Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 11 (15.3.1929)
- Date
- 1929-03-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 lieh in allererster Linie nur Direktor Wimmer selbst betrifft. Das Hotel Mirabell wurde jedoch vor kurzem für künstlerische Zwecke des Salzburger Mozarteums angekauft, und zwar um einen Geldbetrag von 100.000 Schilling, die dem Mozarteum von niemand anderem zur Verfügung gestellt worden sind, als von Herrn Camillo Castiglioni, eine Tatsache, die bereits während der Festspielsaison im vergangenen Sommer allgemein bekannt war. Direktor Wimmer ist der Pächter des Hotels Bristol und des Hotels Stein, und bei aller selbstverständlichen Toleranz, die man der privaten politischen Gesinnung und Betätigung eines Mitbürgers entgegenbringt, muß es ausgesprochen werden, daß er von dem Qelde des internationalen Publikums, das er zu den Festspielen sicher gerne sieht, lebt und sein Geschäft betreibt und daß man noch nichts davon gehört hat, daß die Reisenden in einem der beiden Hotels auf ihre konfessionelle oder politische Gesinnung hin untersucht worden wären. Daß in einem Räume, der mit dem Gelde des gelinde gesagt nicht gerade arischen Herrn Castiglioni gekauft wurde, pogromistische Versammlungen abgehalten werden, ist eine Angelegenheit, die jedenfalls des Hinweises bedarf. Albert Einstein. Zu seinem 50. Geburtstage (14. März 1929). Von Professor Dr. Eugen Wölbe, Berlin. Nicht allein der Kritiker und der Fachgelehrte, auch der unvoreingenommene Literaturfreund vermag den Wert einer Dichtung nach Maßgabe der ersollte man sich hüten: aber — der Mann sprach so eindringlich, und außerdem — wußte ich ja nicht mehr, als daß er mich zu sich geladen hattet als Gast Und wie es schien, meinte er es ehrlich. Tja, Jungermann, das Unglück kommt in verschiedenen Gestalten; und mag einer noch so klug sein: er sieht es selten kommenw Es ist da, plötzlich, wie ein Blitz — tja. Mendel führte mich in seine Wohnung. Ich war überrascht, offen gestanden. Er bewohnte fast ein halbes Haus und die Einrichtung zeugte von Wohlstand. Gitel, seine Frau, empfing mich sehr freundlich. Es war eine kräftige Frau mit einer ansehnlichen Fülle.' Sie war äußerlich das Gegenteil ihres Mannes. Ich möchte sagen: sie war viermal Mendel. Aber wie -es schien, vertrug sich das Paar gut. Mendel sagte, als er mich ihr vorführte: „Gätelschi, sieh her, ich habe ©inen lieben Gast mitgebracht. Panje Bombe gibt uns die Ehre, einige Zeit bei uns zu bleiben. Er ist gerade, denk mal an. frei geworden — ein weißes Billett, so wahr ich lebe!" „Sehr schön, sehr schön", antwortete Giteli „Sehr schön — es wird uns alle freuen, so wahr, wie Sie mich lebendig vor sich haben. Sehr schön, Panje Bombe, sehr schön — nun, das freut mich aber/' Mir wunde es ganz wirr im Kopfe. Es hämmerte in mir der Gedanke: „Was wollen sie von mir?" Mein Kopf glühte vor Hitze, ich hatte das Gefühl, als ob mir die Augen herausfallen wollten. Stellt Euch, Jungermann, einmal meine Lage vor. Es war, wie man sagt, nicht hin und nicht faer. In solchen Lagen ist es gut, wenn man — wie sagt die Welt — Gefühl hat. Man muß da gefühlsmäßig das Richtige» tun. Ich tat eben — gar nichts; ich ließ ales stumm mit mir geschehen,, hebenden oder veredelnden Wirkung zu beurteilen, die sie in ihm auslöst. Leichter ermöglicht eine Tonschöpfung Einfühlen und Stellungnahme; ebenso sprechen