Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064210--17050-3087138- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 8 MfiiiüflfflHMRMM^ 0gj» tVAHttHEti' Stelle oder eine Strecke weit mächtig wird. Denken und Erkennen sind nicht feste Bestände, sind vielmehr Vorgänge, und auch das Objektive können wir nicht als etwas Festes auffassen; es wandelt sich für uns mit dem Fortgang der Erkenntnis. Dieser Fortgang aber erfolgt nicht nach Willkür, denn, was wir eben „Uebereinstimmung mit den Anderen" nannten, das beruht ja nicht auf billiger Ueberredung, sondern auf einer über dem Ich erhabenen Gesetzlichkeit oder zum mindesten Gemeinsamkeit des menschlichen Denkens, und dieses Gemeinsame im Verhältnis zu den Anderen und in der Beziehung zum Objekt muß immer aufs Neue hergestellt und errungen werden. Durch endgültige Objektivität, über die ganze Fläche eines Außen hin, käme das Subjekt zum Erlöschen, durch vollendete Erkenntnis wäre das Erkennen stillgelegt, und gar die Selbsterkenntnis gelangte, gänzlich durchgeführt, zur Selbstvernichtung. Der Abstand nicht nur, der Unterschied zwischen dem Innen und dem Außen wird in der Reife des Systems für Cohen unbeachtlich, beide münden in eine Bewegung, die Logik übernimmt Zuständigkeiten der seit Aristoteles so genannten Metaphysik. Ein kühner Entwurf, und doch kein verwegener! Hegels „objektiver Geist" war zum warnenden Exempel verflogen, und Cohen selbst hatte ihn (1869) „nach der psychologischen Methode" auf „die Abstraktion einer größeren Anzahl zur theoretischen Einstimmigkeit vereinigter Geister" (I, 215) zurückgeführt. Ueber diese Herbartianische Formel ist er freilich bald hinweggeschritten, aber es blieb dabei, daß der dialektische Prozeß nicht ohne unser Zutun zustande kommt. So spät es ausgesprochen wird, so früh ist es schon vorgebildet: die Bewegung des Denkens und die Tendenz des Willens gehören in der Wurzel zusammen, die Logik bringt nur „Richtigkeit" edn, und erst in der Verbindung der Logik mit der Ethik tritt „Wahrheit" zutage. Im ersten Ansatz und Anstoß, im Anspruch der Erkenntnis an oder auf ihren Inhalt, ist das Denken schon dem Willen urverwandt, mit ihm verschwistert. Diese Lehre sprach aus der Erscheinung ihres Verkündigers. Ernst Cassirer schildert ihn. wie er „in der Einheit seines Willens und seines Intellekts" uns entgegenkam: „Sein Denken war getragen und durchglüht von einer gewaltigen, bis ins höchste Alter ungebrochenen Willenskraft, sein Temperament und seine persönliche Liebe waren auch in jeder rein gedanklichen Aeußerung unmittelbar gegenwärtig" (I, p. XI). Das Eindringende steigerte sich immer gleich zum Eindringlichen. Cohens Beiträge zur „Zeitschrift für Völkerpsychologie" sind scharf und kritisch geschrieben. Er schafft sich Bahn durch zeitgenössische Meinungen und das bloß Ueberkommene und Hingenommene hindurch. „Alles Bestehende, lange Bestehende wird für das Bewußtsein der Menschen ein Beständiges; obzwar es nur seine subjektive Begründung hat, erlangt es einen objektiven Grund" (I. 225 f.). Dabei darf es sein Bewenden nicht haben. „Solange die Ungeduld nicht rege geworden ist und das Gefühl, daß es anders werden muß, geweckt hat, bleAt jeder Versuch erfolglos, die gelehrten Verdichtungen aufzulockern; der Kritik wird die Spitze abgebrochen, und die Wissenschaft schleicht ungefordert in den alten Geleisen" (I, 147). Man beachte aber wohl: „aufzulockern" gilt es die „gelehrten Verdichtungen", nicht, sie aufzulösen. Kritik ersondert aus Ueberlieferung das Echte und darum dauernd Fruchtbare; so hat sie im Humanismus nicht allein die Rechtstitel dar Texte nachgeprüft, sondern immer aufs Neue auch deren Deutung zur Erörterung gestellt. Cohen war frei von dem Ehrgeiz. Ehrwürdiges herabzusetzen, er verschmähte den Schein der Originalität, der nach einem Worte Goethes auf dem Mangel an Belesenheit beruht. Die Herbartianische Hülle fiel unmerklich; sie hatte das Wachstum dieses Geistes geschützt bis zum unmittelbaren Zusammentreffen mit Kant; in ihm nun hat Cohen „seinen Autor" für zwei Jahrzehnte des männlichen Alters gefunden. Die akademische Rede „Von Kants Einfluß auf die deutsche Kultur" (1883. I, 367 ff.) und die Gedenkrede zu Kants hundertstem Todestag (1904. I, 469 ff.) sind Wahrzeichen des Weges von einer gebundenen Freiheit zu einer freieren Bindung. Was ein philosophischer Klassiker meine, läßt sich niemals ohne weiteres „mit anderen Worten sagen". „Je freier der Darsteller sich bewegt, wenn er nur dem