Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 13 (29.3.1929)
- Date
- 1929-03-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064210--17045-3087133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT ™™" Seite 3 keine Ahnung hat, kann von Sympathien des Judentums oder gar des Ostjudentums zum Marxismus sprechen. Der Gegensatz ist vielmehr noch unendlich schärfer als zum Beispiel der zwischen einem erbgesessenen Tiroler Bauern und einem Kommunisten. Dr. Wengraf kennt die Mentalität des Talmuds nicht, wenn er die Denkmethoden Karl Marx' auf ihn zurückführt, mit dessen Denkmethoden der logische Aufbau des „Kapitals" nicht die geringste Aehnlichkeit hat. Die Denk- und Schreibweise Marx', sein „bohrender Verstand, seine unerbittliche Logik, haarscharfe Dialektik und die bis zur Auflösung aller Begriffe gehende Analyse" sind nicht talmudisch, sondern die Art echter deutscher Professoren, vor allem seines Meisters Hegel und Kants, dieses nach der Behauptung Chamberlains Deutschesten aller Deutschen. Daß eine „bis zur Auflösung aller Begriffe gehende Analyse" für die Menschheit kein Unglück ist, beweist übrigens die Relativitätstheorie des Juden Einstein, die in klassischer Weise „eine bis zur Auflösung aller Begriffe gehende Analyse" vollzogen hat. Sind die Denkmethoden Einsteins deshalb jüdisch oder gar talmudisch? Wenn dies der Fall wäre, wohlan, die Juden könnten zufrieden sein. Aber sie sind es ebensowenig, wie die des Begründers des dogmatischen Sozialismus Karl Marx. Jüdisch in diesem letzteren ist eben nur das Dogmatische, der an religiösen Fanatismus grenzende Glaube und Optimismus dieser Lehre, nicht die Lehre selbst und ihre Ideale, welche dem im tiefsten Grunde individuellen Wesen des Judentums zuwiderlaufen. Nicht die Denk-, sondern die Verfahrensmethode, die Taktik, Vorsteher — neige Dein erlauchtes Haupt zum Zeichen Deines Einverständnisses und Du wirst glücklich machen mich, Mendel, dem Beherrscher von Lipno und sämtlicher Randstaaten! Rede, mein Herr!" In diesem Augenblick mußte ich niesen. „Haaatzi" machte ich und nickte mit dem Kopf. Mendel klatschte in die Hände. Eine Dienerschar erschien und legte unzählige Pakete vor mich hin. Schüsseln aus purem Golde mit glitzerndem Inhalte häuften sich zu meinen Füßen und kostbare Teppiche wurden zum Berge. Meterhohe Vasen aus klarem Alabaster wurden gebracht: Kristallgefäße von unschätzbarem Wert, seltene Kleiderstoffe mit Gold durchwebt und noch vieles füllten den Raum um meinen Thron. Als der letzte der Träger verschwunden war, frag ich: „Ist das alles, König Mendel?" „Nein" antwortete Mendel. Und Gitel fügte hinzu- „Das schönste, Euer Gnaden, kommt noch." In diesem Augenblick teilte sich die Menge und ein Engelsbild von seltener Schönheit erschien. Sie trug hellblaue Kleider und eine prachtvolle Damenkrone auf dem goldenen Haar. Wie eine Göttin schritt sie einher; ihr majestätischer Blick ging langsam im Kreise herum, bis er auf mir haften blieb. Ich ward bezaubert in diesem Augenblick. Ich sprang auf und frag Mendel: „Wer ist das, hah?" Mendel antwortete mit einer Verbeugung: „Das, Euer Geneigtheit, ist meine Tochter — die Prinzessin Sulamith!" Mir wurde, es ganz warm ums Herz, als dieses Engelsbild mir die kleine zarte Hand reichte zum Gruß. Sie machte einen allerliebsten Knix und sah mir treu in die Augen. Da, Jungermann, hört Ihri, konnte ich mich nicht mehr haken: ich begann zu zittern, daß man es im ganzen Saale hörte. Der Hofmarmarschall flüsterte mir ins Ohr: „Euer Gnaden sind plötzlich erkrankt — Euer Gnaden haben sich erkältet." Ich wollrte etwas antworten — aber in diesem Augenblick erwachte ich und hörte laut und deutlich den Doktor sagen: „Ach, Oitatsch — er hat sich den Magen überladen!" Was