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Die Wahrheit · 1929-03-22 · Heft 12 (22.3.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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statte S flffifflfflHBtfHItilM^ DIE WÄHRHElf gelungensten gehören, nur dadurch aus, daß man an ihm öffentlich aus der Thora vorliest, wie am Chanukkah und am Chol ha Moed. und zwar die neun Schiußverse des 17. Kapitels im Exodus, weiche die Geschichte vom grundlosen Ueberfall der Amalekiter auf das hoffnungsfreudig aus Aegypten ziehende Israel erzählen, das erst kurz ' zuvor das Wunder am Schilfmeer erlebt hatte. Diese Erinnerung gemahnt an die Geschichte von Haman, zumal dieser als Abkomme von A g a g erscheint, dem von S a u 1 besiegten Amalekiterkönig, während Mordechai als Nachkomme eben dieses Königs Saul eingeführt wird. Das ganze gottesdienstliche Ritual für Purim war von den ersten Zeiten der Mischnah an lange schwankend und wurde erst in der Epoche der Geonim endgültig festgesetzt. Eines nur stand von Anbeginn bis auf unser Zeitalter überall fest, so wie es in der Megillah ursprünglich festgelegt erscheint, (Esther IX, 23), nämlich, daß Purim ein Tag war, an dem man reichlich Geschenke und Almosen an die Dürftigen zu geben verpflichtet war. Schon zum Morgengottesdienst, an anderen Orten zu Mincha, gehörte es, daß jeder Mann einen halben Schekel spendete, eine Erinnerung an die zur Zeit des zweiten Tempels eingeführte Nationalsteuer — die babylonischen Rückkehrer gab_en je ein Drittel Schekel — für den Tempel und Jerusalem. Etwa 80 Jahre vor der Zerstörung des Tempels fing diese freiwillige Steuer an, immer reichlicher aus den fernsten Ländern der Diaspora nach Jerusalem zu fließen — jeder Zwanzigjährige gab einen halben Schekel —, bis der römische Kaiser Vespaslan nach der Zerstörung des Tempels die Juden seines ganzen Reiches zwang, die Gelder nicht nach Jerusalem, sondern an den Tempel des Jupiter Capitolinus abzuliefern, sie aber unter dem Namen „Fiscus Judaicus" für seinen Privatschatz konfiszaerte. Das war wohl die erste Judensteuer überhaupt Deswegen hörten indessen die Juden nie auf, Spenden nach Jerusalem an die dortigen Lehrhäuser und an die Armen zu senden. Ungefähr seit dem 13. Jahrhundert verbre.tete sich bei den deutschen Juden die Sitte, die dann von iviänarii festgelegt wurde, beim i-urimgottes<Lenst von jedem Erwachsenen emen halben bchekel einz,uKassieren, der für das Heilige Land verwendet wurde, daneben aber auch als „Fuiim-ueiü", das der heimischen Wohltätigkeit zugeführt wurde. Purim war bei den Juden seit der ältesten Zeit der bpeziaitag für das Wohltun. An diesem Tage hatte auch der Geizigste eine offene Hand. So sehr war von altersher das Almosengeben das hervorstechendste Kennzeichen des Purim, .daß einer alten Ueberlieierung nach dieser Tag deswegen kalendarisch so festgelegt wurde, daß er nicht auf den Sabbat fallen könne, weil dann die Armen um ihre Almosen und Geschenke kämen. Aus dieser Wohltätigkeit heraus entwickelte sich, wahrscheinlich schon in den ältesten Zeiten, die in dem obengenannten Vers erwähnte Sitte des „Mlschloach Manpth" (vulgo Sch'lachmones), die darin bestand, daß Freunde, Nachbarn, Geschwister, Verwandte, Brautleute, Schüler und Lehrer, Eltern und Kinder einander Geschenke schickten, bestehend aus Süßigkeiten, Leckerbissen, Büchern, Gedichten, Schmucksachen u. dgl. Kinder fühlten sich schon besonders gehoben, wenn sie. ihren Altersgenossen ein Purimgeschenk schickten und ein solches erhalten durften. Einen besonderen Rang nahmen die Purimgeschenke ein, die die vornehmen Gemeindemitglieder in früheren Zeiten dem Rabbiner zu schicken pflegten. An verschämte Arme, auch an nichtjüdische, schickte man allerlei Gaben anonym. Wenn man aus dejn Vergleich mit ähnlichen Fällen einen Schluß ziehen darf, ist bei den Juden die Sitte, sich gegenseitig am Purim zu beschenken, aus dem Bestreben hervorgegangen, durch Verallgemeinerung der Geschenke von den beschenkten Armen den Stachel zu nehmen. In den jüdischen Kreisen Westeuropas ist diese prächtige Sitte fast ganz verschwenden. Dasselbe Schicksal widerfuhr (oder widerfährt) der anderen vornehmen Purimsitte, nach der jeder Hausherr zum Purimmahl (Seüdath Purim), welches nach Mincha, knapp vor dem Dunkelwerden, begann und sich häufig bis tief in die Nacht hinzog, auf den Tisch eine große Schüssel mit Geldmünzen hinstellte und daraus an jeden Bittsteller, ohne Ausnahme eine Gabe reichte. Vornehmlich in diesen Handlungen der Wohltätigkeit äußerte sich die