Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Die Vereinigung hat nicht von vornherein eine Beteiligung am Palästinawerke abgelehnt Da die Zionisten die Mitarbeit der Nichtzionisten wünschen, hat ^ie die Möglichkeiten einer solchen Mitarbeit eingehend geprüft und gefordert, daß als Voraussetzung für die erbetene Mitarbeit zunächst das jetzige Hindernis der einseitig zionistischen Orientierung des Palästinawerkes beseitigt werde, daß eine gemeinsame Grundlage für Zionisten und Nichtzionisten geschaffen werde, die beiden Richtungen die Mitarbeit gestatte, ohne dabei ihre Auffassung vom Judentum zum Opfer bringen zu müssen. Hierzu wäre neben der Einräumung eines entsprechenden Einflusses der Nichtzionisten auf die Palästinaarbeit, neben der Entpolitisierung der gemeinsamen Palästinaarbeit, neben ihrer Eingliederung in das Gesamtkolonisationswerk der Judenheit, insbesondere erforderlich die Respektierung der nichtnationalen, siedlungsmäßigen Einstellung zum Palästinawerk auch nach außen. Eine einseitige Palästinawerbung auf der Grundlage nationaler Anschauungen müßte fortan unterbleiben. Solche „nationalen Anschauungen", überhaupt die gesamte Ideologie des Zionismus ist aber im Text des Völkerbundmandates verankert. Wenn die Zionisten die Mitarbeit der Nichtzionisten wünschen, so ergibt sich für sie die unabweisliche Pflicht, dieses Hindernis aus dem Wege zu räumen. In der Präambel des Palästinamandats, Absatz 2 und 3. heißt es z. B.: „In Anbetracht dessen, daß die verbündeten Mächte ferner übereingekommen sind, daß der Mandatar dafür verantwortlich sein soll, die ursprünglich am 2. November 1917 von der Königlich Britischen Regierung erlassene und von den genannten Mächten angenommene Deklaration zugunsten der Errichtung eines nationalen Heimes für das jüdische Volk in Palästina durchzuführen, wobei klar verstanden ist, daß nichts geschehen soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem anderen Lande beeinträchtigen würde; und daß hierdurch die historische Verknüpfung des jüdischen Volkes mit Palästina und die Grundlagen für die Wiedererrichtung seines nationalen Heimes in diesem Lande anerkannt sind . . ." Es ist selbstverständlich, daß eine Eliminierung derartiger Gedankengänge Voraussetzung einer ehrlichen gemeinsamen Arbeit für Palästina sein mußte. Wenn deutsche Nichtzionisten an der Palästinaarbeit teilnehmen sollten, so konnten sie es nur aus religiösen, sozialen, humanitären, philanthropischen Interessen tun, nicht aber zur Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte für das jüdische Volk. Diese Zweckbestimmung konnte unmöglich die Grundlage einer Zusammenarbeit mit den deutschen Nichtzionisten bilden . . . Der Vorstand der Vereinigung für das liberale Judentum hat aus dieser Tatsache durch seinen ablehnenden Beschluß die Folgerung gezogen. Er betont in seiner Resolution, daß „die Vereinigung für das liberale Judentum im Judentum eine religiöse Gemeinschaft sieht, deren Bekenner zu den verschiedensten Völkern gehören", daß „dem Land Palästina in der Zukunftsgestaltung des Judentums nach liberaler Auffassung keine Sonderstellung eingeräumt werden kann." In der Resotion wird ausdrücklich betont, daß die Palästina-Siedlung einen Teil der zur Hebung der Judennot erforderlichen Maßnahmen bilden kann, wenn sie sich dem kolonisatorischen Gesamtplan einordnet. Wenn jetzt eine gemeinsame Arbeit nicht möglich ist, so muß es Sache der Zionistischen Organisation sein, die zur Zeit bestehenden Hindernisse zu beseitigen; denn sie ist es ja, die diese Hindernisse geschaffen hat. Und unmöglich ist es, zu fordern, daß die Nichtzionisten die von den Zionisten für eine gemeinsame Arbeit geschaffenen Hindernisse als unabänderlich hinnehmen sollen, daß sie den Geist des Zionismus realisieren helfen sollen. Die Resolution betont schließlich, was leider von den Juden gerade bei der Palästina-Siedlung so oft vergessen wird, daß die Besiedlung eines Landes in der Gegenwart nicht