Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT riiifoHüwtiHiffl^ Seite 13 wird erst bemerkenswert, wenn man berücksichtigt, daß d i e Zuhörer, als ehemalige deutsche Fliegeroffiziere fast ausschließlich sehr rechtsstehenden Kreisen angehören, und daß der Mann auf dem Katheder da oben — mit den blauen Augen und dem blonden Schnurrbart — Jude und dazu noch ein russischer ist Hat das Publikum das gewußt? Vielleicht. Jedenfalls hat es rein gefühlsmäßig bei der einfachen Schilderung dieser T a t menschlicher Nächstenliebe seine Vorurteile vergessen. Ja, es applaudierte sogar mit lebhafter Heiterkeit, als Samoilowitsch berichtete, daß nach der Rettung der „Italia"- Leute dem deutschen Dampfer „Monte Cervantes", der, mit Passagieren einer Reise des Scherl-Verlages unterwegs, in Seenot geraten war. vom Sowjetdampier „Krassin" Hilfe gefeistet wurde, und daß die deutschen Passagiere zum Dank dafür die — Internationale anstimmten. Wie weit doch manchmal Dankbarkeit gehen kann. e. sch. Die Juden in Sowjetrußland. Einen bemerkenswerten Beitrag zur Kenntnis der Lage der Juden unter der Sowjetregierung in Rußland seit 12 Jahren finden wir im 8. Hefte der angesehenen tschechischen Wochenschrift „Pfitomnost" (Gegenwart) vom 28. Februar 1929. Der bekannte tschechische Publizist J. Ed. S r o m in Moskau, dessen Berichte über die gegenwärtigen Verhältnisse Sowjetrußlands in den ersten tschechischen Journalen und Revuen wegen ihrer nüchternen Objektivität geschätzt werden, veröffentlicht hier eine längere Studie: „Haben die Sowjets die Religion besiegt?" Dem zweiten Teile dieser lesenswerten Analyse Sroms entnehmen wir den folgenden Abschnitt über die Lage der Juden in der russischen Sowjetrepublik: „Die jüdische Religionsgesellschaft ist in ihrem Verhältnisse zur Sowjetregierung ebenso daran wie die übrigen Kirchen. Obzwar man in Westeuropa von der Sowjetregierung als von einer jüdischen Regierung spricht — trotzdem es in der entscheidenden Zentrale sehr wenig Beweise dafür gibt — haben die orthodoxen Juden ebenso berechtigte Gründe zu ihren Klagen gegen diese Regierung und gegen die kommunistische Partei wie andere Glaubensbekenntnisse.*) Auch viele jüdische Synagogen wurden in Klublokale umgewandelt, die Rabbiner sind genau so ohne Wahlrecht in die Sowjets wie alle übrigen Diener der religiösen Kulte, die jüdischen Nepmänner werden genau so auf die Solovinseln und nach dem Narymgouvernement verschickt wie etwa auch die atheistischen Nepmänner. In dieser Hinsicht ist die Sowjetregierung ganz gleich antijüdisch wie antiorthodox gegen die tausendjährige russische Kirche. Wir finden auch in keiner der jüdischen landwirtschaftlichen Kolonien, die im Süden Rußlands, in der Ukraine und Krim gegründet wurden und noch weiter angelegt werden, heute eine Synagoge, trotzdem diesen Juden ihre in Amerika lebenden Landsleute helfen, die gewiß noch sehr religiöse Juden sind. Auch der Zionismus hat keinen Boden, die jüdische Jugend ist zum überwiegenden Großteile im Komsomol, sie hört nach und nach auf, rein jüdisch zu sein, auch in bezug der charakteristischen Aussprache des Russischen. In ganz Rußland gibt es ungefähr 2,700.000 Juden, aber sicher ist nur ein kleinerer Teil davon israelitischen Glaubens, die überwiegende Mehrzahl sind nur der Nationalität nach Juden. Ja sogar in dieser Beziehung gibt es unter ihnen viele lauer Indifferente, obwohl hier die bolschewikischc Revolution allen Nationalitäten eine bedeutende Freiheit gegeben hat." 60. Geburtstag Kardinal Faulhabers. In diesen Tagen vollendet der bekannte Münchener Kardinal Faulhaber, gefeiert von der gesamten katholischen Welt, sein sechzigstes Lebensjahr. In aller Erinnerung leben die Worte, die er 1922 auf dem 62. Katholikentag nach der Ermordung Rathenaus sprach: „Wenn dann die Leidenschaften des Volkes durch diese persönliche Hetze aufgepeitscht werden und einer den Revolver zieht, dann