Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 iiiuiiiniiHniiiiiiiii«^ DIE WAHRHEIT liebevoller Seele lebt in dieser kleinen, zarien Bewegung, die sich um mein einsames Rettungswerk bildete. Es war dies ein Versuch, in de. Wüstenei der Großstadt. Neues, Segensreiches zu schaffen. Wir Juden sind doch das Volk der Ethik, nieint einer meiner Freunde, und uns darf es nicht schwer fallen, eine Gesellschaft für ethische Kultur zu schaffen, die individuell und fürsorglich eine einflußreiche menschenliebende Tätigkeit für diese schwer Gefährdeten entfaltet. Mittlerweile haben_ die Redivivi sich zu neuem Leben aufgerafft. Zwei dieser tntlassenen haben bald ihren Weg gemacht. Die erste kleine Hilfe, die Aufmunterung. hat genügt, um diese Familienväter an ihre Lebenspflicht * zu "gemahnen. Die Juden sind ja Lebensbejaher. Ich sah sie nach Monaten wieder und fand sie anders. Die Tränenströme, das Stöhnen machte dem Gerassel der wirklichen Arbeit Platz und das Licht hat ihre lange, kalte Kerkernacht überwunden. Die anderen vier Familien beginnen langsam aufzuleben. Noch brauchen sie unsere warme, schützende, liebevolle Hand. Aber ihre ersten tastenden Gehversuche haben sie schon gemacht und bald werden sie auf eigenen Füßen stehen. Da dachte ich mir, wie ich die guien. ungenannt sein wollenden Menschen in ihrem fürsorglichen Tun betrachtete: Gute Taten werden nicht vollbracht, sie wachsen. Die Dankbarkeit der Geretteten wuchs ins Unbegrenzte. Ich sah vor mir Bilder aus Güte und Menschenfreundschaft. Jemandem das Um und Auf der täglichen Existenzen schenken, für die kleinen unschuldigen, von Krankheiten gemarterten Kinder der Entlassenen zu sorgen, das heißt eine Welt schaffen der Gnade und der Verzeihung. Sonst wären sie gestorben aus Erschöpfung und vor Frost des heurigen Winters. Die bisher erlassenen Aufrufe sind also nicht ganz unverstanden verhallt. Aber trotzdem fehlt die Organisation, die Zentrale für jüdische individuelle Fürsorge für diese Gefährdeten. Schon beginnt es zu dämmern. Ein Wunsch nach einer Organisation, nach einer helfenden Zentrale, die alle Fälle individueller Fürsorge solcher kranker Seelen erfaßt, wird vielfach rege. Die religiöse Betrachtung des Judentums verhält sich zur Bestrafung wie zum Schmerz, dessen reinigende Kraft sie anerkennt, aber dessen Zufügung sie schrecklich vercanmmt. Ein Uebel, das in menschlicher Unvollkommenheit wurzelt, regt weniger zum Zorn und mehr zum Bemitleiden an. Die Seele des Menschen soll, bei einer richtigen individuell-fürsorglichen Behandlung, erforscht, untersucht, liebevoll geprüft werden, denn sie ist der Schlüssel seiner künftigen Entwicklung, seiner Besserungsmöglichkeit. Auf dem vielästigen Baume der jüdischen Humanität haben sich durch diese originelle jüdische Fürsorge für diese Entwurzelten eine Gesellschaft von Menschenfreunden einen Ast erkoren, um die echteste Menschenliebe, die selbst vor Gezeichneten und Verkommenen nicht zurückschreckt, uns aufzupfropfen. Der Vorstand der Kultusgemeinde beweist zusehends sein Interesse für diese soziale Frage, für diese täglichen Rettungsmöglichkeiten. Aber die Arbeit ist übermäßig groß, denn wir haben Ozeane des Elends zu durchschwimmen. Es gilt irgendwo ein Land zu suchen, wo die Freiheit gedeiht. Auch Enttäuschungen, die keinem Irdischen erspart bleiben, dürfen einen wahren Menschenfreund nicht absehrecken. Wir sehen vor uns siets die gelben, verfurchten Gesichter der Entlassenen; vielfältig heben sich Falten und Senkungen auf einem