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Die Wahrheit · 1929-03-15 · Heft 11 (15.3.1929) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 11 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 11 dessen unerschrockenen Tatkraft es gelungen, der österreichischen Arbeit in Rußland Anerkennung zu verschaffen, für seine Bereitwilligkeit, das Ergebnis seiner Studien in diesem Lande mitzuteilen. Herr Bernhard Altmann erstattete nun sein Referat in ganz meisterhafter Weise, er verstand es, das trockene Gebiet einer Schilderung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in diesem interessanten Lande durch humorvolle Einstreuungen dem Publikum so fesselnd vor Augen zu führen, daß dieses zu wiederholtem lautem Beifalle hingerissen wurde. Ausgehend von dem Zusammenbruche des Zarismus und der Kerenski-Revolution schilderte er den politischen und wirtschaftlichen Werdegang des Bolschewismus, der von seinem ursprünglichen Programme der Abschließung vom ausländischen Kapital heute vollständig abgekommen sei und auf alle mögliche Weise sich bemühe, fremdes Kapital ins Land zu ziehen. Eine dieser Möglichkeiten besteht in der Konzessionserteilung, von welcher auch die Firma Altmann durch Errichtung einer großen Kammgarnspinnerei und Strickwarenfabrik 18 km südlich von Moskau Gebrauch gemacht hat. Herr Altmann führte nun in anschaulicher Weise die Schwierigkeiten aus, mit denen seine Firma nicht so sehr seitens der Behörden, als vielmehr seitens der unteren Stände zu kämpfen hatte, bis es ihr gelang, sich durchzusetzen. Er erörterte die Möglichkeiten, unter denen die österreichische Kaufmannschaft in Rußland Fuß fassen könne, dessen Entwicklung wohl heute nicht abzusehen ist, dessen bolschewistisches System aber immerhin von einer unglaublichen Vitalität ist. Der Referent ging schließlich auf die leider sehr traurige Lage der russischen Juden ein, die aus ihrer ehemaligen Stellung als Handel- und Gewerbetreibende restlos hinausgeworfen wurden und die nun verzweifelt kaum ihren Lebensunterhalt decken können. Es ist Tatsache, daß die meisten jüdischen Führer jetzt aus ihren Positionen verdrängt werden, wie zum Beispiel Trotzky, Sinowjew, Kamenew usw. Hierfür sind weniger antisemitische Gründe maßgebend, als teils rein politische, teils nationalistische, denn die Russen fühlen heute russischer denn je. Die Brutalitäten gegenüber der Religion beschränken sich nicht auf die jüdische allein, es leiden vielmehr sämtliche Religionen darunter. Der Hauptgrund des Elends des russischen Judentums ist, wie gesagt, das vollkommene Aussterben des russischen Bürgertums, dem die russische Judenheit zum Großteil angehörte. Präsident Dr. J. 0 r n s t e i n dankte dem Referenten für seinen tiefgründigen Einblick in das moderne Leben Rußlands, in welchem Lande Herr Bernhard Ältmann als Pionier für österreichische Arbeit ersprießlich wirkt, und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die Zuhörer bald wieder Gelegenheit haben würden, ihn am Vortragstische zu begrüßen. So viel Freude uns diese Ausführungen bereitet haben so sind doch die Mitteilungen über die traurige Lage der russischen Juden äußerst beklagenswert. Dr. Julius Grünwald ergänzte aus eigenen Erfahrungen als Kriegsgefangener in Rußland die Mitteilungen des Vortragenden und zog Vergleiche in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zwischen der Sowjet- und der ehemaligen zaristischen Regierung. Wakrkeihnvctnlaq^ Der Fall Halsmann. Am 12. d. M. kam vor dem Obersten Gerichtshof unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Doktor Junker die Nichtigkeitsbeschwerde Philipp Halsmanns zur Verhandlung. Nach einem sehr eingehenden Referate des Herrn Hofrat Dr. Haberdey, das anschaulich sämtliche Details der Innsbrucker Verhandlung vor Augen führte, ergriff der Verteidiger des Angeklagten, der bekannte Rechtsanwalt Dr. Richard Preßburger das Wort, um in einer mehr als zweistündigen Rede alle Momente vorzuführen, die die Nichtigkeitsbeschwerde begründen. Er stützte sich hierbei insbesondere auf die mangelnde Erkennung der Seele des Angeklagten, dem eine solche Tat, der auch jegliches Motiv fehlt, angesichts seiner guten Charaktereigenschaften und des schönen Verhältnisses zwischen Vater und Sohn absolut nicht zuzutrauen ist. Zu dem Indizienbeweis, der von dem Innsbrucker Staatsanwalt geführt wurde, übergehend, erörterte Dr. Preßburger in ausführlicher Weise alle Umstände auf der verhängnisvollen Urlaubsreise, die schließlich mit dem Tode Halsmann sen. endete, der nun seinem Sohne zur Last gelegt wird, für welche Tat aber, wie Dr. Preßburger nachwies, kein schlüssiger Beweis spreche. Ebenso könne man annehmen, daß eine dritte Person ihre Hand im Spiel gehabt habe. Die Ablehnung der Anträge der Verteidigung bezüglich Lokalaugenschein, Einholung eines Fakultätsgutachtens und Einvernahme von Zeugen sowie Verlesung von Briefen, die Schlüsse auf den guten Charakter des Angeklagten und seine Vaterliebe zulassen, begründen hinreichend die eingebrachte Nichtigkeitsbeschwerde. Dr. Preßburger hatte mit seinen überzeugenden Ausführungen den großen Erfolg zu verzeichnen, daß auch der Generalprokurator Dr. Pietsch sich der Nichtigkeitsbeschwerde anschloß, da auch er die Mängel bei der Ablehnung jener Anträge der Verteidigung erkannte, die den Prozeß in für den Angeklagten günstigem Sinne beeinflußt hätten. Der Nichtigkeitsbeschwerde wurde am 13. d. M. von dem erkennenden Senate stattgegeben, der Wahrspruch der Geschworenen und das Urteil aufgehoben, dagegen für die neuerliche Verhandlung wieder Innsbruck bestimmt. Wir behalten uns vor, in unserer nächsten Nummer auf den Prozeß selbst wieder zurückzukommen. WetbdMcMadmfü^WMeäl Bollinger-Eiskasten sind seit 1810 «i« besten Fabrik: Wien XV., Staglgasse Nr. 10, Telephon R 30-5-38 Filiate: VII., Burggasse Nr. 17, Telephon B 32-3-80 Wienei-Messe: Rotunde, Stand 6659/61, Ul. Ring. .

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