Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 dampfer aus Europa bringt neue Scharen von Juden aus Polen, Rußland, Bessarabien und Deutschland. Viele fahren zu Verwandten, die schon festen Fuß gefaßt haben, die meisten aber gehen aufs Geratewohl hinüber, hungern sich durch, hausieren und handeln auf der Straße, bis sie eine Arbeit gefunden haben, oder betteln sich das Geld zusammen, um wieder in die Heimat zu kommen. Ueber die Grenze nach den Vereinigten Staaten zu gelangen, ist ausgeschlossen; dabei reisen viele gerade deswegen nach Mexiko. Für Polen, Russen und Rumänen ist eine Einwanderung von vornherein verboten, Deutsche müssen die Quotennummer aus Deutschland bekommen, versäumen also höchstens Zeit durch den Umweg über Mexiko. Wer „blind" nach den Vereinigten Staaten einwandert, kann sich darauf gefaßt machen, für lange Zeit eingesperrt zu werden. Dann befördert man ihn per Schub wieder in die Heimat zurück . . . wenn er gefaßt wird. Und wer „blind" in die Staaten einwandert, wird immer gefaßt. Er fällt auf, durch Kleidung, Sprache und Gewohnheiten . . . außerdem sind hohe Belohnungen für den Fang „blinder" Einwanderer ausgesetzt, so daß Behörden und Einwohner der Grenzgebiete sich die größte Mühe geben, einen „blind tramp" zu fangen. Man kann nicht genug vor einer Auswanderung nach Mexiko und Latein-Amerika warnen. Diese Länder sind Menschenmühlen, hart und grausam, die andere Konstitutionen, andere Charaktere und andere . . . Geldbeutel verlangen, als europäische Juden sie zumeist besitzen! DieJeschiwah von Hunsdorf. Von Ludwig Hirschield. Herr Oberrabbiner Jona H. H o r o w i t z, der seit dem Jahre 1917 als Nachfolger seines Großvaters die weltberühmte Jeschiwah von Hunsdorf leitet, hatte die große Freundlichkeit, anläßlich seiner jüngsten Anwesenheit in Wien mich zu empfangen und mir einige Mitteilungen über diese weltbekannte Talmud-Hochschule in der Tatra und ihre jetzt notwendig gewordene Erweiterung zu machen. Herr Oberrabbiner Horowitz, der trotz seiner Jugend (er ist kaum Mitte der Dreißig) einer der größten Gelehrten unserer Zeit ist, verfügt abgesehen von seinen Talmudkenntnissen über ein staunenswertes Universalwissen, beherrscht nicht weniger als sechs Sprachen in Wort und Schrift. Er ist ein Mann von bezaubernder Güte und Liebenswürdigkeit, voll fanatischer Liebe zu seinen Schülern und von mitreißender Begeisterung für seine hohe Aufgabe. Ueber die Art, wie er dieser gerecht zu werden sucht, erzählte mir Herr Oberrabbiner H orowitz folgendes: Im Mittelalter haben es die wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse mit sich gebracht, daß die Jeschiwahs sozusagen ein Bestandteil der betreffenden Gemeinden geworden sind. Solange das Ghetto bestand, bildete die Jeschiwah gleichzeitig den religiösen geistigen Mittelpunkt der Gemeinde. Als die Ghettomauern gefallen waren, änderte sich natürlich dieser Zustand. Die Großstädte mit ihren zahlreichen Lockungen übten ihren ungünstigen Einfluß auf die jüdische Jugend aus. Dies hatte vor 50 Jahren schon mein Großvater, der weltberühmte Gelehrte und Forscher Rabbi Samuel Rosenberg s. A., vorausgesehen und sich in eine kleine Gemeinde zurückgezogen, obwohl er von den größten Gemeinden des Kontinents Berufungen erhalten hat. Die Aufgabe einer Jeschiwah besteht ausschließlich in der Pflege des Talmudstudiums und der religiös-moralischen Erziehung der Zöglinge im Geiste der großen Talmudlehrer und seiner hehren Gestalten. Es ist dies eine entsagungs- und mühevolle Arbeit sowohl von Seiten des Lehrers wie auch seitens der Schüler. Fern von Familie und ihrem Leben, vom Lärm der Stadt, soll hier die Jugend aus dem profaneii Erwerbs- und Gesellschaftsleben herausgehoben werden, in den Jahren, in denen sie für hohe Ideale am empfänglichsten ist. Nicht Flottmachung zum Kampf ums Dasein, Erziehung zum reinsten Wollen, zu aufrichtiger Wahrheitsliebe, klarer Urteilskraft und höchstem sittlichem Empfinden wird hier gewollt. So wurde am Fuße des Tatragebirges im idyllischen Hunsdorf im Jahre 1882 im Sinne des Gründers eine Jeschiwah errichtet, die sich eines Weltrufes erfreut. Ueber 10.000 Zöglinge aus aller Herren Länder — auch eine Anzahl Wiener darunter — besuchten diese Jeschiwah, aus denen eine große Zahl hervorragender Gelehrter hervorgingen, die jetzt in Europa und Amerika wirken, so die Herren Oberrabbiner Kornitzer in Krakau, U n g a r in Trnava, Buxbaum in Galanta, Spitzer "m Kirchtrau, Dr. A11 m a n n in Trier usw. Der Weltruf dieser Jeschiwah fügt sich harmonisch in den Ruf der Tschechoslowakischen Republik als Kulturstaat ersten Ranges ein. Es ist selbstverständlich, daß die Aufgabe der Anstalt nicht allein in der Ausbildung von Gelehrten besteht, vielmehr ist es von großem Vorteil, dali alle diese Jünger, wenn sie ins praktische Leben eintreten, an ihren Idealen festhalten und an dem Ort ihrer Wirksamkeit eine religiöse Betätigung entfalten. Die Wirkung ist fast in allen jüdischen Gemeinden Mitteleuropas und des Westens fühlbar. Der Talmud weckt den Sinn für die ewigen Aufgaben der Menschheit, schafft Eingliederung des Einzelbewußtseins in das Gesamtbewußtsein. Die Talmudschulen dienen dem edlen Ziel, solches zu vermitteln, nicht nur den Lehrstoff weiterzugeben, sondern das ganze Leben des Menschen so zu beein Hussen, daß er in jeder Situation seines Lebens seine eigenen Bedürfnisse zugunsten der Allgemeinheit zurücksetzen wird. Das Bestreben der jüdischen Jugend, wenn auch nur vorübergehend in Jeschiwahs zu studieren, hat zur Zeit eine ansteigende Tendenz. In der Tschechoslowakei hat das Talmudstudium und der Besuch der Jeschiwahs einen ungeahnten Aufschwung genommen; ganz besonders gilt dies für die seit jeher berühmte Anstalt in Hunsdorf. Obwohl die politische Lage der Juden in der Tschechoslowakei eine überaus günstige ist, konnte infolge der tristen wirtschaftlichen Verhältnisse die Jeschiwahleitung von Hunsdorf nicht die Mittel aufbringen, um die schon seit langem aus hygienischen Gründen notwendig gewordene Vergrößerung der Anstalt durchzuführen. Die natürliche Folge war, daß die Behörde trotz wiederholten Entgegenkommens sich veranlaßt sah, mit Beschluß vom 14. November 1928 die v orübergehende Schließung der Anstalt anzuordnen, welche schließlich bis zum 1. August 1929 hinausgeschoben wurde, bis zu welchem Zeitpunkte der Neuaufbau der Anstalt erfolgen muß.