Hintergrunde ihrer bewegten Lebensj;eschichte ab. Aber hinter diesen Gestalten ist das, was die Religion die Besserung nennt. Jedoch wir finden schwer ihre Spur. Die neue Organisation, von der ich und meine wenigen Freunde träumen, wird hier Wandel schaffen, dem Judentum, der jüdischen Ethik neuen Triumph bereiten. Ueber vergangenes, abgebüßtes Verbrechen laßt uns den Mantel der Religion werfen und über Trümmern der Vergangenheit möge Freundschaft und Liebe aufwachsen. Ich bin bei diesen traurigen Betrachtungen menschlichen Leidens an die Wasserscheide der menschlichen Zerrüttung angelangt. Durch die schweren Wolken der Ungunst sehe ich einen zitternden Sonnenstrahl, der mir den Gedanken menschlicher Erfüllung schenkt. Jetzt weiß ich, was unsere Religion stets lehrt, daß in jedem noch so geknechteten Menschenwesen ein verborgener göttlicher Plan lebt, der nach Irrfahrten, nach Entgleisungen zum endgültigen Guten treibt . . . Dr. K. Kupfer, israelitischer Strafseelsorger in Stein. (Weitere Berichte folgen.) CENTRALKINO Wien II., Taborstraße 8 Tel. R 42-3-41 UR- UND ALLEINAUFFÜHRUNG des ERICH (rotten JOE MAY-riLPiS der POMNER- -PRODOKTION der ■IffA" ASPHALT mit Gustav rröhlldi und Betty Amann Beginn der Vorstellungen: VA 1IS 9 ünr Derjüdische Kaufmann und die Konkurrenz**. In meinem 23. Jahre stürzte ich, wie ich später erzählen werde, aus allen Himmeln der Wissenschaft auf die Flachebene des Gelderwerbs, ich wurde Kaufmann. Diese Welt war mir fremd — ganz zu Mause bin ich nie in ihr geworden. In einem fremden Lande wird man zum Beobachter. Da war mir schon damals aufgefallen, in welch verhältnismäßig geringem sozialen Ansehen der Kaufmann bei uns stand, in ungleich geringerem als der Grundbesitzer oder der Industrielle. Viel anders ist's auch heute noch nicht. Nun ist doch dieses Verhältnis ganz merkwürdig. An sich steht auf der Stufenleiter des Erwerbs der Kaufmann am höchsten. Er ist in der ganzen wirtschaftlichen Tätigkeit derjenige, bei dem die rohe physische Kraftleistung das schwächste Moment bildet. Er ist im Wirtschaftsleben das leitende und führende Element, der Geist in demselben. Er repräsentiert das Kulturelement im Leben der Völker und es ist bezeichnend, daß mit der Kulturstufe eines Volkes auch das Ansehen des Kaufmannes bei ihm steigt. Der Kaufmann steht im Ansehen in Wien ungleich tiefer als in Hamburg, und in Hamburg noch lange nicht so hoch wie in London oder New York. In Deutschland, England, auch in Amerika steht nämlich nicht der Fabrikant, sondern der große Kaufmann in der ökonomischen Wertschätzung an der Spitze. Auf diese Stellung hat der Kaufmann ein Recht durch die Geschichte. England hat den Weg zu seiner großen Industrie nur dadurch gefunden, daß seine Kaufleute die Aufgabe übernommen hatten, die im 17. und 18. Jahrhundert erworbenen Kolonien mit den industriellen Produkten der Heimat zu versorgen, und umgekehrt ihr die Rohprodukte der überseeischen Besitzungen zuzuführen. Das große ostindische Reich verdankt England dem Handelsgeist seiner Kaufleute; die Ostindische Kompagnie hatte Ostindien wirtschaftlich schon längst erobert, als die Regierung gezwungen wurde, zu Schutze dieser Eroberung Truppen dorthin zu senden. Der Hansabund hatte begonnen, ein Aehnliches für Deutschland anzustreben, und hätte es auch erreicht, wenn er nicht an der Zersplitterung des Deutschen Rei- *) Wir entnehmen dieses jetzt besonders aktuelle Charakterbild dem Buche von Sigmund Mayer: „Ein jüdischer Kaufmann", II. Auflage, B. Harz, Berlin.