Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 14 (5.4.1929)
- Date
- 1929-04-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 iMiuiiiran aiutmioinjiiiiiiiiimiiiuiiiiuHiiiiuiiiiiiiiiiiiHiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiu j)jE WAHRHEIT der Stil die Wahrheit bezeugen. An dieser Abhandlung entfachte sich aufs Neue und der seit Aristoteles nie geschlichtete Streit über die Platonische Idee — das bei Cohen Zusammengefaßte wurde auseinandergezogen und. vergröbert. Es ist nicht so, daß Cohen Piaton „kantisiert" habe: er fragt nur, „wie eine solche Antizipation der Tendenz der transzendentalen Methode, wenngleich nur dieser Tendenz, zum Behuf der Feststellung der objektiven Realität historisch zu denken und zu erklären sei" (I, 350). Ein andermal sagt er, „der philosophische Genius antizipiere die Prinzipien und die Tendenz der Wissenschaft" (I, 401). Die Vorstellung der Vorwegnahme hat Cohen dann in seinem System auf die Zeit selbst Übertragen, Zeit heißt ihm Zukunft, von daher ordnet und gliedert sich Vergangeinheit. Ein messianischer Antrieb hielt zeitlebens dieses Gemüt auf das Aeußerste gespannt. Vor einer Gefahr, der ähnlich Gestimmte verfallen sind, vor dem Rückschlag solch gesteigerten Empfindens auf das Ich-Gefühl, vor der Ueber- "schätzung des eigenen Vermögens im Denken und Handeln ist er bewahrt geblieben. Gerade seine Vorausschau, sein Tastsinn für die über Jahrtausende hinweg einem Künftigen zugewandte „Tendenz" in den Genien der Geschichte beäehrte ihn, wie kurz das Leben und wie schwer die Wissenschaft ist, und wie die Zeitlage auch den Erlesenen bedingt. Aber konnte er jener anderen Gefahr entgehen, daß sich die Welt auf die Vorwegnahme hin gleichsam konisch zuspitzt, daß das Auge nur noch vor sich, nicht mehr um sich blicken mag, und daher sich alles in den Zug des Denkens hinein streckt und verjüngt? Ging ihm denn wirklich „das Leben in einer logischen Bewegung geistiger Inhalte" auf?4) Dem widersprach sein Temperament, und auch seine Lehre besagt etwas anderes. Der Logik strömt Kraft von der Ethik zu, und beide überspült der Humor in jener Erweiterung dieses Begriffes, die in der „Aesthetik des reinen Gefühls" vollzogen wird. Zeitig beobachtet Cohen an jeder besonderen Richtung des Denkens, daß „überall eine Gemeinschaft bestehe mit allen anderen Richtungen, von denen man nimmer absehen könne, ohne die Einheit des Ganzen zu verletzen" (I, 271). Auch die Verknüpfungen -der Erkenntnis selbst mit Wille und Gefühl sind derart elastisch und unlöslich. Die drei Betätigungen werden erst nach- und aufeinandergestuft, dann' üneinandergestützt; so ersteht ein „System der Philosophie", aber nicht eine Darstellung des erfragbaren Weltwesens insgesamt, und hätte Cohen die „Psychologie" als viertes Glied hinzugefügt, so hätte sich zwar „reines Bewußtsein" entfaltet, das „Leben" jedoch wäre nimmermehr beschrieben oder gar begründet worden. Von da aus Philosophie aufzubauen oder bis dahin Philosophie auszudehnen, war überhaupt nicht die Absicht. Cohen lehnt es ab, zu erforschen, „wie es zugeht, daß der Wurm im Schmerz sich krümmt, und daß in Mozarts Gehirn Melodien singen."5) Das „Leben" liegt also außerhalb des Problemkreises und ebenso das „Unsägliche und Vorübergehende'*0) am einzelnen, am eigenen Ich wie an dem des Mitmenschen. Aber dieser Problemkreis ist mit Bedacht gezogen, und über ihn hinaus strahlen und wirken, wie die sich läuternde Subjektivität im Hinstreben zum Objektiven, so das „Leben" und das „Ich" in Cohens Schrifttum um so stärker, unablässig und unerschöpflich, und ebenda gewahren wir „im Irdischen das Ewige." Es drängt und trägt ihn, und es ergreift ihn mit ursprünglicher Gewalt an der Erscheinung des anderen. Zeugnis dessen sind die Charakterskizzen abgeschiedener gelehrter Freunde im zweiten Band unserer Sammlung. Um den „inneren Zusammenhang von Person und Sache" geht es ihm. „Das persönliche Gefühl, der anscheinend unkontrollierbare Affekt, bewegt im letzten Grunde die Triebkraft der Menschen. Dennoch bleiben die Ideen, die den Geist erfüllen, auch die schöpferischen Mächte seines Willens, seiner geistigen, seiner sittlichen Arbeitskraft"7). Von zwei Seiten also muß ich den anderen suchen, aus der Teilnahme an den Ideen und aus der Sympathie des Herzens, und von beiden Seiten her werden Person und Sache einander begegnen. Die Sympathie des Herzens ist ja dem Eros, der die Idee beschwingt, von Anfang an benachbart, und wo meine Fassung KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERfl/lNN EBENSPflNQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-5-15 4) So urteilt Kurt Borries in seinem übrigens reichbaltigen und sorglich überdachten Buche: „Kant als Politiker" (Leipzig 1928) S. 48 in der Anmerkung. °) Logik der reinen Erkenntnis. 