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Die Wahrheit · 1929-04-05 · Heft 14 (5.4.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 14 (5.4.1929)
Date
1929-04-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT smurioifliifflömfflBiraHimmnimiinnm um Seite 9 „Wie klein mußte einem strengen Monotheisten der Zeus des Phidias erscheinen!" Den Griechen dünkte es erhaben, daß sein Zeus, wenn er sich erhöbe, die Wölbung einstoßen würde. „Wie eng mußte der Monotheist diese Vorstellung finden!" ■(!, 195). Die griechische Plastik bleibt deshalb doch in Ehren, und die Philosophie das taugliche Mittel, „auf dem begrenzten Teile der Natur und Geschichte, der uns beschieden ist"8), uns einzurichten. Der Bogen, den der „Bürge der Sittlichkeit" über Logik und Ethik wölbt, er ist ein Abglanz gleich dem Regenbogen nach der Sintflut und dem über der Geliebten Haus in „Schäfers Klagelied". Die Einzigkeit Gottes weist höher und langt weiter. Hier (überragt der Inhalt des Erkennens die in ihrer Bewegung und Tendenz dennoch unendliche Erkenntnis und, daß ich dieses Verhältnis erfasse, bewahrt mich, indem es mich anvertraut. Auch die messianische Antizipation tritt erst jetzt in das rechte Licht einer unendlichen Reihe. Für christliche Studenten schrieb Cohen im Kriegswinter 1914 auf 1915, der Glaube an Gott biete die Gewähr dafür, „daß die Verwirklichung" der Idee des ewigen Friedens „niemals aufhört und niemals abbricht" (II, 346). Unser Zutun freilich wird gefordert. Wir dürfen nicht müßig sein. „Gegensätze lassen sich ausgleichen, Widersprüche müssen durch konsequente Kritik aufgehoben werden" (I, 85). Der Anblick dieses Mannes und „die Bahn seines Blicks" (I, 196) bestärke unsere Zuversicht. Es wird gelingen, „aus den religiösen, ökonomischen und Bildungskonflikten unserer Zeit die Rettung zu finden, wenn wir die Kraft haben, zu wollen" (II, 395). Zur Geschichte und Theorie des Antisemitismus. Von Dr. Fritz Friedlaender (Berlin). Die Bücher über den Antisemitismus sind Legion. Jedoch handelt es sich bei dieser fast zu reichhaltigen Literatur meistens nur um eine Analyse und Deutung des Antisemitismus, sofern er als psychologisches Problem einer Lösung harrt. Besonders nachhaltig ist dabei der Einfluß, den die verhältnismäßig neue Wissenschaft der Soziologie auf jene Fragestellungen gewonnen hat; sie hat die ziemlich verfahrene oder gar festgefahrene Theorie um fruchtbare Gesichtspunkte bereichert und dadurch eine Auflockerung des ganzen Problemkreises bewirkt. Dagegen tritt die zusammenfassende Darstellung der geschichtlichem Entwicklung des Antisemitismus weit zurück. Um so lebhafter ist daher der große Artikel „Antisemitismus" zu begrüßen, den der zweite Band der monumentalen „Encyclopaedia JudaLca" (Verlag Eschkol A.-G.) enthält. Dieser umfangreiche Artikel stellt an sich ein kleines Buch dain; und wenn es auch unbillig wäre, von ihm eine erschöpfende Behandlung des ebenso schwierigen wie weitschichtiigen Problems zu verlangen, so wird man doch über keine wesentliche Entwiicklungsliinic des historischen Prozesses vergeblich Belehrung suchen. Der eigentliche Wert der Monographie liegt einmal in der zusammenfassenden E-instel'lung, die einen Rundblick auf das weite Gebiet gestattet, und sodann in dem überparteiisehen oder, wie man sagt, objektiven Standpunkt der einzelnen Bearbeiter. Es ist der Redaktion der Enzyklopädie insbesondere zu danken, daß sie, wie das Vorwort hervorhebt, an dem einzig möglichen Grundsatz der Sachlichkeit auch in diesem Falle festgehalten hat. Von dem Bearbeitern! der einzelnen Abschnitte seien Dr. B. Jacob (Dortmund), Antisemitismus im Altertum und in Deutschland. Dr. E. Jacob (Saarbrücken), Mittelalter und Neuzeit in West- und Mittteleuropa, Diri Ludwig B a t o (Wien), Oesterreich, Tschechoslowakei, Ungarn, Dr. M. Wisch nitzer (Berlin), Rußland und Orient, Lucien Wolf (London), England, und Dr. Rafael Seligmann, Theorien über den Antisemitismus erwähnt. Der eigentlich ungenaue Begriff des „Antisemitismus" ist erst ziemlich spät, nämlich im Jahne 1879 durch Wilhelm M a r r geprägt worden. Constantin B r u n n e r, wohl der geistvollste Denker unter denen, die neuerdings das Problem angepackt haben, vermeidet ihn absichtlich und setzt dafür den treffenderem. Begriff des Judenhasses ein. Der antike Antisemitismus läßt sich nicht auf wirtschaftliche Beweggründe zurückführen, dagegen ergab der Weltgegensatz, in den das konservative Judentum zu deT Kulturpropaganda des Hellenismus geriet, immer schärfere Reibungsflächen: so kam es auf ägyptischem Boden, vornehmlich im hel'lenisier- 8) Ethik des reinen Willens. 