lediglich mit historischen Gründen gerechtfertigt werden kann, daß sie nur im Einvernehmen mit der Landesbevölkerung durchgeführt werden darf. Dieser Satz, der für die Gestaltung des Lebens der Gegenwart das Recht der Zeit über den Anspruch der Vergangenheit stellt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Daß er ausgesprochen werden mußte, sogar im jüdischen Kreise, ist bedauerlich. Daß er endlich einmal ausgesprochen wurde, ohne Rücksichtnahme auf ein angebliches Partikular-Interesse von einer jüdisch-religiösen Organisation, verdient unter diesen Umständen als erfreulich besonders hervorgehoben zu werden. DIE WAHRHEIT Eine ganz andere Stellung nimmt nach einem I. T. A.¬ Bericht die Agu das Jisroel ein. Als Auftakt zu ihrem zweiten Weltkongreß (Kenessioh Gedauloh) veranstaltete sie am 4. d. M. in Berlin eine Kundgebung, an der die Führer der deutschen Orthodoxie teilnahmen. Herr Jacob Rosenheim behandelte die Politik der Agudas Jisroel. Die Stellung des Agudah-Präsidiums zur Jewish Agency formulierte er folgendermaßen: Die Agudah ist bereit, in der Agency mitzuarbeiten, falls 1. die Agency nur der wirtschaftlichen Kolonisationsarbeit und der Vertretung der gesamtjüdischen politischen Interessen gegenüber Mandatsmacht, Völkerbund und der nichtjüdischen Bevölkerung des Landes dient, 2. die Orthodoxie in Palästina völlige kulturelle, insbesondere Schulautonomie erhält, und zwar öffentlich-rechtlich garantiert, etwa nach Maßgabe des preußischen Austrittsgesetzes von 1876. * * * Zum Abschluß dieser informierenden Umschau noch eine zionistische Stimme. Im offiziellen Organ der Weltorganisation zionistischer Frauen „Pioniere und Helfer" erschien ein Artikel der Vizepräsidentin Edith E d e r (London) über die Folgen, welche die Erweiterung der Jewish Agency durch Nichtzionisten notwendigerweise mit sich bringt. Es heißt da: „Es ist nur natürlich, daß Zionisten, erfüllt von den Erinnerungen an die ersten Kongresse der Sturm- und Drangperiode und an eine Zeit, in der die harten und verzweifelten Anforderungen des Tages noch nicht dem Leben ihre grausame Logik aufgeprägt hatten, tief bekümmert darüber sind, daß der schöne Jugendtraum von dem zionistischen Kongreß, der das Parlament der jüdischen Welt darstellt, wie ein Phantom in leichter Luft zerronnen ist." Frau Eder, die Leiterin der zionistischen Frauenbewegung und langjährige Mitarbeiterin ihres Gatten, des gewesenen langjährigen Mitgliedes der Zionistischen Exekutive, Dr. Eder, hat ihre Anschauungen gewiß nicht aus der Phantasie hergeholt, sondern wahrscheinlich in den für den Zionismus heute maßgebendsten Kreisen, in den Kreisen der obersten Leitung erworben. Sie spricht aus, was die zionistische Opposition immer betont hat: „Die Erweiterung der Jewish Agency durch nichtnationale Juden bedeutet die Auflösung des Zionistenkongresses. raubt ihm jeden Sinn, macht ihn zum zerflatternden Phantom". Es ist für die Schwäche der zionistischen Politik von heute bezeichnend, daß in diesem offiziellen Organ die Liquidation des Zionistenkongresses als Tatsache widerspruchslos hingestellt wird, während gleichzeitig in den anderen Organen Kundgebungen der Leitung veröffentlicht werden, in welchen zum Zionistenkongreß, als „dem bedeutsamsten, ausschlaggebenden Willensausdruck des jüdischen Volkes" aufgerufen wird. Wo ist die Wahrheit? Der 6. Sprechabend der „Union**, der Samstag, den 9. d. M. im Arkaden-Cafe stattfand, wies einen besonders starken Besuch auf. Sowohl das Thema „S o w j e t r u ß 1 a n d" als auch die Person des Vortragenden, der neugewählte Kultusvorsteher der „Union", Herr Fabrikant Bernhard A11 m a n n. hatten so lebhaft interessiert, daß der große Saal zur Gänze gefüllt war. Unter den Anwesenden bemerkte man vom Kultusvorstand die Herren Emi) Enge 1, Börserat Ignatz GI ü c,k, Kommerzialrat Moriz Reif und Dr. Josef T i c h o. Herr Präsident Dr. J. Ornstein begrüßte als Vorsitzender die zahlreich Erschienen und dankte Herrn Altmann,