Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 12 (22.3.1929)
- Date
- 1929-03-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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S»iti 4 MHmmiminmnw"^ 0|g WAHRHEIT einer strengen Zensur zum Opfer fiel. Diese Theaterzensur übte kein Geringerer als der Vorstand der Frankfurter jüdischen Gemeinde; er untersagte die Aufführung und ließ die gedruckten Exemplare verbrennen. Ob es aus religiösen oder politischen Gründen geschah, darüber schweigt sich die Gemeindechronik aus. Das „Achaschwerosch-Spier ist trotzdem in mehreren Bearbeitungen vorhanden und wurde auch mehr als Beitrag zur jüdischen Volkskunde oder als literarische Seltenheit in deutscher Schrift gedruckt. Hingegen ist es nicht bekannt, daß das „Joseph-Spiel" in Frankfurt oder einer anderen jüdischen Großgemeinde je verboten wurde, und so kann mit aller Wahrscheinlichkeit angenommen werden, daß Goethe dieses „Theaterstück" jedenfalls kannte und dadurch zu seinem „Joseph" angeregt wurde. Albert Einstein als Mensch. Von Ossip Dymow. Vor einigen Jahren habe ich in Amerika eine schwarze, schwere Periode meines Lebens durchgemacht. Ich verließ New York und lebte allein mit meiner Katze in einer kleinen Küstenstadt. Es war Winter, Einsamkeit, Trübnis und eine höchst bedrückte Stimmung. Da kam mir Professor Albert Einstein zu Hilfe. Mir geriet ein Buch in die Hand, das eingehend seine Relativitätstheorie erklärte. Ich rief die halbvergessenen Vorlesungen über höhere Mathematik aus meinen Studentenjahren um Beistand an. Ich begann diese Formeln zu lesen, diese Konstruktionen zu entziffern, die an Aphorismen erinnerten. Ich fühlte darin das Walten einer kosmetischen Bewegung, einen nach innen gewandten Wind im Weltall. Nun schien es mir begreiflich, daß der Orient-Expreß, dahinrasend auf dem Geleise, kürzer wird; daß auf dem Mond ein anderer Zeitablauf herrscht als auf der Erde; daß die unbegrenzte Welt dennoch Abschluß und Ende hat. Eine gewaltige sittliche, ja, sittliche Kraft strömte aus dem Buch in mich über. Hier erfüllten sich Kants Worte von dem Sternhimmel über mir. und dem Moralgesetz in mir. Neuartig erklangen mir nun Kants Imperative. Prophetisches war in ihnen, und die Voraussage galt Einstein. Jenem Buche verdanke ich meine innere Gesundung. Anders betrachtete ich nunmehr mein so mißgestaltetes Leben. Ich fühlte mich der Heilung nahe. „Die Brüder Karamasow", die ich als Fünfzehnjähriger gelesen, und Einstein, den ich dreißig Jahre später erlebt hatte, sind Marksteine auf dem Wege meines Lebens, so verschieden, so unvergeßlich. Ich möchte sagen: Einstein hat zurecht gebogen und geheilt, was Dostojewski verbogen und verwundet hatte Einige Monate darauf kam Einstein mit Dr. Weizmann nach Amerika. Ich war unter denen, die die verehrten Gäste willkommen hießen. „Sagen Sie bitte," fragte ich Dr. Weizmann, „verstehen Sie Einsteins Theorie?" Der kluge, ein wenig spottlustige Doktor erwiderte: „Während der Ueberfahrt hat mir Einstein täglich seine Theorie erklärt, und bei der Ankunft habe ich erkannt, daß er sie versteht." Drunten in der Salonkajüte lernte ich den Schöpfer der Relativitätstheorie kennen. Zunächst überraschte mich seine riesige, abnormal, geradezu übertrieben wirkende Stirn — ihr strahlendes Weiß. Darunter sah ich die merkwürdigen schwarzen, aufmerksamen, klugen, guten Augen: ernste Kinderaugen. Diese Augen sind viel jünger als die Stirn und die (jetzt) weißen Haare. Um den Mund ist etwas traurig Weiches, Mildes, gleichsam wie bei verheißungsvollen Kindern. Er saß wie ein Präsident an dem schmalen Tisch, umringt von einem Dutzend amerikanischer Reporter. Diese Jungen, die sonst temperamentvolle Artikel über Fußball liefern, hatten jetzt die Aufgabe, Amerika mit der Relativitätstheorie vertraut zu machen. Einstein erklärte seine Theorie in deutscher Sprache. Jemand übersetzte, die Reporter notierten emsig. Hier, in dieser niederen, dumpfen Kajüte erlebte ich eine der stärksten geistigen Erschütterungen. Das geschah so: Em Reporter fragte: „Stellen Sie Ihre Theorie höher als die Theorie Newtons?" Nach einer kleinen Pause entgegnete