gehobene, fröhliche, sogar ausgelassene Stimmung, die am Purim herrschte. Für das Purimmahl waren besondere Gerichte und Bäckereien traditionell. So die mit Mohn oder Mus gefällten IJaman-Taschen und das „Nautit", In Honig. geprägejte Nüsse oder feine Teigfleckchen. Für das abendliche Purimmahl wurde ein großes, geflochtenes Weißbrot gebacken, der Form nach dem-sabbat- KAUF UND VERKAUF VON REALITÄTEN JEDER ART SOWIE ÜBERNAHME VON HAUSVERWALTUNGEN DURCH ARCHITEKT HERn/INN EBENSP/1NQER WIEN IX., LATSCHKAQASSE 4 / TEL. A16-5-15 liehen ähnlich, aber von ungleich größeren Dimensionen. Der Teig wurde mit Eiern und Safran geknetet. Der Braten wurde .säuerlich zubereitet. Als Kompott aß man Feigen mit Rosinen in Wein gekocht. Aber schon beim Mittagessen durften die Kräpfchen mit Hackfleisch in der Suppe nicht fehlen, die allemal aufgetischt werden, wenn man „schlägt". Man „schlägt" dreimal im Jahre, aber es ist nicht gefährlich. Wenn Juden schlagen, fließt kein Blut: sie „schlagen" am Erew Jom-Kippur Kapparot, am Hoschanah Rabbah Weidenzweiglein, am Purim den längst gehenkten Haman (davon weiter unten). Von den besseren Speisen, besonders Fischen und Bäckereien, sandte man zu Purim auch an die Gutsherrschaft, an christliche Honoratioren und sogar an den Ortsgeistlichen. (Diese Sendungen waren wohl ehemals pflichtgemäß und gehörten zur Judenschutzsteuer.) Beim Purimmahl sprach man auch dem Wein mehr zu als sonst. In alten Zeiten galt für Purim eine Trinkpflicht, die eine respektable Trinkfestigkeit voraussetzte, jedoch in den folgenden Zeiten bedeutend herunterging. Im Talmud wird noch das scherzhafte Gebot eingeprägt, am Purim sei es Pflicht, sich einen so mächtigen Rauscji anzutrinken, daß man zwischen „Hoch Mordechai" und „Nieder mit Haman!" nicht unterscheiden könne. Deshalb wohl hat Purim sich den Ruf gemacht, der jüdische Karneval oder Fasching zu sein. Dazu trug vornehmlich der Umstand bei. daß die Unterhaltungen geräuschvollere Formen annahmen als sonst, daß man dem Humor und dem Spaß freien Lauf ließ. Die Rabbiner und Gemeindeältesten drückten ein Auge zu, wenn das Volk in überströmender Lustigkeit ein wenig über die Stränge schlug. Wer an diesem Tage im fröhlichen Tumult den Nächsten beschädigte oder um einen Gegenstand des Genusses brachte, konnte deswegen nicht gerichtlich belangt werden. Es war seit uralten Zeiten üblich, sich an diesem Tage zu maskieren, wobei sogar, gegen das ausdrückliche biblische Verbot, Männer Frauenkleider anlegen durften. Es gab auch einen besonderen Kiddusch für Purim, bestehend aus einer Anzahl von Versen aus verschiedenen Gebetstücken, die auf humoristische Weise ineinander geflochten wurden. Purimspieler oder >Sänger in Masken, „Verstellte", zogen aus den Städten über die Dörfer und sangen den dort verstreut wohnenden Juden Lieder vor. Allmählich entstand daraus das Purim-Spiel. Schon im 16. und 17. Jahrhundert verfaßte man zu Venedig und Amsterdam in spanischer Sprache Dramen, die den Purim-Stoff behandelten. Doch das eigentliche Purim-Spiel in jüdisch-deutscher Sprache, nämlich dramatische Aufführungen für Purim, entstanden erst am Anfang des 18. Jahrhunderts. Das erste war wohl das Achaschwerosch-Spiel. das 1708 in Frankfurt a. M. erschien. Bald zog man andere biblische Stoffe, wie das Schicksal Josephs, in den Bereich der Darstellung. In den großen jüdischen Zentren, Prag, Amsterdam, Frankfurt a. M. wurde dieses Spiel von Jeschiba-Jüngern, also mit Zustimmung der Rabbiner aufgeführt. Diese Darbietungen zogen in Frankfurt auch christliches Publikum an, daher wurden sie alsbald verboten. Daß es in der Welt auch ein nicht jüdisches Purim. nämlich den Karneval gab, bekamen namentlich die Juden Roms im 15. Jahrhundert leibhaftig zu spüren. Früher schon waren sie angehalten worden, zu. den Kosten der Volksbelustigung am Karneval in bedeutendem Maße beizusteuern. Im 15. Jahrhundert jedoch waren sie gezwungen, persönlich dabei mitzuwirken. Es wurden am Montag, dem ersten Karnevalstag, die Belustigungen durch Wettrennen zu Fuß eröffnet, und die Juden waren gezwungen, aus Ihrer Mitte wenigstens acht Mann zu stellen, welche mit. entblößtem Oberkörper auch bei ärgstem Regenguß dem Zug vorahzulaufen hatten, die 1100 Fuß lange Renntag ^hindurch, '^irjätieti' unter dem Gelächter und dem spöttischen Öebrüll des, höhnischen und schadenfrohen Pöbels. Einige Stunden später hatten die „Fattori", nämlich die Rabbiner und;Oberhäupter der jüdischen Gemeinde, der KarnevalSprözession der Scna-

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