Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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biE WAHRHEIT IfflMBffinBBtfflU^^ mmm Seit« 9 tqren von einem Ende des Korso bis zum anderen zu Fuß voranzuschreiten, wobei sie die etwas weniger rohen, aber nicht minder geschmackvollen Zurufe und höhnischen Schreie der Menge über sich ergehen lassen mußten. Bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Juden Roms gezwungen, alljährlich mit diesen demütigenden und qualvollen Zeremonien ihr Wohnrecht in der ewigen Stadt zu bezahlen. Trotzdem nahmen gerade in Italien die Lustbarkeiten des Purim eine Form an, die eine auffällige Aehnlichkeit mit dem Karneval aufwies, mit dem es häufig zusammenfiel. Die Kinder stellten sich in Reihen auf und bewarfen sich gegenseitig mit Nüssen. Die Erwachsenen ritten zu Pferde durch die Sjraßen mit Tannenzweiglein in den Händen und belustigten sich singend und Trompeten blasend rund um eine Haman darstellende Puppe, die auf eine Plattform gesetzt und schließlich unter Singen und Jauchzen verbrannt wurde. Üebrigens berichtet schon aus der Zeit der Geonim (6. bis 8. Jahrhundert) eine, allerdings viel spätere, Quelle, daß in Babylon die Kinder einige Tage vor Purim auf dem Dach des Hauses eine Puppe, die Haman darstellte, an einem Galgen aufknüpften und in der Purim-Nacht, nach dem Mahl, auf einem großen Scheiterhaufen jauchzend und Lieder singend verbrannten; die Erwachsenen sprangen dann über das Feuer weg. Das Purlm-Springen (Mischwartha de Puria) über einen Scheiterhaufen hinweg erwähnt einmal auch der babylonische Amora Rava im ersten Drittel des 4. Jahrhunderts (b. Synhedriii 64 b). Der arabische Historiker A1 b e r u n i berichtet um das Jahr 1000, daß in manchen Gegenden die Juden am Purim über Hamans Tod frohlockten und eine ihn darstellende Figur anfertigten, die sie prügelten und dann verbrannten. Ein anderer arabischer Historiker M a k r i z i, der um die Mitte des 15. Jahrhunderts starb, erzählt, daß die Juden zu Purim ein Bild von Haman herstellten, mit dem sie zuerst allerlei Possen trieben und das sie ins Feuer warfen. Im 18. Jahrhundert pflegten die Juden in Frankfurt a. M. am Purim Pyramiden aus kleinen Wachskerzchen auf dem Vorlesetisch des Almemors zu entzünden, ebenso aus Wachs geformte kleine Figuren, die Haman und seine Frau darstellten. Dieser Brauch ist schon aus dem 5. Jahrhundert bezeugt, und zwar durch ein aus Konstantinopel datiertes Dekret des Kaisers Theodosius, welches den Juden verbot, an ihrem Feste ein Bild des Haman zu verbrennen, weil der Kaiser den Verdacht hegte, daß dieser Brauch an die Kreuzigung Christi erinnern solle. Daß Purim gewöhnlich in die Karnevals- oder Faschingszeit fällt, ist kein bloßer Zufall. Der Karneval des christlichen Europa hat sich aus dem heidnischen Naturfest entwickelt, das von den Völkern Vorderasiens und Südeuropas, vom Indischen bis zum Atlantischen Ozean, gefeiert wurde, als die Macht des Winters gebrochen ward und der Frühling langsam herannahte. Dieses Fest fand gewöhnlich am Ende des Jahres statt; am bekanntesten waren die römischen Saturnalien, die im Dezember gefeiert wurden. Diesem römischen Fest entsprach das griechische Fest der Kronien. In Babylon und Persien feierte man ähnliche Feste. Die Juden haben nun wohl die Feier dieses Naturfestes übernommen, zumal es nur aus Lustbarkeiten, ohne Beimischung heidnischen Gottesdienstes, bestand. Später suchten führende Geister des Judentums, die dieses an sich harmlose Fest nicht bekämpften, ihm einen höheren Sinn unterzulegen und der Feier ein jüdisches Gepräge zu geben: Am 13. Adar des Jahres 161 errang Juda Makkabi über den griechischen Fcldherrn Nikanor, der persönlich die Juden grimmig haßte und manchen als Abbild Hamans galt, einen glänzenden Sieg bei Adasa, und dieser Nikanor- T a g wurde, ein Vorläufer des Purim, zum Fest erhoben. Dann kam einige Jahrzehnte später aus dem Osten, aus Susa, der Hauptstadt Persiens, die Esther-Rolle, die Erzählung von der wunderbaren Errettung der Judenheit aus der größten Gefahr durch die Fürsprache einer jungen Frau, diese Erzählung, die dann zum Inhalt des Purimfestes wurde und als solches — nachdem die Makkabäer lange an Beliebtheit beim Volke eingebüßt — den Nikanor-Tag verdrängte. Was die Juden nunmehr feierten, war nicht ein Naturfest, welches draußen heidnisch, bei ihnen aber neutral war, sondern ein ausgesprochen nationales, jüdisches Fest von religiösem Charakter. Welche große Bedeutung dieses