Einstein: „Ja." Nach Beendigung des Vortrages nahm Einstein seine Geige unter den Arm und entfernte sich. Einstein lebt in einer kleinen, stillen Straße von Berlin- West im Hause eines russischen Emigranten, der in Deutschland zum reichen Mann geworden ist. Herr S. ist sehr stolz auf seinen Mieter. Er hat oberhalb seiner Wohnung unter dem Dach ein besonderes Zimmer eingerichtet, wo der Gelehrte in einsamer Abgeschiedenheit und Stille arbeiten kann. Es kommt vor, daß es in diesem Zimmer kalt ist. Da muß man im Ueberrock dasitzen. Fremden gelingt es selten, in dieses Laboratorium des Geistes einzudringen. Da steht ein Tisch; auf dem sind_weder Bücher noch Handschriften vx sehen. Es liegt nur ein Stück Papier da und wartet. Einstein mit seiner Pfeife in der Hand sitzt unbeweglich. Er denkt, oder richtiger: er gibt sein Gehirn der Macht der Gedanken hin, die etwas damit vollführen; sie sättigen, bereichern, befruchten es. Die Pfeife ist längst erkaltet Der Denker ist eins. geworden mit dem unbewegten, nach innen gewandten Weltenwind . . . Dann, gleichsam erwacht, schreibt er auf das Stück Papier irgendeinen Satz oder eine Formel nieder — so geschieht es. Täglich bekommt Einstein riesige Ballen von Briefen. Niemand in seinem Stadtviertel bekommt auch nur ein Zwanzigstel der Briefe, die ihm aus allen Weltteilen geschrieben werden. Die sittliche Macht seiner Formel, von der ich schon sprach, wird auf der ganzen Erde empfunden. Diese Macht entströmt unmittelbar auch seiner Persönlichkeit. Ihre äußere Form ist eine wunderbare Schlichtheit, ein hohes, wirklich menschliches Wesen. Einmal kam Einstein zu seinem Hausherrn mit folgendem Vorschlag: „Es ist für den Hausmeister schwer, jedesmal für mein Dienstmädchen den Lift zu bedienen; man könnte also folgendes machen:- ich werde über die Treppe in meine Wohnung (im fünften Stock) steigen, und dafür wird das Dienstmädchen den Lift benützen." Dieser Vorschlag wurde aber abgelehnt. Eine andere praktische Idee konnte er doch zur Ausführung bringen. Im vorigen Frühjahr reiste Einstein auf ärztlichen Rat nach Davos, um seine Herzschwäche zu kurieren. Auf der Station wollte er, in seiner Abneigung, sich bedienen zu lassen, dem Träger nicht erlauben, sein Gepäck zu nehmen; er schleppte seine Sachen persönlich die lange Strecke bergauf zum Hotel. Das Resultat war ein Herzleiden, das ihn durch drei Monate ans Bett fesselte. Einsteins Freunde verheimlichten damals der Welt die Gefahr. Glücklicherweise ist er gesund geworden und zu seiner Arbeit zurückgekehrt. Er faßt das Leben als Arbeit und Pflicht auf. Den ganzen Betrag des Nobel-Preises hat er weitergeschenkt. Er ist nicht zum König von England gereist, weil er keinen Frack besitzt. Er arbeitet, hält Vorträge, spielt zu wohltätigem Zweck Geige, nimmt teil an den Sorgen dieses Lebens, er, der schon zu Lebzeiten mit der Unsterblichkeit der Legende gekrönt worden ist. Menschen und Schicksale. (Aus der Mappe des israelitischen Strafseelsorgers.) Die Zeit geht ihren ehernen Weg weiter, zu Boden drückend, was sich ihr in den Weg stellt. So sind wieder Monate vergangen, aber meine Mappe, die kurze Aufzeichnungen dieser merkwürdigen Menschengeschicke enthält, füllt sich fortwährend, mit neuem bitteren Inhalt. Wie mannigfaltig, wie abwechslungsreich ist dieser Inhalt menschlicher Verfehlungen! Es gibt eben verschiedene Grade menschlicher Fehlbarkeit. Wir Juden, durch mehr als tausendjährige Vergangenheit aneinander gefesselt, durch unsere unsterbliche Moral ein unvergängliches Volk geworden, sind die Letzten, die die moralische Forderung der Gesetze nicht anerkennen würden. Aber wir wissen auch, unsere Lehre, unsere Gebete verkünden es täglich, daß. je toleranter die Gesellschaft diese sündigen Menschen behandelt, desto schneller wird sich die Zahl derer vermindern, die das Recht beugen und brechen. Sie sind mit Recht als Schuldige verurteilt worden und müssen ihre Strafe erleiden. Aber damit soll nicht beabsichtigt sein, sie in eine so hoffnungslose Lage zu versetzen. Man muß diesen Leuten helfen, denn sie haben schon deshalb ein Recht auf Hilfe, weil sie so furchtbar unglücklich