Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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BffliniiiupfflfmMfflHimrt^^ iiiniffluniuiiiiiiiiin Seite 9 Americana. Von Karl Grünpeter. Wenn man jüdisch-amerikanische Zeitungen liest, so fällt besonders auf, daß in ihnen fast gar nicht vom Antisemitismus die Rede ist, während in den deutsch-jüdischen Zeitungen dieses Thema den größten Teil des Inhalts beherrscht. Es wäre falsch, aus diesem Zustand auf ein Fehlen des Antisemitismus in den Vereinigten Staaten zu schließen. Allerdings den heldenhaften Antisemitismus der Oststaaten in Europa, der gewöhnlich in der Ueberzahl jüdisch aussehende Menschen in den Straßen anfällt, gibt es drüben nicht oder besser noch nicht. Dieses „noch nicht" findet seine Illustration in den neuesten Berichten über die Ritualmord-Unruhen in Massena (New York). Erschreckend nimmt der stille prinzipielle Antisemitismus zu und die Nachrichten, die ich in den letzten Monaten von amerikanischen Juden bekommen habe, werden viele deutsche Juden überraschen. Denn man ist hier gewöhnt, Amerika als das Dorado der Juden zu betrachten. In den Gesuchen der Firmen in den Zeitungen wird oft gewünscht, bei der Bewerbung die Religion anzugeben, und der Erfolg ist, daß die jüdischen Bewerber, wie mir von vielen glaubwürdig versichert wird, ihrer Religion wegen abgelehnt werden. Leider muß zur Schande unserer Glaubensgenossen erwähnt werden, daß, wie auch hier, viele jüdische Geschäftsinhaber keine jüdischen Angestellten wünschen. Sie begründen das damit, daß ihnen bei der höheren Intelligenz der Juden später starke Konkurrenz gemacht wird. Der gesellschaftliche Antisemitismus in U. S. A. ist unvergleichlich größer als bei uns, und es kommt eher das berühmte Kamel durch ein Nadelöhr als ein Jude in die Gesellschaft der upper fourhundred. Dieser Schaden wäre nicht sehr zu beklagen, aber die Ablehnung hat in sehr weite Kreise übergegriffen, obgleich die Verständigungsmöglichkeiten durch das Bestehen der interkonfessionellen „Permanent Commission on Better Unterstandings between Christians and Jews" größer sind als hier. Im Westen nehmen eine ganze Anzahl erster Hotels keine Juden oder jüdisch aussehende Gäste auf. In den Universitätsstädten müssen die jüdischen College girls und boys oft stundenlang herumlaufen, ehe sie ein Boardinghouse finden, das sie aufnimmt. Nicht weil die Pensionsinhaber sie nicht wollen, sondern weil die christlichen Mitbewohner mit ihren jüdischen Kollegen nicht zusammen zu wohnen wünschen. In einem Falle, der mir genau bekannt ist, mußte die Universitätsbehörde energisch eingreifen, um einer Studentin zu einer Wohnung zu verhelfen. Nicht immer laufen die Fälle so erfolgreich ab, wie seinerzeit bei dem Besuch des früheren Präsidenten Cleveland und des berühmten Philanthropen Strauß in Lakewood, einem Winterkurort der vornehmen New Yorker. Wie man erzählt, trat der Hotelmanager auf Mr. Strauß zu, er bedauere, ihn trotz der Anwesenheit des Präsidenten, weil er Jude sei, nicht aufnehmen zu können. Strauß kaufte das gegenüber liegende Gelände und errichtete dort eine Seifenfabrik. Die Hotelleitung bat de- und wehmütig um Entschuldigung, änderte ihre. Prinzipien und erwarb für einen hohen Preis das Ge- RICHARD HERZOG, Wien I., Adlergasse 5 Telephon R 23-4-90 ||., Kl. Pfarrgasse 28 Telephon A 41-6-24 JUdische, hebrSische und original englische Tanzschlager-Platten zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Soeben eingetroffen die neuen COUiraBIA-SCIllAGER bäude. Die jüngste amerikanische Literatur beschäftigt sich auffallend viel mit der Schilderung jüdischer Milieus, hauptsächlich der Hester Street. In diesen Büchern werden nicht immer die besten Typen geschildert. Typen, die bei den Nichtjuden nicht als Folge der Ghettoabsperrung gewertet, sondern nach den Prinzipien uns näherstehender Länder verallgemeinert werden. Bezeichnend für diese Richtung ist das jetzt auch in deutscher Uebersetzung vorliegende Buch „Herr Fettwanst". Die christliche Umwelt macht übrigens einen scharfen Unterschied zwischen amerikanischen und deutschen Juden einerseits und osteuropäischen anderseits. So bekam ich seinerzeit auf eine Anfrage wegen eines Sommeraufenthalts die Antwort: „Es werden nur amerikanische und deutsche Juden aufgenommen." Die erste Generation der eingewanderten Juden des europäischen Ostens bleibt meistens bei den Lebensgewohnheiten der schrecklichen europäischen Zeit und die sklavenartige Ausnutzung ihrer Notlage durch manche Arbeitgeber ist für unsere Begriffe unfaßbar. Die Organisationsarbeit der Arbeiterschaft (im Schneidergewerbe fast ausschließlich Juden) hat in der letzten Zeit an dieser Not vieles gebessert. Die gute Eigenschaft der jüdischen Eltern, die Zukunft ihrer Kinder durch große persönliche Opfer besser zu gestalten, hat auch hier große Erfolge, und die zweite Generation macht auch äußerlich einen ganz anderen mehr yankeemäßigen Eindruck. Im geschäftlichen Verkehr äußert sich der Antisemitismus — außer den vorerwähnten Fällen — weniger, da es dem Amerikaner gleichgültig ist, durch weji er Geld „macht". Wie weit diese Frage die „Umkehr" Henry Fords veranlaßte, nachdem er bereits unermeßlichen Schaden angerichtet hat, ist nicht geklärt. Der Zusammenhalt der Juden ist infolge des Fehlens eines Zentrums — wie etwa hier Jüdische Gemeinde usw. — kein sehr großer. Die Spitzen der amerikanischen Judenheit, die auch durch ihre großen Wohltätigkeitsspenden berühmt sind, werden von den Massen sehr verehrt und keine Massendemonstration hat auf mich einen solch großen Eindruck gemacht, wie 1920 der Trauerzug der Hunderttausende von New Yorker Juden durch die Hauptstraßen bei der Beerdigung von Jacob Sc h i f f,