Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Zeitlang als Privatlehrer in Schaff hausen und in Bern, erwarb das schweizerische Bürgerrecht und nahm eine Stelle beim Patentamt in Zürich an. Seine 1905 begründete Lichtquantentheorie ward die Grundlage für die Photochemie. Nach kurzer Dozententätigkeit in Zürich und Prag wurde er 1914 an die Berliner Universität berufen. Hier vollendete er nach achtjährigen Vorarbeiten seine „Relativitätstheorie". Seine Folgerungen erschüttern die Allgemeingültigkeit der sogenannten Euklidischen Geometrie und stellen Einstein auf die gleiche Stufe mit Galilei und Kopernikus. Gegenwärtig wird eine neue Feldtheorie von Einstein gedruckt, welche die Beziehung zwischen Schwerkraft und Elektrodynamik behandelt. Trotz der gewaltigen Probleme, denen er nachsinnt, ist Einstein kein weitabgewandter Stubengelehrter. Wie er seine musikalische Kunst — er ist Meister der Violine — gern in den Dienst der jüdischen Wohltätigkeit stellt, so schlägt sein Herz warm für jeden Leidenden und Unterdrückten. Er setzt sich lebhaft für den Wiederaufbau Palästinas ein; er gehört dem Kuratorium der hebräischen Universität Jerusalem an, deren Physikalisches Institut seinen Namen tragen wird. Ohne etwa auf traditionellem Standpunkt zu stehen — er genoß als Kind neben dem häuslichen jüdischen Religionsunterricht auch katholischen in der Schule! — bekennt er sich mit Stolz zum Glauben Israels. Sein Ideal ist das der jüdischen Propheten: Vereinigung der gesamten Menschheit in einem auf Liebe und Frieden gegründeten Bruderbunde; seine Lebensregel: Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft. Seinen Vortrag durchwehen Temperament und Liebenswürdigkeit, und so verschmelzen in seinem Wesen der Gelehrte, der Lehrer und der Mensch zu einer harmonischen Einheit. Ich tat einen Schluck, aber ich konnte es nicht verhindern, daß mir das Bier wieder von der Seite herunterlief, denn meine Kehle war wie zugeschnürt. Mendel fuhr fort: „Panie Bombe, ich weiß wer Ihr seid---" .Ja", sagte ich. „Und ich weiß auch, wer Eure Eltern sind/" „Ja", sagte ich und schon begannen meine: Zähne zu klappern. „Und ich weiß auch, daß Ihr von zu Hause — hm — weggefahren seid — vor mehreren Monaten." „Ja", sagte ich und begann zu schwitzen. „Und ich weiß auch", fuhr Mendel fort und unterbrach sich plötzlich: „Panje Bombe, trinkt einen Schluck." Ich tat einen Schluck, der mich vor der nahen Ohnmacht bewahrte. Mendel zog sein Taschentuch hervor und trocknete mir die Stirne. während Gitel mich mitleidig ansah. „Und 4ch weiß auch", fuhr Mendel fort, „daß Ihr in dem Alter seid, in dem Leute gewöhnlich zu heiraten pflegen." .,Ia", hauchte ich und verdrehte die Augen wie ein Götze. Gar wohltätig ist manchmal eine Ohnmacht. Sie kommt meistens im rechten Augenblick. Wie aus weiter Ferne hörte ich die Stimme meiner Gastgeber. Gitel jammerte: „Mein armes Kind — meine arme Tochter! Noch nicht verheiratet — und schon Witwe!" „Still", sagte darauf Mendel, „halte mir keine Jammerreden. Gitelschi — ich kann das nicht hören." In diesem Augenblick hörte ich ein Geräusch als wenn ei,ne Taschenuhr aufgezogen wird. Darauf sagte Mendel langsam: ..In einer halben Stunde, wetin er nicht zu sich kommt, ruf ich den Doktor." (Fortsetzung folgt.) Jüdische Einwanderung in Mexiko. Von Joachim Rügheiraer, Berlin. Man kann sagen, daß 60 Prozent aller derjenigen, die nach Mexiko auswandern, weil sie nicht in die Vereinigten Staaten hinein können, Juden sind. Das liegt daran, daß Mexiko keinerlei Schwierigkeiten bei der Einwanderung macht, sondern bis vor kurzem sogar noch eine rege Propaganda für jüdische Einwanderung in Polen und Rußland betrieb. Der Erfolg war eine Ueberschwemmung Mexikos mit polnischen, russischen und bessarabtschen Juden, die — und das war von der Regierung nicht beabsichtigt — meistens ohne große Mittel ankamen. Der