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Die Wahrheit · 1929-03-22 · Heft 12 (22.3.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 12 (22.3.1929)
Date
1929-03-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT iffliawonMiflnmmiEmmiifflnfflfln OllllliinntnuittWiauuüimuiiHnnnBuifuiinnmmiHHiiuiuaailHm^iitM Seite 3 schlössen e n Brieftasche gefallen waren, lagen auch auf dieser Sandbank. Zwei 20-Schilling- Noten lagen unter einem Stein, mindestens zwei Meter vom Bache entfernt, ein 10-Schilling-Schein lag unter einem anderen Stein und eine Fahrkarte gar unter einem dritten Stein. Die Brieftasche befand sich aber nach der Aussage des jungen Halsmann in der rückwärtigen Hosentasche seines Vaters. Wie ist nun das Geld und die Fahrkarte normalerweise unter die Steine geraten, dieses Geld, das erst nach 19 Tagen von einem Gendarmen und dem Gastwirt Eder gefunden wurde, obwohl am Unglückstage mindestens zehn Leute sich an der Unfallstelle befanden? Man sieht, es ist sehr vieles unklar in diesem Prozesse, der eben nur auf Indizien aufgebaut war. Alte Parimspiele. Von Dr. Felix Kanter, Zwittau (Mähren). Der 22. März, der Todestag des Altmeisters Goethe, ruft mir in Erinnerung den Streit, der vor einigen Jahren über eine Goethesche Dichtung unter den deutschen Literaturhistorikern entbrannte und der wahrscheinlich bis heute noch keine endgültige Erledigung fand. Es handelte sich damals um die Echtheit oder Unechtheit des von Professor Piper in Altona aufgefundenen Manuskriptes von Goethes frühesten Jugend, „Joseph" genannt. Zu diesem Streite der Germanisten nahm damals der bekannte in Wien lebende Schriftsteller S. Meiseis in der ..Bohemia" Stellung, indem er auf die bekannten jüdisch-deutschen Purimspiele hinwies, unter denen das „Joseph-Spiel" das bekannteste war. Daß gerade das älteste der Joseph-Spiele in Frankfurt am Main, der Geburtsstadt von Goethe, gedruckt wurde, galt Sterndeuter. Auch sprach dieser hervorragende Gelehrte noch davon, daß ein gewisser Mordechai, Anführer dieses unheimlichen Volkes, heimlich in aller Stille alljährlich etwa 50 Millionen junge Männer seines Stammes zu Diplomaten gegen unsere Länder für das feindliche Ausland heranbilde!" Da war natürlich König Achaschwerosch platt, denn er kannte diesen Mordechai — aber nur als einen guten, selbstlosen, älteren Herrn, der im Hofe des königlichen Palastes einen schlichten Zigarettcn- Verkaufsstand inne hatte. „Also unter meinen A.ugen? Unerhört! Hier muß etwas getan werden! Was ist Ihre Meinung, liebe Exzellenz?" „Wenn Majestät gnädigst gestatten wollten, hänge ich nächstens — sagen wir am 14. Adar — alle Juden samt ihrem Führer Mordechai auf." Darauf meinten Seine Majestät mit gewährendem Lächeln: „Hängen Sie, lieber Haman, ich habe nichts dagegen!" Und etliche Woche später hing — Herr Hamann v. Hamdatha und Agag am höchsten Galgen der Vereinigten Staaten von Persien und Medien, weil . . . (siehe Esther 7. 8). (Nach historischen Motiven zusammengestellt von L. Häufler.) Meiseis als Beweis dafür, daü der junge Goethe von diesem die Anregung zu seiner Joseph-Dichtung empfangen habe. Wie man aus Goethes „Dichtung und Wahrheit" weiß, hat Goethe in seiner Jugend nicht nur Hebräisch, sondern aucii Jüdisch-deutsch gelernt; sein erster Roman in Briefen, den er in verschiedenen Sprachen geschrieben hatte, war auch in jüdisch-deutscher Mundart abgefaßt. Die Vermutung ist deshalb nicht von der Hand zu weisen, daß Goethe ein solches die Verkaufung Josephs behandelndes Stück gelesen oder gar der Aufführung eines solchen „Joseph-Spieles" beigewohnt habe und dadurch zu seiner Joseph-Dichtung angeregt wurde. Diese Spiele erschienen nämlich anfangs des 18. Jahrhunderts und wurde dazumal in mehreren Großstädten Deutschlands, namentlich in Frankfurt a. M. und Hamburg, mit außerordentlichem Aufwand von Dekorationen und sonstigen szenischen — für unsere heutigen Begriffe — höchst primitiven Effekten am Purimf es te aufgeführt. Nebenbei bemerkt bildet noch heute „Die Verkaufung Josephs" (hebräisch: Mechisas Josef) das beliebteste Spiel der herumziehenden „Purimspieler". Naive Gemüter werden vielleicht hier die Frage aufwerfen: In welchem Verhältnis steht Joseph zu Purim und was hat der greise Jakob mit Achaschwerosch, dem König von Medien und Persien, oder gar mit seinem bösen Minister Haman gemein? Die Autwort darauf lautet: Der alte Vater Jakob und der keusche Joseph, die Brüder Simon und Lewi und der kleine Benjamin standen und stehen den Herzen der Ghettobewohner viel näher, als Achaschwerosch auf dem Throne und der baumelnde Haman * am Galgen, ja selbst der alte Mordechai und seine anmutige Nichte, die schöne Königin Esther. Das Joseph-Spiel, das am Purimfeste in den Häusern der „Reichen" zur Aufführung gelangte und, wie erwähnt, in den jüdischen Gemeinden und Familien des Ostens noch heute vielfach gespielt wird, war und ist sozusagen ein Rührstück und daher ein Kassa- und Zugstück ersten Ranges, das die Ghettomenschen sehr gerne sahen und hörten. Denn .... die Kunst geht bekanntlich nach Brot, und der Purimspieler braucht vor allem Mazzos zu Pessach. Das Joseph-Spiel sagte dem Ghettomenschen vielleicht auch deshalb mehr zu, weil es im Grunde ein sehr ernstes und vor allem ein belehrendes Stück war, während das Achaschwerosch-Spiel mit seinen Witzen doch eigentlich nichts bot, was Herz und Gemüt bewegen könnte. Es darf auch ferner nicht vergessen werden, daß der bittere Ernst eines mehrtausendjährigen Schicksals den gehetzten und gejagten Juden fast um die Fähigkeit brachte, zu lachen, zu scherzen und froh zu sein wie alle anderen Menschen. Gewiß, Purim wurde immer und überall, unter dem schwersten Drucke und unter noch so großen Qualen in ungekünstelter Freude gefeiert. Ja, gerade in den schwersten Zeiten feierten unsere Väter Purim mit ganzer Seele. Aber eine gewisse Schwermut konnte sie auch an diesem Feste der „ausgelassenen Freude" nicht loswerden und es entsprach ganz ihrer Seelenstimmung, sich mehr an dem Verkauf Josephs zu erbauen als an dem Sturz Hamans sich zu ergötzen. In dem genannten Artikel in der „Bohemia" wies Meiseis auch auf die gewiß nicht uninteressante Tatsache hin, daß das „Achaschwerosch-Spiel" einst

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