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Die Wahrheit · 1929-03-22 · Heft 12 (22.3.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT miitii'ti""""""""'1""""1""1"'™ Sütd 5 sind. Wir Juden helfen ja stets unseren Ins Unglück geratenen Brüdern, selbst wenn sie Rechtsbrecher sind. In kleinen orthodoxen Gemeinden pflegten Kinder den jüdischen Sträflingen das koschere Essen ins Gefängnis zu bringen, von ihren frommen Eltern begleitet, die darin nur eine Erfüllung erhabener jüdischer Gebote sahen. Hoffentlich ist unsere Quelle des Mitleids noch nicht versiegt, unsere Wohltätigkeit und Nächstenliebe noch nicht erloschen. Vielleicht werden wir, trotz der beständigen Klage, daß es keine Religiosität mehr gibt, durch unsere Taten beweisen, daß der Glaube noch nicht ganz verschwunden ist, sondern daß er lebendige, tätige, weder Zorn noch Rache kennende Liebe stützt. Der jüdische Seelsorger muß gleichzeitig mit jeder Faser seines Lebens ein Fürsorger sein. Einmal im Monat, mehr erlaubt der behördliche Auftrag nicht, fahre ich als Straf Seelsorger nach Stein. Die gelben Mauern der Anstalt, so gelb wie die Sträflingsfarbe der Gesichter, die mir dort unheimlich entsegengrinsen, verbreiten Entsetzen und Schauder. Gleich beim Betreten des langen düsteren Korridors, ewig heiß infolge des Dampfes, der aus den Küchen der Anstalt emporsteigt, empfinde ich die Tragik des kläglichen Lebenswillens. Ich sehe Menschen und wieder Menschen, in ihrer engen, festen, steinharten Umgrenzung mit ihrer reichen Welt der Wünsche und der ganzen Armseligkeit des Vollbringens. der Erfüllung. Die lange Haft wirkt auf Juden lähmend, vernichtend. Sie werden bald zu geistig hinsiechenden Menschen. „Mein einziger Lichtblick, mein einziger Kontakt mit der Außenwelt sind Sie, Herr Doktor, wenn Sie zu uns kommen und mit uns so einfach menschlich sprechen . . . .". schrieb ein Häftling mir unlängst Lauter kranke Seelen, an die sich das schwere, plumpe Gespenst Leben träg heranwälzt, um mit rauher Hand in das feine Spinnengewebe ihrer Träume zu greifen und die zarten Schmetterlingsflügel ihrer Einbildungswelt zu zerreißen. Sie alle führen instinktiv die erschütterndsten Klagen gegen das Leben. Diese Klagen erklingen in leisen Dissonanzen, die aber im lauten Lebenschor ungehört und unbeachtet verhallen. Der jüdische Fürsorger muß sie erhaschen, jene innere Stimme der gequälten Menschenkinder, die ihre Schmerzen nicht wild herausschreien und dennoch so viel Verborgenes zu erzählen wissen .... Ihn. den merkwürdigen jungen Menschen, sehe ich stets vor mir. Traurig blickte er mir in die Augen. Er war noch so jung, hat einmal studiert, die Mittelschule absolviert und war Bankbeamter gewesen. Dann verlor er den Posten und begann zu straucheln. Er war kein Spitzbub. der herumzog, um die Welt zu betrügen, sondern einer, der im Taumel, durch andere verführt, im Schlamme des Verbrechens untersank, um nie mehr zur normalen Höhe des gewöhnlichen Lebens zu gelangen. Er kam nicht zu mir. Monatelang sah Ich sein düsteres gelbfahles Gesicht und konnte ihn nie zu mir rufen. Er war einer der frühesten, die langsamen Schrittes nach Beendigung des Gottesdienstes den Weg in ihre Maulwurfshöhle, in ihre sogenannte Einzelzelle nahmen. Endlich hielt ich es nicht länger aus und rief ihn zu mir. Einiges brachte ich mühsam aus ihm heraus. Sein Vater starb vor Gram, die Mutter ist schwer krank. Er selbst sei wunschlos. Vielleicht, weil er an dfe Hilfe der Menschen nicht glaubte. Die jüdische individuelle Fürsorge war und ist für mich und für andere Menschenfreunde noch ein Wunsch, der der Erfüllung harrt. Vielleicht hätte ein Hinweis auf die Möglichkeit, die eine verschleierte Zukunft birgt, ihm seinen Lebensmut wiedergegeben. ... Wie ich wiederkam, war