Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 15 (12.4.1929)
- Date
- 1929-04-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064212--17085-3087175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer 50 Oroschcn 4m JUn iettfkhltofcf». M«P y<ri»fhttw>tett 4/ut IwmHflaAni Kttfoiigemein<le Wk»M Redaktion und Administration: WIM H., Helnestrafie Nr. IS — TetoflMn R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 12. April 1929 Nummer 15 Judentum und Sozialismus. Von Dr. Jakob 0 r n s t e i n. - ■;* ' .1 ' / In seinem im „Neuen Wiener Journal" vom 24. März 1929 unter dem Titel: „Will das jüdische Bürgertum Wiens Selbstmord begehen? Los vom Austro-Marxismus!" erschienenen Artikel schreibt der Fraktionsvorsitzende der deutschen Wirtschaftspartei und Reichstagsabgeordnete Univ.- Professor Dr. J. V. Bredt: „Wenn ich den jüdischen Bürgern Wiens, von denen ich weiß, daß sie gute Bürger Wiens sind, einen Rat geben darf, so ist es dieser: Los vom Marxismus, der ihr natürlicher Feind ist, und hinein in die Parteien, in denen sie ... . wohl gelitten sind!" Der den Juden offenbar wohlmeinende Verfasser dieses Artikels geht von der irrigen Auffassung aus, als ob die Juden auch in politischer Beziehung ein geschlossenes Ganzes darstellen oder darstellen sollen. Diese Auffassung führt bei unseren Widersachern, insbesondere den Hakenkreuzlern aller Schattierungen so weit, daß sie für die von ihnen nicht gebilligte politische Betätigung einzelner oder auch eines größeren Teiles der Juden die gesamte Judenschaft verantwortlich machen wollen. Kürzlich hat ebenfalls im „Neuen Wiener Journal" der Führer der österreichischen Heimwehren, Bundesrat Doktor Richard S t e i d 1 e, als eine der Ursachen des Antisemitismus den Umstand bezeichnet, daß die Führer des Austro-Marxismus angeblich zum großen oder größeren Teile Juden sind. Wir wollen nicht bei der Tatsache verweilen, daß diese Führer beinahe durchwegs dem Judentum den Rücken gekehrt haben. Selbst wenn sie alle noch zu uns gehören würden, ist es nicht geradezu hirnrissig und nur vom judenhetzerischen Standpunkte verständlich, allen, insbesondere auch den treu an ihren bürgerlichen Tendenzen festhaltenden Juden die Verantwortung für die sozialdemokratischen Juden, bzw. ehemaligen Juden Dr. Bauer, Dr. Danneberg, Austerlitz, Breitner u. a. aufzubürden? Ja warum machen denn die Hakenkreuzler nicht auch das gesamte Christentum für die christlichen sozialdemokratischen Führer verantwortlich? Die Hakenkreuzler würden sich wohl hüten, für das Christentum eine solche Solidarhaftung zu konstruieren, denn dann käme doch die Lüge von der ausschließlich oder überwiegend jüdischen Führung klar zutage. Wer würde den tatkräftigen Wiener Bürgermeister Karl Seitz, den gewesenen Staatskanzler Dr. Renner, den Vizepräsidenten des Nationalrates Eldersch, den Präsidenten der Arbeiterkammer Domes, den ungekrönten König der Technischen Union (Post-, Telegraphen- und Telephonangestellte) Zelenka, den gewesenen Landeshauptmann von Niederösterreich Sever. den Urheber des berüchtigten, gerade gegen jüdische Bewerber um das Heimatsrecht gerichteten „Sever- Erlasses", u. a. m. für Puppen der jüdischen Drahtzieher halten, die allein den Austro-Marxismus oder den Austro-Bolschewismus geschaffen haben sollen und ihn aufrechterhalten? Wohl beklagen wir Juden, die im bürgerlichen Lager stehen, daß sich unter den Führern der Sozialdemokraten auch oder vielleicht in größerer Zahl Juden finden, aber nur vom jüdischen Standpunkte aus. Wir Juden leiden nämlich schwer unter der angeblichen jüdischen Führerschaft in der Sozialdemokratie, denn dieser Umstand bietet dem Antisemitismus einen Anlaß, den nicht sozialdemokratisch gesinnten Teil der Bevölkerung unaufhörlich gegen uns aufzuhetzen und aufzustacheln. Diese rastlose Hetze wirkt sogar, wie eben der Artikel des Herrn Prof. Dr. Bredt beweist, auch auf der Hakenkreuzlerei fernstehende Kreise ein, denn auch in seinen Worten schwingt ein milder Tadel gegen uns, weil wir es zulassen, daß Juden in prominenter Stellung in der sozialdemokratischen Partei tätig sind. So bildet diese behauptete Führerschaft für uns eine Gefahr, weil die Hakenkreuzler sie zu einer solchen machen wollen. Allein unsere in der Sozialdemokratie führenden Glaubensgenossen oder die, die es einmal waren, sind gegen diese Gefahr vollkommen gleichgültig, sie stellen die Parteizugehörigkeit höher als die noch bestehende oder die ehemalige Glaubensbrüderschaft. Und nun fragen wir: Stehen uns Mittel gegen diese noch oder ehemals jüdischen Führer zu Gebote, deren großer Teil durch ihren Austritt aus unserer Glanbensgenossenschaft ihr? vollständige Gleichgültig-