soll ich Euch sagen — es fiel mir schwer, zur Wirkdie schon von Moses an den Juden gegeißelte unbelehrbare Starrköpfigkeit, der übermächtige, ungebrochene Wille zur Geltung und zum Erfolge, mit einem Worte: Die Waffen, mit denen der Sozialismus seine Schlachten schlägt, sind jüdisch. Die Dogmatiker und Taktiker der sozialdemokratischen Partei, die sie in die radikale, unversöhnliche Richtung drängen, sind Juden, aber nicht solche mit jüdischer Denkweise, sondern Renegaten, welche die Seele und die Tugenden des Judentums über Bord geworfen und nur dessen Fehler und Mängel als treibende Kräfte in den Dienst der fremden Sache gestellt haben. Hier können sie endlich den in ihrem Blute seit Jahrtausenden zurückgedrängten und unterdrückten Machthunger als Parteibefehlshaber befriedigen und austoben lassen. Sie wären keine richtigen Parvenüs, wenn sie im Radikalismus sich von den Anderen überbieten lassen würden. Die Partei wird von ihrer Herrschsucht angesteckt und schwelgt mit ihnen in der Hoffnung der Diktatur und Despotie. Wo könnten diese Ex-Juden ihrem unstillbaren Ehrgeiz und ihren Machtgelüsten besser fröhnen, als bei den Millionen Arbeitern, wo ihre hervorragende Begabung für die Wirtschaft besser verwerten, als in den sozialistischen Körperschaften und Gemeinden? Es ist ein neues Stück jüdischer Diaspora: die Enge des eigenen Kreises treibt die nach Betätigung lechzenden Juden hinaus zu den Fremden. Vor Jahrtausenden war es die Wirtschaft, jetzt ist es die Politik. Während ihr Geltungsbedürfnis in der Wirtschaft sich heute noch auch im Rahmen des Judentums befriedigen läßt, erfordert die politische Mimikry zumindest die Konlichkeit zurückzufinden. Ich lag auf einem Bett, rechts stand Mendel, links Gitel und vor mir eine ganze Menge Leute. Ich rieb mir die Augen und sah mich um. Nanu, was wollten die Menschen! Es gelang mir nicht, mich sofort vom Banne des Traumes zu lösen. Und als Gitel sich bewegte, fragte ich sie: „Wo habt Ihr Euren Fächer, Königin?" Und zu Mendel gewendet, fragte ich: „Und Ihr. König, wo habt Ihr Euren schönen Purpurmantel?" Keiner antwortete mir; alle sahen mich ernst an. Die Nachbarn, die auf den Ruf Gitels gekommen waren, um bei meinem Hinscheiden Zeuge sein zu können — Gitel sagte sich, man kann nie wissen: ein fremder junger Mann stirbt plötzlich — bewiesen große Anteilnahme an meinem Zustand und gerne würde jeder von ihnen mit Hand angelegt haben, wenn es etwa notwendig geworden wäre. So aber, da ich nicht gestorben, und Krämpfe bekam ich auch nicht, blieb ihnen nichts anderes übrig, als stumm und reglos dazustehen. Nur eine einzige Frau mit einem dicken Kopftuch konnte es sich nicht nehmem lassen, nachdem ich meine wirren Reden beendet harte, zu seufzen und ein lautes „Nebbich" von sich zu geben. Nach diesem „Nebbich" fing ich an, die Situation zu erfassen und es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre wieder ohnmächtig geworden. Nach und nach gingen die umsonst bemühten „Zeugen" von dannen und ich war wieder mit Mendel und Gitel allein. Gitel holte eine Portion Rizinusöl, das ich mir restlos einverleiben mußte, denn der Doktor sagte, bevor er mich verließ: „Hört, Gitel, nur Rizinusöl — weiter nichts---" Ihr, Jungermann, mögt schon vor so etwas behütet werden! Das Rizinusöl war genug, um drei Pferde zu kurieren — und mir blieb nichts erspart! Nebbich — ich tat mir selber leid. Aber nichts, hört Ihr, könnte den Lauf der Dinge aufhalten. Mit Riesenschritten nahte das Unheil, und ich glaube, der Himmel selber hätte es nicht aufhaken können — wenn er es etwa gewollt haben sollte — so gut hat Mendel eingefädelt. Ihr mögt. Jungermann, die Geschichte zu Ende hören: sie mag Euch und vielen Anderen als Lehre dienen. (Fortsetzung folgt.)