Werke der Malerei und Bildhauerkunst sogleich zum Herzen des Betrachters und ermöglichen ein Urteil. Wissenschaftliche Erkenntnisse hingegen setzen Kenntnisse voraus; fehlen diese, so fehlt auch der Maßstab zur Beurteilung ihrer Richtigkeit. Wenn demgemäß ein Physiker ein neues Gesetz entdeckt, so kommen zur Stellungnahme hierzu nur seine Fachgenossen in Betracht. Einsteins umwälzende Relativitätstheorie wird kaum jemand verstehen, dem nicht Fachausdrücke wie potential, invariant, kontravariant, Energietensor, Skalar, Relativitätspostulat, hypereuklidisch, Inertialsystem usw. geläufig sind. Wenn heute Einsteins Name auf dem ganzen Erdball mit Achtung genannt wird, wenn ihn mehrere Akademien der Wissenschaften zum Mitgliede wählten und der preußische Staat ihm die Leitung des Kaiser Wilhelm-Instituts für Physik anvertraute, wenn schließlich Hunderte von Studierenden seinen Vorlesungen lauschen, so darf auch der Laie sich dieses Großen im Reiche des Geistes freuen — auch wenn er seinen Problemen nicht zu folgen vermag. Albert Einstein wird fünfzig Jahre alt. Er ist in U1 m geboren, verlebte aber seine Jugend in München, wo er das Luitpoldgymnasium besuchte — ein ungeselliger, träumerischer Knabe. Seinem Freunde A. Moszkowski hat er erzählt, wie ihm als fünfjährigem Kinde sein Vater einen Kompaß zum Spielen gab und welch ein großes Erstaunen die schwingende Magnetnadel in ihm weckte. Dies Instrument hat ihm somit den ersten Weg zur Beschäftigung mit dem Elektromagnetismus gewiesen. In der Mathematik erklärte der Fachlehrer den Fünfzehnjährigen bereits für universitätsreif. Nach der Reifeprüfung studierte Einstein in Zürich Mathematik und Physik, wirkte dann eine Man wies mir ein feines Zimmer an; ein gutes Bett war vorhanden, ein Sofa, ein Tisch, schöne Bilder an den Wänden, kurz: man behandelte mich fein. So vergingen einige Wochen. Ich tat weiter nichts als essen, trinken und schlafen. Die Gastgeber waren sehr freundlich zu mir. Ich wünschte mir für mein Leben lang keine besseren Tage. Gitel war bemüht, mich zu pükgen, sie gab mir Milch und Butter und Käse, und Fleisch war auch genug da. Für mich war das ein reines Paradies. Und was soll ich Euch sagen, Jungermann! Die Leute, waren zu mir wie Vater und Mutter. Man achtete auf ieden meiner Wünsche und bediente mich wie einen Fürsten. Ich sage Euch, wenn der Kaiser an meiner Stelle gewesen wäre, wahrlich, er hätte es nicht besser bie Moide! haben könnein! Inzwischen habe ich erfahren, daß Mendel einen Pelzhandel betreibt und daß er eine einzige Tochter besitzt, die aber seit einiger Zeit bei Verwandten lebt, um, wie mir Gitel sagte, einmal „unter Menschen" zu sein. Eines Tages, es war gerade nach dem Mittagessen, nahm mich Mendel beiseite, winkte seine Frau auch heran, hieß mich setzen, holte eine Flasche Bier her, schenkte drei Gläser ein und sagte: „Panje Bombe!" Weiter nichts. Daraufhin sah er mir blinzelnd in die Augen, während Gitel mit auf dem Leib verschränkten Armen mich gar lieblich anschaute. Mir wurde es ganz warm, ich bekam, wie so ort, einen roten Kopf und — eins, zwei, drei — ich begann zu zittern. Miedne Gastgeber schienen dies nicht zu bemerken. Sie sahen mich in einem fort am. Mit einmal — mir begann das Herz zu hämmern, wie einem Mörder und ich verlor den letzten Rest von Selbstbeherrschung — sagte Mendel ganz langsam: „Panje — Bombe: trinkt ein bißl."