Fest sehr bald gewann, das den Juden in aller Welt den wunderbaren Triumph über den bösen Haman versinnbildlichte und das zu einer begeisterten Freudenfeier wurde, beweisen auch die Worte des Talmuds: „Alle Feste werden vergehen, aber Purim wird ewig bestehen." Durch die Jahrhunderte blieb der Sinn dieses Festes dem Bewußtsein des Volkes so tief verwurzelt, weil durch die Jahrhunderte es immer von neuem den Hamans begegnete, dem Haß und der Bosheit. Und weil es — wie im Fortwirken jenes alten Wunders — den Hamans aller Zeiten trotzte. Heute feiert man in Orten, wo ausschließlich Juden in großen Gruppen zusammenwohnen, so besonders in Palästina, mit dem einziehenden Frühling dieses Fest der Freude noch nach den alten fröhlichen Bräuchen. Da bewegen sich bunte Purimzüge, ausgelassenem Karnevalstreiben gleich, mit Sang und Tanz und Maskentrubel durch die Straßen. Und alle ziehen mit, Männer, Frauen und Kinder, erfüllt vom Jubei über die Erhaltung des Volkes durch alle Verfolgungen hindurch, vom Jubel über das Wunder, das ewig ist wie der Frühling. Der Sammler. Die Schriftleitung der „C. V.-Zeitung" veröffentlicht folgendes an sie gelangte Schreiben eines bekannten deutschen Rabbiners, das auch für Oesterreich seine Aktualität hat. Kürzlich suchte mich ein Herr auf mit dem Ersuchen, ihn in der Sammlung von Beiträgen zur Unterstützung jüdischer Hochschulen und Lehrstätten zu unterstützen. Ich gewährte ihm meine Hilfe, hielt ihm aber zunächst eine kleine Rede, die ich Ihnen hier wiedergeben möchte. „Ja, mein werter Herr D.. was Sie mir da erzählen, ist wirklich traurig, wenn für mich auch keineswegs neu, zumal ich auf Ihren Besuch vorbereitet worden bin. Also die beiden jüdischen Hochschulen, das jüdisch-theologische Seminar in Breslau und die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, beides Anstalten, die auch der Ausbildung unserer Rabbiner gewidmet sind, stehen vor dem finanziellen Zusammenbruch, eine Folge der Inflation, die ihr einstiges Stiftungsvermögen vernichtet, hat. Ihre Dozenten können sie nicht mehr angemessen besolden, altgewordene nicht pensionieren, ihre bedürftigen Hörer nicht unterstützen. Man hat also unangebrachte Scham beiseitegesetzt, eine Notgemeinschaft gebildet und Sie in die deutschen Gemeinden entsandt, um durch Sammlungen bei Privaten die für die Fortführung der beiden gelehrten Anstalten unbedingt erforderlichen Mittel zusammenzubringen. Wie natürlich kommen Sie in dieser Stadt zu mir, damit ich, der ich ja selbst einstiger Zögling einer dieser Anstalten bin, wie dann wieder mein Sohn. Sie mit meinem Einfluß in der Gemeinde unterstütze. Gewiß, ich werde mich dieser Ehrenpflicht nicht entziehen. Ich werde Sie persönlich zu den — übrigens sehr wenigen — potenten Mitgliedern meiner Gemeinde begleiten und mit aller Wärme, die die Sache verdient, dafür sprechen. Ich glaube Ihnen vorhersagen zu können, daß dieselben sich nach Verhältnis ihres Könnens mindestens ebenso nobel, wenn nicht nobler, als die Zeichner in anderen Gemeinden, die Sie mir vorlegen, erweisen werden. Aber ich stelle eine Bedingung: daß Sie mir versprechen, die zuständigen Stellen auf einen Weg aufmerksam zu machen, auf dem die erforderlichen Mittel mit Leichtigkeit aufzubringen sind. Der Keren Hajessod hat im Jahre 1927 zirka 700.000 Mark (siebenhunderttausend) aus Deutschland herausgeholt, noch mehr wahrscheinlich 1928, und wenn die mit dem Anfang des Jahres begonnene Agitation mit der gleichen Stärke fortgesetzt wird, dürfte für 1929 sicherlich noch mehr herauskommen. Ich bezweifle, daß die wissenschaftlichen und karitativen Anstalten der deutschen Juden insgesamt eine gleiche Summe (die sie sämtlich aller Sorgen entheben würde) in einem Jahre durch Sammlungen erzielen. Nun befinden sich unter den Kuratoren und Führern der beiden Anstalten auch Männer, die gleichzeitig die eifrigsten oder einflußreichsten Befürworter des Keren Hajessod sind. Diese Herren, auch sehr angesehene Kollegen, mögen öffentlich erklären: daß sie sich außerstande sehen, ihren Namen für den Keren Hajessod herzugeben, solange nicht die ihnen am Herzen liegenden Lehranstalten durchaus gesichert sind. Denn sie werden gewiß darin einstimmen, daß es mindestens ebenso dringend ist. hier in unserem Vaterlande notleidende Anstalten wie Seminarlen, Waisenhäuser. Krankenhäuser, Kinderhelme, Altersheime aufzubauen, als ländliche und städtische Siedlungen in Palästina zu gründen, was gut und schön sein mag, aber immer noch Zeit hat.