Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 16 aitllH^^ DIE WAHRHEIT VontDoekc zulDockc Marianne Hainisch — 90 Jahre. Am 25. d. M. beging Marianne H a i n i s c h ihren 90. Geburtstag. Die Großtaten dieser Frau zu rühmen, hieße Eulen nach Athen tragen. Sie hat die Notwendigkeit der Anteilnahme der Frauen an den öffentlichen Angelegenheiten schon in frühester Zeit erkannt, sie hat zur Steuerung der Not unendlich viel beigetragen und überhaupt durch viele Jahrzehnte ihre hohe sittliche und geistige Kraft in den Dienst aller edlen Bestrebungen gestellt. Die Mutter des ersten Bundespräsidenten unserer Republik, des ihr würdigen Dr. Michael Hainisch, ist an ihrem seltenen Jubeltage gefeiert worden, wie sie es wirklich vollauf verdiente. Auch die jüdischen Frauen Oesterreichs hatten sich eingestellt und es gereicht uns zu besonderem Stolze, daß namens der Frauen Oesterreichs unsere Regine U 11 m a n n, die greise Vorkämpferin für die Rechte der jüdischen Frau, Marianne Hainisch den Dank für ihre Errungenschaften aussprach. Die zweite Knessio Gedaulo nach Wien einberufen. Nach längeren Beratungen zwischen dem Geschäftsführenden Ausschuß, dem Zentralrat und dem Rabbinischen Rat der Weltorganisation Agudas Jisroel wurde beschlossen, die zweite Knessio Gedaulo (Weltkonferenz) der Agudah für den 5. Elul 5689 (10. September 1929) nach Wien einzuberufen. Die Agudah-Zentralen in Wien und in Frankfurt haben bereits mit den Vorbereitungen für die Weltkonferenz begonnen. Bei dem Zentralbüro der Agudah laufen Nachrichten ein, daß überall in Verbindung mit der Knessio große Aktionen vonstatten gehen; die Reorganisationsarbeit schreitet vorwärts. Bundeskanzler Dr. S e i p e 1 hat dem Zentralbüro seine Befriedigung über die Abhaltung der Knessio in Wien und seine besten Wünsche zum Ausdruck gebracht. Adolf Reich s. A. Der Leopoldstädter Krankenunterstützungsverein „N ä c hs t e n 1 i e b e" hielt Donnerstag, den 21. d. M., eine Trauer- Sitzung ab, die dem Andenken seines verdienstvollen Obmannes Adolf Reich s. A. gewidmet war. Obmannstellvertreter I. Schönherz hielt dem Verstorbenen folgenden Nachruf: „Tiefe Trauer ist bei uns eingetreten. In verhälnismäßig kurzer Zeit wurde uns das dritte Vorstandsmitglied durch den Tod entrissen und diesmal leider unser Allerbester. Unser Obmann Adolf Reich befindet sich nicht mehr in unserer Mitte. Es hat nicht nur die trauernde Familie ihr Oberhaupt, der Verein seinen Führer, sondern auch wir, seine Mitarbeiter, einen guten und aufrichtigen Freund verloren. Er hat es verstanden, durch Herzensgüte die Herzen aller zu gewinnen und haben wir voll Achtung und Liebe zu ihm emporgeblickt. Jahrzehnte hindurch gehörte er dem Vereine an und kurz nach seinem Eintritt wurde er in den Vorstand berufen, in welchem er die Stelle eines Schriftführers übernahm, welche er zwei Dezennien innehatte. Dann wurde er zum Obmannstellvertreter und nach sechsjähriger Tätigkeit, als unser Ehrenobmann M. Rosenblatt zurücktrat, zum Obmann gewählt. In allen diesen Ehrenstellen hat er sich hervorragend betätigt, indem er seine ganze freie Zeit und Mühe dem Verein aufopferte. Nächstenliebe und Humanität waren seine Leitmotive und es befriedigte ihn nicht allein, daß auf seine Anregung Fonds geschaffen wurden, aus welchen notdürftige Mitglieder unterstützt werden, sondern auch für außenstehende Arme und Hilfsbedürftige wurde ein Fonds ins Leben gerufen, welcher ikn Namen „Adolf und Fanny Reich" trägt. Aus diesem werden auch Nichtmitglieder nach Möglichkeit unterstützt. Für alle diese aufopfernden Arbeiten wurde ihm die höchste Ehre, die der Verein zu geben hatte zuteil, er wurde zum Ehrenmitglied ernannt. Die sterblichen Ueberreste des teuren Toten haben wir vorige Woche zur ewigen Ruhe bestattet, jedoch sein Geist soll in unserer Mitte fortleben und besonders in diesen Räumen, welche der Verblichene als sein zweites Heim betrachtet hat Wir geloben daher, den Verein in seinem Sinne weiter zu leiten, und werden uns bemühen, den innigen Kontakt mit der trauernden Familie aufrecht zu erhalten. Worte