1. Auflage, S. 437: 2. Autlage, S. 461. RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse 5 Telephon R 23-4-SO ||., Kl. Pfarrgas«« 28 Telephon A 41-6-24 Jüdisch«, Habrälscho and original englische Tanzschlager-PIatten zu bedeutend herabgeeetarten Preisen. Soeben eingetroffen die neuen _COaLMJfni»MA-SCMM,AOgMg_ ten Alexandrien, zu schweren Judenverfolgungen. Der Verlust der jüdischen Staatlichkeit ließ dfie religiöse Sonderstellung des Judentums noch deutlicher hervortreten: als dfie Abgaibe für den Tempel in Jerusalem durch römischen Machtsptruch in den fiscus judaicus umgewandelt wurdet, entstand die erste Judensteuer. Die Herkunft der Juden war den übrigen antiken Völkern ein ungelöstes Rätset; merkwürdige Bräuche, wie die Heiligung des Sabbats, die Beschneidung, sowie die Speisegesetze, erhöhten nur die Empfindung der Fremd- und Anders«, artigkeit und trugen viel zu dem Vorwurf der Absonderung bei. Der jüdische Qottesglaube wurde geradezu als eine barbarische Gottlosigkeit in Verruf getan, und gegen seine Bekenner erhob man die groteske Anklage, sie seien einem „EseMulte" ergeben. In einer derartigen Atmosphäre konnte die entsetzliche Blutlüge entstehen, und das schmähliche Gerede vom „ioetur judaicus", von besonderem „Judengeruche", kam ebenfalls im Umlauf. Während der Antisemitismus im Altertume immerhin keine durchgehende Erscheinung war, bildete er im sogenannten Mittelalter) die Regel. Je mehr das Christentum zur Staatsreligion und zur eccllesia militans wurde, desto lauter und feindseliger suchte man den neuen Glauben auf Kosten der älteren Mutterreligion herauszustreichen. Eine judenfeindfiche Gesetzgebung kommt auf und bezweckt schon in den ersten Stadien des Mittelalters eine Entrechtung der Juden. Sie sollen weder öffentliche Aemter bekleiden noch christliche Sklaven halten; ferner wird die Mischehe ihnien untersagt. Kaiser Justinian, der große Schirmherr des Rechts, ist es, der zuerst einen Eingriff in das religiöse Leben der Juden vornimmt. Der mißverstandsene Talmud wurde schon diesem Herrscher zum Stein des Anstoßes. Doch all dies war noch geringfügig im Verhältnis zu der späteren Judenpolatik der päpstlichen Kiirche. Die brutale Unterdrückung und Entrechtung den Juden ist das bewußte Ziel des kanonischen Judenrechtes, das auch für die verhängnisvolle Absonderung der Christen von den Juden verantwortlich ist. Die große Glaubensbewegung der Kreuzziige beileckte sich mit den furchtbaren Greueln der Judenverfolgungen, deren unsagbare Schäden selbst heute noch nicht verwunden sind. Der „gelbe Fleck*', jenes charakteristische Judenabzeichen, sowie die erniedrigende Zeremonie des „Judeneides" stellen die äußerlich sichtbarsten Merkmale der jüdischen Schande dar. Die alten Beschuldigungen gegen die Juden werden in verstärkter Tonart wiedler aufgenommen und durch neuartige vermehrt: die Beschuldigung des Ritualmords, der Hostienschändung, der Brunnenvergiftung und der „Schmähung" des Christentums bot den willkommenen Anlaß zur Judenhetze. Im Gegensatz zum antiken weist der mittelalterliche Judenhaß vorwiegend wirtschaftliche Ursachen auf: die ungerechtfertigte Wucherbeschuldigung spielt dabei' die Hauptrolle. Schließlich suchte sogar die Kirche dem Unheil, das sie verschuldet hatte, zu steuern; allein sie vermochte die Geister, die sie selbst -.cerufen hatte, jetzt nicht durch ihre päpstlichen Schutzbullen zu bannen. DiJe Hoffnung der Juden, daß den Anbruch des neuen Zeitalters der Reformation auch für sie der Beginn einer neuen und besseren Zeit sein werde, erwies sich als trügerisch.

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