er schon ein Krüppel. Die Freiheit, die Sonne, deren Strahlen nur auf Gerechte fallen, die wollte er nicht ertragen. Mittlerweile nahte sein Tag der Freiheit und der Abschiebung weit, weit nach Ungarn. Er war in Wien geboren, sein verstorbener Vater vergaß in der Armut die Zuständigkeit zu erwerben und er konnte kein Wort Ungarisch. Wäre er ein Pole, wäre es vielleicht besser. Denn die Polen streichen alle jüdischen unbequemen Zuständigkeiten und vermehren den Typus der ..Heimatlosen", die man zu einer beliebigen Grenze abschiebt, damit sie sofort wiederkehren. Einmal, zweimal werden sie so hin- und zurückgeschoben, bis sie dann doch in Wien bleiben. Aber Ungarn nimmt sie an, weiß Gott, aus welchen Motiven. Die Liebe tut es nicht. Ich kam von Stein wieder nach Wien und der insinnig rauhe und eiskalte Spätwinter trat ein. Ich vergaß ihn und war erstaunt und beklommen eines Tages, als ich ihn auf der - Straße plötzlich vor mir sah. Er erkannte mich zuerst. Er humpelte mit seinen lahmen Beinen und sah schrecklich hoffnungslos aus mit seinen mageren ausgehöhlten Backen. Die SLaut Attest Sr. Ehrwürden des Herrn Oberrabbiners gSIMON SCHREIBER aus Erlau werlttAlicl» 12^3 Erzeugt von HEINRICH FRANCK SÖHNE A. G. Kaffeemittelfabrik, Linz a. d. D. Bei ledern aufmanne zu hoben! furchtbare Kälte ließ mich zittern, als sich die ganze verschneite Trostlosigkeit vor mir erhob, ein Sinnbild seines entwurzelten Lebens. Ich ging eine Weile mit ihm zusammen. Wie gern hätte ich ihn unter den Arm gefaßt und ihn zu guten, edlen, helfenden Menschen geführt. Aber ich hatte sie gar nicht, ich wußte nicht, an wen ich mich wenden soll. Mittlerweile erfuhr ich seine traurige Geschichte. Seine Mutter liegt schwer krank, hoffnungslos, im Allgemeinen Krankenhaus. Die Polizei war mitleidig und hat ihm erlaubt, in Wien zu bleiben, bis seine Mutter gesund wird oder ... Er schläft im Obdachlosenheim der Polizei, die Polizei war diesmal so merkwürdig mitleidig und bei Tag singt er in den Häusern der Vorstadt, die seinen Gesang mit Almosen bezahlt. Er war wieder so wunschlos wie vorher. Nur an die Mutter dachte er unablässig, der er so viel Kummer bereitet hat. Wenn er von ihr sprach, begann er zu jammern und zu klagen, daß ein kaltes, mitleidiges Frösteln über meinen Rücken ging. Ich gab ihm die Adresse der Kultusgemeinde, wo ich ihn zu sprechen begehrte. Er versprach hinzukommen. Ich aber versicherte ihm, daß ich seine Mutter besuchen werde. So verließ er mich. Ich aber sah ihm lange nach. Sah noch sein müdes trauriges Gesicht mit den faltigen Zügen des Kummers und Ihrer stillen Verzweiflung. Wieder vergingen Wochen schwerer rastloser Arbelt für mich. Die erwürgende Nüchternheit des Alltags Heß mich Vieles vergessen. Plötzlich empfand ich das Schuldgefühl einer großen Unterlassung. Rasch eilte ich ins Spital und dort erfuhr ich das Grausame. Seine Mutter war längst tot und er auch nicht mehr zu finden. Wohin führte ihn sein Weg? Seine Spur verlor sich ganz. Unterwegs während der Abschiebung ist er verschwunden. Wohin? Wohin ist er hinaus, In die steinige Wüste unseres Lebens? Eines wußte ich bestimmt. Er wird nichts mehr verbrechen, er wird nicht fälschen. Ich fragte mich, wie kann so viel Schmerz in dem Klümpchen Mensch enthalten sein? Im Geiste sehe ich ihn noch immer, ihn, den Davonhumpelnden, den Bettler, den Ausgestoßenen . . . Mittlerweile rang das jüdische Mitleid mit dem Elend und. der Verkommenheit Ein« Reihe von Männern und Frauen fand sich ein, die alle vom Schauder erfaßt ob der Fülle und der Größe menschlichen Jammers, mir halfen und für diese niedergetretenen Juden Partei ergriffen. Die Tragik unseres wirklichen Erdendaseins wurde gemildert. Etwas von Moses

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