zweite Grund ist, daß es einen eigentlichen Antisemitismus in Mexiko nicht gibt. Die Mexikaner fragen nie nach der Religion des Ausländers. Erfahren sie, daß man Jude ist. löst das bei der naiven Landbevölkerung meistens ungläubiges Kopfschütteln aus. Dank dem Einfluß der jetzt vertriebenen Priester stellt sich der „Indio" (der mexikanische Eingeborene auf dem Lande) den Juden als Teufel vor, mit Hörnern, Schweif und Klauen, und kann es nicht glauben und begreifen, daß der, von dem man ihm sagte, daß er Jude sei, nicht anders aussieht als er und seine Freunde. Den Städtern ist die Religion höchst gleichgültig. Wenn es einen Antisemitismus gibt, existiert er einzig und allein in der deutschen Kolonie, dort allerdings in einem Grade und Ausmaß, wie wir ihn in Deutschland nicht kennen. — Deutsche Juden, die nach Mexiko kommen, spüren beim Stellungsuchen, auf Reisen, kurz bei allen möglichen Gelegenheiten den Antisemitismus der Deutschen in Mexiko. Mir passierte es in einer kleinen Stadt im Staate Sonora, als ich den deutschen Geschäftsführer einer Bank um eine Auskunft bat. daß er mir folgende Antwort gab: „Gehen Sie doch zu Ihren Landsleuten ... Sie sind doch Jude!!!" Ein Mexikaner, den ich später fragte, und der wußte, daß ich Jude bin, gab mir nicht nur bereitwilligst Auskunft, sondern lud mich sogar noch zum Essen ein. Dieser Antisemitismus kommt daher, daß es viele der eingewanderten Juden aus Polen, Rußland und aus Bessarabien zu größerem Wohlstand gebracht haben. In der Provinz ist fast der ganze Kurzwarenhandel in ostjüdischen Händen. Die Hausierer, die zu Tausenden in der Provinz mit Seife, Heiligenbildern und Stahlwaren herumlaufen und den festen Läden durch ihre billigen Preise Konkurrenz machen, sind polnische und russische Juden. Eine andere Ursache des Antisemitismus der Deutschen, wohl die schwerer wiegende, ist die, daß sich viele der eingewanderten polnischen und russischen Juden als Deutsche ausgeben. Psychologisch ist das verständlich. Die meisten Juden sprechen Deutsch, wenn auch nur im Jargon, stammen zum großen Teil aus den Nachfolgestaaten des ehemaligen Habsburger Kaiserreiches; diesen letzteren kann man es überhaupt nicht verdenken, daß sie sich nicht als Bürger eines Landes ausgeben, das für sie ein aufgezwungenes Stief-Vaterland ist und das in Mexiko kaum ein Mensch kennt. Als Russe aufzutreten, ist deshalb nicht ohne Risiko, weil diese Heimatsangabe auch den friedlichsten Einwanderer des Bolschewismus verdächtig erscheinen läßt. Diese Unkorrektheit armer, um eine bescheidene Existenz ringender Auswanderer ist aber doch noch kein Grund für das Maß von Antisemitismus, das " die Deutschen in Mexiko offenbaren. Trotz dieser antisemitischen, trotz der klimatischen und sprachlichen Schwierigkeiten, haben es manche ostjüdische Einwanderer in Mexiko zu Wohlstand gebracht. Trotzdem kann nicht genug vor einer Neueinwanderung nach Mexiko!rewarnt werden. Gelernte Arbeiter, Landarbeiter und Leute, die Geld haben, finden immer ihr Auskommen, aber dazu braucht man nicht nach Mexiko auszuwandern. Ungelernte Arbeiter, vor allem die vielen tausend jungen Leute, die auf gut Glück nach Mexiko fahren, liegen meistens nach drei, vier Wochen auf der Straße, wenn das Geld zu Ende ist, das die Regierung zur Einwanderung vorschreibt. (100 Dollar.) Die jüdische Kolonie hilft, wo sie kann. Die B'ne Bris- Loge, durch nordamerikanische Spenden unterstützt, gewährt armen, arbeitslosen Juden Unterkunft und Essen, bis sie Stellung gefunden haben, und versucht auch, ihnen Stellung und Arbeit zu verschaffen. Die jüdischen Familien, die sehr zusammenhalten, unterstützen Arme und Bedürftige. Es gibt ein großes jüdisches Viertel in Mexiko-City, mit Speisehäusern und Tempeln, Schulen und Klubs, aber jede Hilfe von dort ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein, Jeder Auswanderer-