Gedanken in seiner ganzen Schärfe treu bleibt, desto unwillkürlicher wird ihm beständig der Text, den er entwickelt, auf den Lippen schweben" (I, p. 270 f.). Auf den Wortlaut kommt viel an. In der Form des klassischen Ausdrucks liegt Notwendigkeit. Aber das Mit- und Nachdenken schon, wenn es bis zu dieser Einsicht vordringt, befreit uns von jedem Druck, mit dem KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT MERH/INN EBENSPdNQER WIEN IX., LATSCHKAGASSE 4 / TEL. A16-Ö-15 literarische Autorität uns belasten könnte. Je vertrauter, um so Sreimütiger wird unsere Ehrfurcht sein. Wird der Genius uns Objekt und fordert er damit unsere Subjektivität zur Läuterung auf, so hebt sich gleichzeitig die seinige heraus, nicht als Fehlbarkeit, sondern als eine zeitliche Bedingung der Erkentnis. Man könnte sagen; Während die Subjektivität des Darstellers im Bemühen um das Verständnis des Textes sich läutert, geht auch die Läuterung weiter, in der der Autor begriffen war und mit der er nur darum aufhören mußte, weil unser Werk und unser Leben einmal endigt, aber nie abschließt. Cohen ist ganz beansprucht durch Kant; des Lesers, der unvorbereitet als Dritter hinzukommt, scheint er manchmal zu vergessen. Wäre aber jenem Dritten Kant im Ganzen und in jedem Satze so gegenwärtig wie es unseren jüdischen oder lutheirischen Vorfahren wohl die Bibel gewesen ist, so gäbe es da keine Schwierigkeit mehr. Kant hat den Druck seiner Bücher selbst überwacht. Cohen sah zunächst „einen Autor, den er nur gedruckter Weise kennen zu lernen habe" (I, 432), und den handschriftlichen Nachlaß, ja selbst die brieflichen Aeußerungen. hat er nur behutsam verwertet. Er wendet sich immer zurück zu „den Gedanken in der Verfassung, in welcher der Genius für Mit- und Nachwelt sie vollendet hat" (I, 433). Dennoch erstarrt hier nicht ein Gelehrter vor dem fertigen kanonischen Buche. Der Umgang mit Kant ist auf eine eiigene Art menschlich lebendig. In einem Aufsatz über Mozarts Operntexte2) erinnert Cohen an „die tiefe Resignation" Piatons gegenüber „allem literarischen Wirken". „Nur die Unterredung von Angesicht zu Angesicht will er gelten lassen; nur die mündliche Lehre daher pflegen; das Bücherwesen dagegen müsse aufhören." Piaton sei „in tiefster Ahnung dem Vertrauen hingegeben, daß von Mund zu Mund und von Geschlecht zu Geschlecht seine Lehre isich fortpflanzen werde als die lebendige Weisheit des forschenden Menschengeschlechtes" (I, 510 f.). Cohen webt von den Vätern her in dieser Stimmung einer mündlichen Tradition und übt gleichzeitig, humanistisch geschult, die Sorgfalt philologisch verweilender Lektüre. So wird ihm bei aller Endgültigkeit des Ausdrucks der Kantische Text beweglich beredt, in seinem Werden verständlich. „Wenn auch an der beizüglichen Stelle von den Kategorien noch nicht die Rede ist und sein darf, so kann sehr wohl und muß vielmehr der Gedanke schon daran sein . . . Die transzendentale Aesthetik gebt der transzendentalen Logik nicht bloß voraus, sondern auch entgegen" (I, 268). Wie wachsam dabei seine Kritik bleibt, damit er nicht über Jahrzehnte hin Späteres in Früheres hineindeute, wie er vor „rückschauender Prophetie" sich hütet, das zeigt die Abhandlung über „die systematischen Begriffe in Kants vorkritischen Schriften nach ihrem Verhältnis zum kritischen Idealismus" (1873). (I, 276—335). „Es muß als eine unbegründete Voraussetzung bezeichnet werden, daß Kant in denjenigen Schriften, mit denen er bis zur Abfassung der Kritik der reinen Vernunft auf elf Jahre seine Schriftstellertätigkeit abbricht, sich bereits zu dem „entwickelt" haben müsse, was viel später aus ihm geworden ist" (I, 279). Durch das Trugbi'ld solch einer vorbestimmten und vorbestimmenden „Entwicklung" wird nicht verführt, wer die Begriffsworte an ihrer Stelle nach ihrer dort möglichen Geltung streng einzäunt; und darin sehen wir Cohens Leistung, daß ihm die Sachlichkeit eben im Verkehr „von Angesicht zu Angesicht" sich bestätigt. (Fortsetzung folgt.) 2) Weiter ausgeführt in dem Buche: Die dramatische Idee in Mozarts Operntexten. Berlin 1915. S. 98 f. TEPPICHflAVS WE1TZNCR n.,narlaiililerstr.l09 - iy., Wiedner nooptttr. 10 macht höfl. auf den besonderen OkkfMlensverkaaf aufmerksam. Es gelangen zum Verkauf: Teppiche, Decken, Vorhange, Linoleum, Stores, Doppelbettdecken, KflnsUervorh&nge, etc. TischteDplche S 2b.—, Stores S 3.50, Madrasvorhänge S 5.S0, Doppelbettdecken 3 12.—, Laufteppiche per M. 8 2.50, PlaneUdecken S 460, ^^^ejtorortej^M^MO^^