Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064209--17034-3087121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WÄHjRHElT tfttfMnaiiMMtfc^^ Seite i$ Union dcufediösterr. Joden WcJit&rilmvcnflaa* Die Ortsgruppe Floridsdorf der „Union44 ver- «^NV Die Ortsgruppe Floridsdorf der „Union44 veranstaltete Dienstag, den 12. d. M. im Caf6-Restaurant „Goldener Engel" unter Vorsitz ihres rührigen Obmannes Dr. Julius G r ii n w a 1 d den zweiten Sprechabend, der einen sehr guten Besuch, insbesondere zahlreicher Damen aufwies. Rechtsanwalt Dr. Karl Steiner referierte über „Strafrecht, Menschenschutz und Tierschutz in der Bibel" in solch interessanter Weise, daß von den Gästen der Zentrale — man bemerkte u. a. Hof rat lng. Josef Löwy, Dr. Ernst Feldsberg, Komm.-Rat Sigmund P1 auer und Sekretär Oskar Hirschfeld — der lebhafte Wunsch geäußert wurde, daß Doktor Steiner sein gediegenes Referat, das von sehr viel Mühe und Fleiß zeugte, auf dem zentralen Sprechabend der „Union" wiederholen möchte, um es einem noch größeren Kreise bekannt zu machen, was Dr. Steiner tatsächlich in liebenswürdiger Weise für diesen Samstag zusagte. Er hat in gründlicher Weise die Bibel auf alle einschlägigen Bestimmungen über die von ihm behandelten Gebiete durchforscht und, ausgehend von der Definition dieser Materien, erbrachte er alle Zitate, die sich darauf beziehen, jedesmal mit einer logischen Erklärung des betreffenden Falles. So konnte er nach einer ausführlichen Behandlung des Strafrechtes in der Bibel die bedeutsame Tatsache in gebührender Art hervorheben, daß soziale Fürsorge und Tierschutz ihre Wurzel in der Bibel, diesem Buch der Bücher haben und von da ihren Weg zu allen Kulturvölkern genommen haben. Dr. G r ü n w a 1 d betonte in der Diskussion, die dem mit großen Beifall aufgenommenen Referate folgte, die formellrechtliche Gleichstellung aller Bürger vor dem biblischen Gesetze, nach dem der Fürst ebenso wie der Arme behandelt wurde. Dr. Max T i c h o konstatierte zunächst die erfreuliche Tatsache des guten Besuches der Veranstaltung, der beweise, daß in Floridsdorf viel Sinn für schöne Geistigkeit vorhanden sei, zu dessen Entwicklung die Ortsgruppe auch weiterhin beitragen möge. Er besprach die Wichtigkeit solcher Abende, die den Juden eine größere Kenntnis ihres Schrifttums vermitteln können, in einer Zeit, da bei ihnen diese Wissenschaft, insbesondere leider auch bei den Kindern ganz schwindet und unsere christliche Umwelt Vorstellungen über unsere biblischen Gesetze hat, die ganz abwegig sind. Er verwies in diesem Zusammenhang auf den Fall des Favoritner Bezirksrichters Dr. Langer, den Dr. Grünwald durch den Hinweis ergänzte, daß der seinerzeitige Brief des Präsidenten der „Union" an Herrn Doktor Langer von diesem unbeantwortet blieb. Die Mitteilung des Vorsitzenden, daß Herr Hofrat lng. Löwy sich bereit erklärt hat, am 26. d. M. in der Ortsgruppe einen Vortrag über eine Reisenach E n g 1 a n d zu halten, erweckte lebhafte Zustimmung in der Versammlung, die der Obmann mit Dankesworten an die Erschienenen schloß. 1 Reilos l-RQTGAJSE-1 Taufpropaganda. Christliche Missionäre der „Schwedischen Gesellschaft fürlsrae V\ welche im IX. Bezirk, Seegasse 16, ihren Sitz hat, versuchen, durch Verteilung von Propagandaheften mit dem Titel „Zur Verständigung" sowohl unter jüdischen Schülern auf der Straße als auch durch Vorsprache bei jüdischen Familien in den Wohnungen, ihre unheilvolle, auf den Abfall vom Judentum gerichtete Tätigkeit zu entfalten. Seitens der Israelitischen Kultusgemeinde sind entsprechende Warnungen in weitestem Umfange ergangen und es wird besonders die Aufgabe der jüdischen Seelsorger und der jüdischen Religionslehrer sein, die Bestrebungen der Missionäre abzuwehren. Prof. Othmar Spann. Wir erhielten folgende Zuschrift: Eine „Glosse" in der letzten Nummer der „Wahrheit", welche sich mit dem Vortrage beschäftigt, welchen der Wiener Nationalökonom Universitätsprofessor Dr. Othmar Spann vor kurzem in München gehalten hat, veranlaßt mich, Sie um Aufnahme folgender richtigstellender Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte zu ersuchen: Da die Information, welche die Qrundlage der besagten Notiz bildet, wohl der gleichen Quelle entstammen dürfte, wie die unrichtigen und wohl auch etwas gehässigen Darstellungen, welche hierüber in der „Frankfurter Zeitung", im „Berliner Tageblatt" sowie einigen kleineren Blättern erschienen sind, sei es mir zunächst gestattet, zur Steuer der Wahrheit auf Qrund authentischer Berichte und Informationen folgendes festzustellen: Der Titel des Vortrages, den Professor Spann an der Münchner Universität hielt, lautete nicht ..Die Verjudung der deutschen Philosophie". sondern die „Kulturkrise der Gegenw a r t'\ Der Vortrag selbst hatte nichts mit Juden oder Judentum zu tun und beschäftigte sich ausschließlich mit Weltanschauungsfragen, Insbesonders mit dem Verhältnis von Individualismus und Universalismus und dem Gegensätze zwischen Empirie und Metaphysik. Dafür, daß einige radikale völkische Politiker auch bei dem Vortrage erschienen sind, wäre es ungerecht, dem Vortragenden einen Vorwurf zu machen, da man sich ja bei öffentlich-akademischen Vorträgen das Publikum nicht aussuchen kann. Was nun die Persönlichkeit Professor Spanns, der auch mein Lehrer ist, anbetrifft, so kann ich Sie versichern, daß dieser Gelehrte weder in Wort und Schrift, noch auch in seinem persönlichen Verkehr je irgendwelche antisemitische Tendenzen bekundet hat. Man wird in seinen zahlreichen Werken oder akademischen Vorlesungen vergeblich nach irgend einer das Judentum herabsetzenden Bemerkung suchen. Er ist gewiß streng national gesinnt, doch wäre es ein schwerer Fehler, nationale Gesinnung und Antisemitismus gleichzusetzen. Wer immer sich an ihn mit einer Bitte wendet, kann seines Rates und seiner Hilfe gewiß sein und groß ist auch die Zahl der jüdischen Akademiker, welche ihn als Menschen und Lehrer verehren. Um so schmerzlicher muß es berühren, einen solchen Mann auf Grund falscher, vollkommen aus der Luft gegriffener Darstellungen herabgesetzt zu sehen. Da ich nun der Meinung bin, daß man der Wahrheit unter allen Umständen die Ehre geben muß, und glaube, daß wir Juden bereits genug Feinde haben, als daß wir uns noch künstlich solche zu schallen brauchten, hoffe ich, mit dieser Darstellung dem allgemeinen und auch besonderen Interesse gedient zu haben. Dr. Franz Joset Weiß. HiKrilutsl WIBNI* S«it«*st%tt«»BM** % Tai» U 3S*f*M XI., Zentralfrtodhof, neben dem i. Tor. M. M11441