brauchen wir keinen Staatsgerichtshof, um den Mörder zu suchen, dann sitzt der Mörder in der Schreibstube jener Zeitung, welche die Leidenschaften in persönlicher Hetze aufgepeitscht hat. Friede unter den einzelnen Religionsbekenntnissen des Landes!" Im Jahre 1924, im November, prägte er auf der Karitas-Woche in München folgende Worte: *) Diese Aeußerung bestätigt die Ansicht des Herrn Kultusvorsteher Bernhard Altmann in seinem Vortrag auf dem vorletzten „Union'-Sprechabend. „Wir wollen schauen, daß die Selbstzerfleischung des deutschen Volkes aufhört. Wir wollen schauen, daß München nicht mehr ein Höllentrichter von Haß und Roheit und Aufreizung bleibt, die eines zivilisierten Volkes und seiner Vergangenheit nicht würdig sind." Und als im Jahr 1927 den jüdischen Studenten der Universität München im Jänner die Teilnahme an der Jubiläumsfeier der Universität nicht möglich war, da sagte Kardinal Faulhaber in seiner Festrede „Paulus auf dem Areopag": „Alles was Mensch ist, hat den einen gleichen Stammvater.... also ist ,vor Gott kein Unterschied zwischen einem Juden und einem Griechen' (Römer 10, 12)____also sind alle Menschen in Adam Brüder .... also.darf es kein Kastenwesen geben, keinen Standesdünkel bevorzugter Volksschichten." Es wäre zu hoffen, daß der Tag nicht mehr fern ist, an dem seine Saat des Friedens zum Segen Deutschlands und der Menschheit aufgeht. Hebräische Landessprache in Palästina? Vor dem Jerusalemer Obersten Gericht wurde über die Klage eines Einwohners von Tel Awiw gegen den Generalpostmeister von Palästina verhandelt, der entschieden hat. daß Telegramme in hebräischen Lettern innerhalb Palästinas au den Postschaltern nicht entgegengenommen werden sollen. Das Gericht beschloß, den Gencralpostmeister aufzufordern, seine Haltung in dieser Frage zu begründen. Lessings „Nathan" antireligiös! Im Schauspielhaus in Frankfurt am Main rinden gegenwärtig Schüleraufführungen von Lessings „Nathan der Weis e" statt. Gegen diese Aufführungen haben d i e katholischen Priester Frankfurts mit der Begründung protestiert, daß das Drama sich gegen jede positive Religion richtet und die Jugend an der Religion zweifeln lehre. Natürlich wird das Drama trotz dieses Protestes weitergespielt werden, zu dem ein Kommentar vollkommen überflüssig ist. DER HEINE-BUND ] 5 EINE JODISCHE BUCH GEMEINDE f | Die dritte Jahresreihe (1929) enthält: [ \ NICOLO-PECCAVI oder die Dreyfus-Affäre in Cor- \ i pentras. Von Armand Lunel. Aus dem Französischen. 5 s Dichterische Verwertung politischen Themas: wie weit- | geschichtliche Vorgänge im Parteikampf eines Provinzj : nestes aussehen. — Erscheint im April. t l! ■ J. OPATOSCHU: 1863. Roman aus dem Jiddischen. ■ Fortsetzung des „Letzten Waldjuden", des Romans vor f S dem Sturm. Hier der „Sturm": die Zeit des Polen- | 3 aufstands, an dem viele Juden teilnehmen und den die 8 Russen blutig niederschlagen. — Erscheint im Juni. ■ ■ ■ [ MOSES MENDELSSOHN. Der Mensch und sein Werk. § ■ S Aus seinen Schriften, Briefen, Gesprächen. Herausgegeben §; von Bertha Badt-Strauss. \ : Umganz mit Juden und Nichtjuden, Freundschaften, \ \ Religiosität, öffentliche Betätigung, abgeklärtes Menschen- \ \ tum, gütige Weisheit — kurz Mendelssohns Persön- \ l lichkeit. — Erscheint zum Mendelssohn-Jubiläum im | | Auen,. 5 j JULIUS KAUSKIi JUDEN IN DER DEUTSCHEN j j POLITIK. Fortsetzung der Serie: Juden in der deutschen - Literatur, Juden auf der Deutschen Bühne, Die Juden in j [ der Kunst. Von den großen jüdischen Figuren des : Liberalismus und Sozialismus ausgehend, behandelt aus- \ | führtich die letzten 20 Jahre — von Riesser bis Rathenau! I i Erscheint im November. : :; Spezialprospekt auf Wunsch — Beste Ausstattung — : 5 Jahresbeitrag: 25Schilling. Postscheckkonto: Wien D 114.792 \ 5 (Dr. Aron Eliasberg) l I DER HEINE-BUND/B4RLIN WS7 pallass-tr. ro/vt | i________________________________________________________»________J