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Die Wahrheit · 1929-03-29 · Heft 13 (29.3.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 13 (29.3.1929)
Date
1929-03-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seit« 6 twnniiMamiiuwaHaHnwmn MBHHffl«flW«HHWniWHI)HimHUIIIBllliir Um die Ewigkeit. Einige Aussprüche aus dem Werke Nathan Birnbaums „Um die Ewigkeit". (Welt-Verlag, Berlin.) Wir sehen die Vollgesogenheit des jüdischen Volkes mit ethischen Stimmungen, Ueberzeugungen und Strebungen. Wir sehen einen bei keinem anderen Volke erhörten Ueberfluß an großen und kleinen Persönlichkeiten, die mit sittlichen Forderungen an sich und die Welt herantreten. Wir sehen die Juden eine große sittliche Losung nach der anderen in die Menschheit werfen. Aber wir sehen nirgends in der ganzen jüdischen Geschichte eine unabhängige sittliche Transzendenz, nirgends einen selbständigen ethischen Apparat, aus dem man diesen ungeheuren Reichtum herleiten könnte. Im Gegenteil, von überallher — aus der Gesetzgebung des unerreichbaren Moses sowohl als aus der merkwürdigen Flammenschrift der Propheten, aus der strengen und klugen, zuweilen auch tiefen und genialen Kleinarbeit der Rabbiner, wie aus dem eigentümlich warmen Gedankengängen der jüdischen Philosophen — aus allen diesen Werkstätten des erhabensten ethischen Pathos tönt durch dieses hinauf und hindurch, uns immer als Leit- und Grundmotiv eine an sich unbedingte und nur in sich begründete, ebenso leidenschaftliche als fromminnige Hingabe an den Geist er.tgegen, der aller Welt Voraussetzung und Erfüllung ist, und überall sehen wir die Hingabe an die Ewigkeit in großartiger monumentaler Architektur in Gebilde der Zeit umgesetzt. Ueberall fühlen wir aus den mächtigen Gesetzesquadern, die eine Feuerwelt umschließen, die befruchtende Wärme atmen, durch die Israel nicht nur seine außergewöhnliche Lebenskraft gewonnen hat, sondern auch zum prinzipalen Volke des Ethos geworden ist. .... möchte ich feststellen, daß ich auf dem Standpunkt unbedingter Verbindlichkeit des jüdischen Religionsgesetzes stehe und daß mir dieses und religiöse Gesinnung, religiöse Form und religiöser Inhalt, Religion als Gesamtheitstatsache und als individueller Vorgang nicht als Gegensatzpaare, sondern als je zwei notwendige Funktionen eines großen religiösen Einheitsgeschehens erscheinen. . . . Ich kann mich auch nicht entschließen, zu glauben, daß Israel nicht dazu da ist, um in gottgewollter Gesetzeseinsamkeit dem Weltensabbath entgegenzuziehen, sondern nur, um die Staffage für religiöse Ich-Eitelkeiten abzugeben. Für mich kann die Frage nach der Bedeutung der jüdischen Frau für die Religiosität nur die Frage bedeuten, ob die jüdische Frau mehr dahin neigt, wo man bestrebt ist, den wunderbaren Dom des Judentums, in dem jedes Steiuchen für das Ganze und für den Geist, der in diesem Ganzen thront, unersetzlich ist, zu erhalten und zu festigen, oder dahin, wo man Stein um Stein löst, Säule auf Säule stürzt und dem Ende zuarbeitet, da der Dom in Schutt liegt und aus diesem der Geist, die Erkenntnis und die Anbetung Gottes fliehen; ob sie mit einem Wort mehr bauen oder niederreißen hilft. .... Nur wir, wir allein, wir, das Stäubchen unter den Bergen, wir, seit unvordenklichen Zeiten, die Ersten und Einzigen unter Allen, Morgenländern sowohl als Abendländern, erkannten Gott, ohne ihn gesucht zu haben, uns war er mehr als eine philosophische Entdeckung. Wir waren mit ihm in die Welt und in die Geschichte eingetreten, um jene durch ihn zu schauen und diese nach seinem Willen zu zimmern____ Man sagt, daß, weil Israel seinen Staat verlor, sich sein Genius von ihm wandte. Aber das Gegenteil ist richtig: weil sein Genius ermattete, weil es noch nicht reif war, um den ihm eingeschriebenen ewigen Plan in seiner ganzen Herrlichkeit das Leben selbst erfüllen zu lassen, ein Leben ohne ihn aber — rein wie es die Völker lebten und ja auch noch heute leben — ihm doch zu schal, zu