des Trostes sind schwer zu finden. Wir hegen nur den Wunsch, der Allmächtige möge der schwer geprüften Familie und uns allen die Kraft verleihen, den großen Verlust leicht zu ertragen." Die Gedenkrede wurde von den anwesenden Familienmitgliedern, sowie den Vorstandsmitgliedern, Mitgliedern und Aerzten des Vereinesin tiefer Ergriffenheit stehend angehört. Sodann sprach das langjährige Vorstandsmitglied des Vereines Herr Carl Fuchs, der durch Krankheit verhindert war, am Leichenbegängnis selbst teilzunehmen vom Herzen kommende und zu aller Herzen gehende Worte des Dankes und Gedenkens. Dr. Jonas Bondi, Mainz s. A. Wohl selten begegnet der Heimgang eines führenden Mannes solch allgemeiner Teilnahme, wie es bei dem Ableben des Mainzer Raw, Dr. Jones B a n d i, der Fall war. Kind eines Hauses, in dem altjüdische Traditionstreue Fundament und Lebensinhalt war, hatte er das Glück, stets unter den Augen führender Männer der Orthodoxie seine Entwicklung zu nehmen, und als sein Oheim, der unvergeßliche Dr. Lehmann, das Zeitliche segnete, da waTd er. der Enkel eines Reb Scheumel Bondi und eines Josef Kirsch zum Raw von Mainz gewählt. Er bewährte sich gleäch groß in der Arbeit für den engeren Rahmen seiner Gemeinde wie für die gesamte Judenheit. Ein Genie des Herzens, eine vollkommen integre Persönlichkeit, von Jugend auf eingeführt in die Tiefen der Thora, ein Mann, der stein ganzes Sein und Wallen ausschließlich an der Thora orientierte, erwarb er sich bald die größte Achtung aller Kreise. Entschlossen in der Tat, milde und gütig in. der Form, gewann er das Vertrauen in allen jüdischen Lagern. Der Glaube seiner Gesinnungsgenossen an ihn und seine Kraft stellten ihn an die Spitze der Vereinigung traditionell-gesetzestreuer Rabbiner in Deutschland, berief ihn in das Kuratorium „seines" Rabbinerseminars in Berlin. Dr. Jonas Bondi war einer der ersten, der cJ'e Bedeutung der Forschungen Halevis erkannte und. mit feinem historischen Sinn und Takt, mit reichem Wissen auch auf diesem Gebiete, begabt, war er einer der wenigen, der die jüdische Geschichte durch seine Forschungen bereicherte und an der Spitze der jüdischen literarischen Gesellschaft unermüdlich an den Publikationen derselben arbeitete. Er war der Gelehrte par excellence. anspruchslos und bescheiden, an dem nur der Eingeweihte und Vertraute die souveräne Beherrschung des Wissens bewundern konnte. Ein Heros der Treue zum Banner der Orthodoxie ist in ihm dahingegangen. Chief-Rabbi Prof. Dr. Landau aus Südafrika in Europa. Wie wir erfahren, hat der Oberrabbiner von Südafrika, Professor Dr. J. L, Landau, ein klassischer hebräischer Dichter, am 10. d. M. eine längere Europareise angetreten, die ihn nach England, Frankreich. Deutschland und Oesterreich führen wird. Er wird mit seiner Frau zunächst seine greisen Schwiegereltern in Birmingham besuchen, die kürzlich die diamantene Hochzeit gefeiert haben und aus diesem Anlaß vom englischen Köruigspaar ausgezeichnet wurden. In England hat Dr. Landau zahlreiche Verehrer und Freunde, so die Professoren Dr. B ü c h 1 e r (früher in Wien), Chacham Doktor G a s t e r u. a. Prof. Dr. Landau, der Vizepräsident der Weltorganisation des „Misrachi" und Mitglied des südafrikanischen Oberhauses ist, wird auch mit führenden Persönlichkeiten der englischen Gesellschaft zusammenkommen. In Wien, wo der Chief-Rabbi anfangs Mai eintreffen dürfte, wird er seinen Lehrer, den greisen Gelehrten Rektor Hofrat Prof. Dr. Adolf Schwarz, Prof. Dr. S. K r a u s s, seinen Jugendfreund Schriftsteller Benjamin Segel und viel© andere Freunde und Bekannte aufsuchen, die Gräber Dr. Herzls, seines Studienkollegen Dr. C h a j e s und seines Bruders ReL-Prof. M. A. Landau aus Wiener-Neustadt besuchen und den zweiten Teil seines Werkes „Widujim", dessen erster Teii kürzlich erschien und so viel Anerkennung fand, dem Druck übergeben. Kombinationen wegen Besetzung des Wiener Oberrabbinerpostens, die an diese Reise geknüpft werden sollten, entbehren jedweder Grundlage._ Infolge Raummangels mußten in dieser Nummer die „Glossen" entfallen.