1. Auflage. S^ 365. e) Brief vom 17. Juli 1890 an August Stadler zum Tode Gottfried Kellers, veröffentlicht in der „Gabe Herrn Rabbiner Dr. Nobel zum 50. Geburtstag dargebracht." Frankfurt a. M. 5682 (1921). S. 10. 7) Jüdische Schriften II. 426 in dem Nachruf auf Salomon Neumann. der Idee von der des anderen abweicht oder über sie hinausgeht, brauche ich den Unterschied nicht als Zwiespalt zu empfinden: er ist doch unerheblich gegetilüber der Bewegjung, in der wir beide begriffen sind, und mein Verständnis des „Natürlichen und Individuellen" wird nur gewinnen, da ich, wie in mir selbst, in dem andern, gleichsam innerhalb seiner Wände, Zwiesprach halte und über des Freundes Tod hinaus seine Gedanken weiterhin fördere. „Biograph soll der Verehrer sein; nur der, welcher liebevolle Parteinahme einem Leben widmet, vermag ein Lebensbild zu zeichnen" (I, 437). Dazu gehörte die tiefe Ueberzeugung, daß „dife Idee des Guten der echte Abschluß, die wahre Vollendung der Ideenlehre ist" (I, 363). Auch die Idee des Guten enthält eine Vorwegnahme, die im Rückgang auf das Individuum sich verwirklicht, ohne sich zu verendlichen. An der Gestalt Friedrich Albert Langes vor allem hat Cohen schaffende Sympathie betätigt, in dem Nachruf der „Preußischen Jahrbücher" (1876, II, 357—391). der von Kindheitserinnerungen aufsteigend. Charakter und Talent zueinanderfügt und die Leistung heraushebt und begrenzt, in der Einleitung zu Langes „Geschichte des Materialismus", die wie im Fortspinnen freundschaftlicher Unterhaltung zum Bekenntnis sich erweitert, zu einer gelösteren Aussprache des eigenen Denkens und Strebens. als sie in den Bänden des Systems verstattet schien (II, 171—302), und schließlich auf einem Gedenkblatt im ersten Jahrgang der „Ethischen Kultur" (II, 392 ff), wo die beiden gemeinsame Tapferkeit im Ertrag der „Ethik des reinen Willens" 'rhre Formel findet, .4aß diei Taten des Menschen nicht lediglich sein Schicksal, sondern daß sie seine Handlungen sind." Aber das Individuelle reicht doch über Handlung und Leistung hinaus; auch die Hoffnungen, die ein Mensch erweckt und die das Schicksal verschüttet, gehören zu dieses Menschen Gehalt. So hat Cohen August Stadlers Andenken uns sichergestellt. (II, 440 ff). In dem Geburtstagsgruß an Paul Natorp (II, 466 ff) heißt „die Freundschaft die zarteste Blüte der Humanität". Natorp war „seiner altdeutschen Abstammung sich froh bewußt", und. wie nur ein Humanist am griechischen Wesen, hing Cohen an „dem Eigentümlichen des deutschen Geistes." So lobt er an Eduard Zeller „die ruhigen Linien seines Griffels" (I, 397), und daß Friedrich Theodor Vischer als Aestheitiker „auf die inneren Verbindungen de.r Bewußtseinsmächte dringt" (I, 418), dafür weiß er ihm Dank. Er sp!üirt die Zartheit Gustav Theodor Fechners, auch wo er ihm die Zustimmung versagen muß. Einläßlich liebevoll würdigt er Leopold Schmidt und dessen der Breite eines Volkstums zugekehrte Darstellung der „Ethik der alten Griechen". Dabei betont er nachdrücklich „den Zusammenhang der philosophischen Begriffe mit den Beigriffen der Empirie" (II. 415). Als „Empirie" galt ihm durchaus nicht nur das wissenschaftlich bereits Eingeordnete. Er bemerkte die leisesten Wallungen an der Oberfläche der Erscheinung: „Natur hat weder Kern Noch Schale, Alles ist sie mit einem Male", und — das sagte er mir einst mit bezug auf das Aufschlußreiche des äußeren Benehmens — „die Epidermis ist konstitutionell". Cohen stand ein für seine Philosophie. Ein privates geistiges Leben, abseits davon, hat er nicht geführt. Nur an der Hand seiner systematischen Gedanken kommt man auch in den inneren Bezirk seiner Person, Wenn nun trotzdem das wissenschaftlich-literarisch dargestellte und das persönlich nachwirkende Dasein nicht ohne Rest ineinander verfließen, so erklärt sich das daraus, daß beide nach einem Unbegreinzbaren hin offen blieben. Dieses Unbegrenzbare durch die Stetigkeit der Beziehungen bestimmbar zu erhalten, hat er in der Philosophie sich vorgesetzt und uns als Aufgabe hinterlassen. Das Infinitesimale im Uebergang von der Mathematik zur Naturwissenschaft war ihm mehr als Zeichen, war ihm Realität. Wo aber fand er den Anhalt für „das arme menschliche Individuum", fiür jenes Ich, das es in. der Logik nicht gibt, das in die Ethik nicht hineinsprechen darf und auf das die Aesthetik nur hinsteuert?