, eigene Zivilgerichtshöfe zu errichten. Die Verfassung sicherte ihnen auch das Recht zu, beweglichen und unbeweglichen Besitz letztwillig zu vermachen, Ehen einzugehen, Gottesdienste einzurichten und ihre internen Angelegenheiten fön Sinne ihrer eigenen Gesetze zu führen. Als dann im Jahre 1664 eine andere Gruppe portugiesischer Juden, angelockt durch die Erfolge der Juden in Paramaribo, aus einer anderen weniger erfolgreichen Siedlung an der Guianaküste zu den jüdischen Siedlern von Paramaribo stießen, schien diese Siedlung nunmehr gesichert. Es folgte eine ZeSt ruhiger, gedeih-

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