Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 simuuimmiiiiimHMHimmMMiirmiimmniMimiiMHMHmuiiwium DIE WAHRHEIT fessionsloslgkeit und die Lostrennung vom Judentum. Zwischen Judentum und Marxismus besteht sozusagen eine Personal-, keine Realunion. Die Verbindung bezieht sich auf die Propaganda, auf die Ausnützung und Verwertung der Idee, nicht auf die Idee selbst. Darauf, ob und wie Marx diese nicht von ihm herrührende Idee begründet und für die Praxis zubereitet hat, kommt es nicht an. Jüdisch ist sie nicht. Woher aber die ungeheure Anziehungskraft, welche diese Idee auf die jüdischen Wählerinassen ausübt? Die Antwort ist nicht schwer für denjenigen, dem bekannt ist, daß kaum ein Zehntel der Wähler aus Ueberzeugung stimmt, die ihnen obendrein brühwarm knapp vor der Wahl in den Versammlungen beigebracht und, bevor sie noch zum Auskühlen Zeit gehabt hat, rasch in die Wahlurne hineinmanipuliert wird. Die Macht der Idee tut es bei den Wahlen weniger, als die der Agitation, und diese ist bei den Sozialdemokraten eben stärker. Nicht zuletzt aber fällt es ins Gewicht, daß die jüdischen Wähler für eine geschickte Agitation ein dankbareres Menschenmaterial abgeben, weil — die Uneingeweihten würden es kaum glauben — sie sich viel leichter durch Phrasen und Schönrederei einfangen lassen und den Hetzern viel leichter auf den Leim gehen, als die stumpfsinnigsten Proletarier. Und noch ein wichtiger Umstand kommt schwerwiegend in Betracht: die schwächliche und ständig zurückweichende Haltung der Regierung gegenüber der Sozialdemokratie, welche den traditionellen Respekt der jüdischen Wählermassen vor der Regierung vollständig untergraben und in das gerade Gegenteil verwandelt hat. Die große Landeskonferenz der Juden in Ungarn. Unter dem Vorsitze des Barons Adolf Kohner, des Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei, fand am 13. und 14. d. M. in Budapest die große Landeskonferenz statt, die nicht nur für die inneren Verhältnisse der jüdischen Gemeinden in Ungarn von großer Bedeutung ist. Durch die Rede, die der in Vertretung des ungarischen Unterrichtsministers erschienene Staatssekretär Paul P e t r i hielt, gewann die Versammlung auch eine politische Bedeutung, deren Tragweite vielleicht heute noch gar nicht zu ermessen ist und die sicherlich das weitestgehende Interesse auch aller jüdischen Kreise außerhalb Ungarns in Anspruch nehmen wird. Ueber den Verlauf der Konferenz sei folgendes hier wiedergegeben: Die Konferenz, zu der in Vertretung-der Regierung die Staatssekretäre Paul Petri und Dr. Stephan Toth, sowie der Ministerialrat Dr. Karl Q e r 1 o c z y erschienen, war von den hervorragendsten Repräsentanten der ungarischen Judenheit beschickt. Unter den Anwesenden lenkten besondere Aufmerksamkeit auf sich die Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi und Dr. Imanuel L ö w, die Mitglieder des Magnatenhauses Dr. Salamon Eulenburg, Dr. Samuel Q1 ü c k s t a 1 und Josef V e s z i, ferner die Abgeordneten Dr. Geza D e s i, Paul Sändor, Dr. Marcell B a r a c s, Dr. Ernst B r o d y, Dr. Bela Fabian, der Rektor des Rabbinerseminars Dr. Ludwig Blau, Prof. Heinrich M a r c z a I i u. v. a. Nach einigen einleitenden Worten wurde der Kongreß mit einem von Oberrabbiner Dr. Simon Hevesi mit hinreißender Wirkung gesprochenen gedankenreichen Gebet eröffnet, das die Anwesenden stehend anhörten. Hierauf hielt Baron A, Kohner die Programmrede, in der er die Aufgaben und Ziele der Konferenz darlegte, die die erste nach dem vor 60 Jahren abgehaltenen Kongreß ist und die der ungarischen Judenheit Gelegenheit geben soll, über zahlreiche kultureile, finanzielle, .karitative und andere das Gemeininteresse berührende Angelegenheiten zu beraten. Statutarisch hätte allerdings alle drei Jahre die Einberufung eines solchen Kongresses stattfinden müssen, was leider aber unterlassen wurde. Nun aber haben die Verhältnisse in der Kriegszeit, die furchtbaren Revolutionsjahre mit ihren traurigen Folgen, die