widerwärtig, zu unwürdig vorkam, um Mühe und Liebe daran zu wenden, darum starb das Reich. Ich glaube, daß das jüdische Volk seine weltliche Kraft einbüßen, aus seiner weltlichen Bahn gestoßen werden mußte, als der Impuls zu einer geistlichen Volksexistenz plötzlich mit einer gebieterischen Macht in ihm auftrat, die ihresgleichen nicht hatte und hat unter allen Völkern der Erde.....Ich glaube, daß Geistlichkeit und Weltlichkeit des Wesens, Heiligkeit und Weltleben im tiefen Grunde keine Gegensätze, sondern verschiedene Seiten vollkommenen Lebens sind, die sich ergänzen müssen, um das Leben eben vollkommen zu machen. Geistliche Weltanschauung steht nur im Gegensatz zu weltlicher Weltanschauung, aber nicht zur Welt selbst. Nicht- CENTRALKINO BB Wien II.) TaborstraBe 8 - Tel. R 42-3*41 UR- UND ALLEINAUFFUHRUNG des öroöen JOE MAY FILMS der ERICH POMMER PRODUKTION der „WA" ASPHALT mit Gustav rrOhlldi und Delta Anrann Beginn der Vorstellungen: 7,6, 748 und 9 Uhr willen zur Macht bedeutet noch nicht Nichtwillen zum Leben. Geistliche Weltanschauung ist nicht Verneinung des Lebens, sondern die Tendenz, das Leben mit einer Ahnung des Außerweltlichen zu durchdringen und ihm damit eine eigene Gestaltungsmacht einzupflanzen, die es mit den großartigsten Konzeptionen versieht. Darum ist ja auch das Golus — diese Wirkung der Entweltlichung und dieses Werkzeug geistlicher Zucht — vom ersten Augenblick an bis auf den heutigen Tag zugleich eine angemessene Basis für jüdisch-weltliches Geschehen, für die Formung eines erlesenen Menschentypus von trotziger, praktischer Selbstbehauptung und für das Hervorquellen einer Fülle von Lebensstil und Poesie. Lächerliche, europäische Frage, ob die Makkabäer für den jüdischen Glauben oder für das jüdische Volk kämpften. Nur Europäer, diese schwachen Rohre unter dem Sturme der zweckfreien Ewigkeit und diese Helden im Kleinkram der mit Zwecken vollgepfropften Zeit konnten ihre Geschicke und Gedanken so weit laufen lassen, daß sich ihnen nun Religion und Volk (nicht etwa nur Staat, worum es etwas ganz anderes ist) voneinander zu scheiden scheinen. Für Juden aber, die es noch sind und die sich noch als solche erkennen, bleibt ewig klar, daß das Licht der Ewigkeit durch jedes Volkes Seele hindurchgeht und daß es das tiefst Auszeichnende eines Volkes ist, in welcher Farbe dort dieses Licht sich bricht, in welchem Glänze es dort erstrahlt. Also haben die Makkabäer weder für ihr Volk, noch für ihren Glauben gekämpft, sondern für etwas Einziges und Wesentliches, woraus erst durch die kleinliche analytische Teilungswut der Europäer jene zwei getrennten Begriffe und Erscheinungen geworden sind. Ich glaube an „Erde" und an „jüdische Erde". Aber weil ich an sie glaube, erschauere ich bei dem Gedanken, daß auf Palästina der ganze Pech- und Schwefelregen der europäischamerikanischen Welt niedergehen könnte, daß auch dort der öde Rummel losbrechen und man darauf noch stolz sein könnte. Ich erschauere bei dem Gedanken, daß dort wieder beginnen könnten die alte Jagd nach Geld, die Unterdrückung des Arbeiters und des Armen, das alberne üppige Treiben ohne Selbstbesinnung, das Geschäft, das sich als Unzucht, und die Unzucht, die sich als Freiheit, Schönheit und Kunst maskiert, alle die häßliche Zügellosigkeit, die sich für schön ausgibt, die verschiedenen ABC's, die sich als Erkenntnisse hinstellen, die ganze Herrschaft von pöbelhaften, verlotterten, grausamen, heuchlerischen und schmeichlerischen Menschen. — Ich erschauere bei dem Gedanken, daß die heilige Stadt Jerusalem als Vorstadt von New York oder London oder Berlin neuerstehen könnte, so daß selbst dort die Schechina im Exil bleiben würde, daß Jerusalem noch schlimmer werden könnte, als es die Propheten sahen, und daß kein Prophet da sein wird. Frieiifer i Otsisft WIEN l.f. Seltenstettengasse 2 Tel. U 28-1-28 XI., Zentralfriedhof, neben dem!♦, Tor, Tel. U18-0-85

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