Verstümmelung des Vaterlandes mit dem diesem folgenden Zusammenbruch des wirtschaftlichen Lebens und der immer mehr wachsenden Verarmung, ferner die Erschlaffung des religiösen Lebens und der Niedergang der kulturellen Institutionen so viele neue und hochwichtige Probleme aufgeworfen, daß eine Erörterung unaufschiebbar wurde, die dazu dienen soll, Heilmittel zur Sanierung der Uebel zu finden. Baron A. Kohner betonte in seiner großangelegten Ansprache, daß besonderes Gewicht auf das brüderliche Zusammenwirken mit der Orthodoxie gelegt werden müsse. Die beiden jüdischen Kanzleien haben auch unter seinen amtlichen Vorgängern in zahlreichen die ungarische Judenheit berührenden Fragen im Einverständnis gehandelt und wie in der Vergangenheit, so werden auch in Zukunft sich die wertvollen Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit zeigen. Der Präsident schloß seine oft durch stürmischen Beifall unterbrochene Rede mit den Worten: „Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, glaube ich den Gefühlen der ganzen ungarischen Judenheit Ausdruck zu verleihen, wenn ich gegen die Religionsverfolgungen inMexiko und Rußland im Namen der heiligen Religions- und Gewissensfreiheit den feierlichsten Protest erhebe. Die ungarische Judenheit empfindet das innigste Mitgefühl mit den so ungerechten und grausamen Martyrien, denen verfolgte Kirchen und Konfessionen preisgegeben sind, und sie hofft, daß die Freiheit der Religionen, trotz aller böswilligen Verfolger, in Bälde hergestellt sein werde." Nach der mit stürmischem Beifall aufgenommenen Rede des Präsidenten nahm Staatssekretär Paul Petri, der als Vertreter des Unterrichtsminister erschienen war, das Wort. Seine geradezu sensationell wirkenden Ausführungen knüpften an die unvergeßlichen Worte an, in denen Baron Josef E ö t v ö s, „der idealste Staatsmann, der größte ungarische Kultusminister" seinen Hoffnungen an die Ergebnisse des vor 60 Jahren abgehaltenen jüdischen Kongresses in Ungarn Ausdruck verliehen hatte. „Ich hoffe — sagte Staatssekretär Petri in seiner mit großem Beifall aufgenommenen Rede u. a. — daß auch die Beschlüsse der heutigen Versammlung ebenso segensreiche Resultate erzielen werden, wie jene des Kongresses waren. Ich halte dies auch vom staatlichen Standpunkte aus für überaus wichtig, denn Baron Josef Eötvös hat schon im Jahre 1896 darauf hingewiesen, was das ungarische Vaterland den Juden zu danken hat, Eötvös hat schon die glühende Vaterlandsliebe der ungarischen Judenheit geschildert. Seither sind 60 Jahre verflossen, aber auch ich kann mit meinem bescheidenen Worte Zeugenschaft dafür ablegen, daß die von religiösen Gefühlen beseelte Judenheit große Werte der ungarischen Kultur geliefert hat. Die glaubenstreuen Juden haben auf dem Gebiete der ungarischen Wissenschaft, der ungarischen Kunst, des ungarischen öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens sowohl im Inland wie im Ausland viel mit ihrer Arbeit beigetragen und haben Ehre dem ungarischen Namen gemacht. Ich bin daher überzeugt, daß die Erklärungen, mit denen Baron Josef Eötvös seine Anrede vor 60 Jahren schloß, auch heute am Platze sind, und auch ich betone es, daß ich Ihrer Arbeit auch darum Glück wünsche, weil ich überzeugt bin, daß Ihre Beratungen und Ihre Tätigkeit nicht nur der israelitischen Konfession in Ungarn, sondern auch dem ungarischen Vaterlande zum Heile gereichen werden. Das Kultusministerium wird ihren Beratungen mit dem lebhaftesten Interesse folgen und wir werden, soweit es unsere materielle Lage gestattet, alles tun, damit Ihre Bestrebungen auch realisiert werden." In der folgenden Debatte nahm u. a. auch der Abgeordnete Paul Sandor das Wort. Er wies in seiner sehr wirkungsvollen Rede auf die besondere Notwendigkeit einer einheitlichen kraftvollen Stellungnahme der ungarischen Judenheit hin. Nur das sei der Weg, auf dem das im Jahre 1848 geschaffene Gesetz der Gleichberechtigung aller Konfessionen zur Verwirklichung' gebracht werden könne.