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Die Wahrheit · 1929-03-15 · Heft 11 (15.3.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 11 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT sagen, „unnötigerweise nervös werden, wenn einmal mit offenen Worten Kritik an den unerwünschten Zuwanderern geübt wird", warum sollten wir auch darob „nervös" werden, wo wir doch gerade dieser Tage gesehen haben, daß auch der Staat einen „unerwünschten Zuwanderer", wohl christlicher Herkunft, so lange trefflich für seine Spitzeldienste verwenden konnte. Aber, selbst zugegeben, daß sich bei den Marxistenblättern „Preßstrolche" finden, gibt es die in unserem journalistisch verlotterten Oesterreich auf der anderen, den Heimwehren bedenklich nahestehenden Seite nicht? Lesen Sie nur einmal, Herr Doktor Steidle. die Innsbrucker und sonstigen Hakenkreuzblätter der Ihnen zugetanen österreichischen Provinz, gegen die Sie kein Wort des Vorwurfes finden. Und woher wissen Sie, Herr Dr. Steidle, so genau, daß „unter diesen übelsten Preßstrolchen des Marxismus immer gerade die hauptsächlich aus dem Osten zugewanderten Individuen jüdischer Abkunft zu finden sind?" Das ist eine beliebte, aber nicht bewiesene Behauptung der erwähnten Hakenkreuzblätter, von denen Sie doch nicht Ihre Wissenschaft schöpfen werden wollen. Wenn aber schon Sie, der Führer, solche bewußte Verleumdungen nachbeten, dann kann wirklich der von Ihnen zitierte „Mann auf der Straße" „nicht mit der Kühle des Philosophen unterscheiden", was gut und was schlecht ist. Ihre Aufgabe ist es, wenn Sie es wirklich ehrlich meinen, ihn aufzuklären und nicht durch öde Schlagworte noch mehr zu verhetzen. Gewiß, wir leugnen nicht die starke Anteilnahme der Juden (und nicht nur der aus dem Osten) an der sozialdemokratischen Bewegung. Wir sind wiederholt auch in diesen Blätttern gegen diese politische Anbiederung aufgetreten, die aber ihre bestimmten, hauptsächlich in der Struktur der Judenschaft gelegenen Grunde hat. Ja wir verstehen sogar bis zu einem gewissen Grade die Behauptung Dr. Steidles: „Wer fördert und erzeugt den Antisemitismus?! Ich denke, die Antwort ist klar: Die jüdischen Führer des Marxismus und ihre Mitläufer." Weil auch wir diesen gefährlichen Zustand erkennen, sind wir gegen die hervorragende Beteiligung von Juden bei der sozialdemokratischen Partei. Das hindert aber nicht, daß man in einem Staate, der die Gewissensfreiheit in seinen Grundgesetzen anerkennt, jedermann das Recht freier politischer Betätigung überlassen muß, ob Christ, ob Jude, ob „alteingesessen" oder „aus dem Osten eingewandert". Machen Sie, Herr Dr. Steidle, uns nicht den Vorwurf, daß wir „es nicht über uns gewinnen können, von den „Zugereisten" abzurücken", solange Sie gegen diese Menschen, die Ihren militaristischen Vorgängern gar nicht so „unerwünscht" waren, solch böswillige Anwürfe erheben. Diese unsere „Rücksichtnahme" ist nicht „übel angebracht", sie ist besser angebracht als Ihre „einfache, praktische". Juden haben keinen Zutritt! Plakate einer Hitler-Versammlung, die kürzlich in den Straßen Salzburgs erschienen sind, erregten allgemeines Aufsehen, was man im übrigen von Ankündigungen deutschvölkischer Versammlungen, die ja in dieser Stadt nicht selten stattfinden, nicht behaupten kann. Auch daß diese Ankündigungen den Vermerk enthalten: „Juden haben keinen Zutritt" ist kein Novum. Die Pikanterie der Angelegenheit ist jedoch folgende: Die Versammlung findet im Hotel Mira b e 11 statt, dessen großer Saal für diesen Zweck von Direktor Wimm er, dem Pächter des Hotel Bristol, gemietet wurde, der seiner politischen Gesinnung nach dem extremsten Flügel der Deutschvölkischen angehört, eine Angelegenheit, die sicher- Skuiiieten ■ vn." ■ ' -^"«"«^fcf%* Napoljen Bombe. Die Geschichte eines Unglücklichen, Von Josef Kaplan, Fulda. (Fortsetzung.) „Masel tow" rief da neben mir jemand Ich wandte mich um und sah ein kleines Jüdchen. Es ergriff meinen Arm und zog mich mit sich fort. Abseits von der Menge blieb der Mann stehen, sah mich mit blinzelnden, fröhlichen Augen an und sagte: „Hört. Ihr seid wirklich frei? Zeigt die weiße Karte, die Ihr also haben müßt" Ich wies dem Juden das sogenannte „weiße Billett", und fragte verwundert, was er von mir wolle. „Eine Kleinigkeit" sagte er. „Ihr sollt mein Gast sein, so lange Ihr wollt . . . .*' „Was heißt Euer Gast — wieso — warum?'" ..Versteht mich richtig —wie heißt Ihr?" „Bombe." „Bombe? Schön — und w i e ruft man Euch?" „Na, ich habe noch einen Namen — aber — was schadet es Euch? Ruft mich ruhig Bombe — das genügt mir---" „Gut, Jungermann, also versteht mich richtig. Ich habe mir vor dem Magisrratsgebäude alle „Freigewordenen" anges-ehen. Es waren alles ordinäne. Gesichter; Schlächtergesellen, denen zwei Finger fehlten; oder sonstwie Juden, die die Schwindsucht im Leibe hatten; aber keiner war darunter, der — wie soll ich sagen? — ein bißchen fein ausgesehen hätte. In Euch. Panje Bombe, kann man zwar auch keine strotzende Gesundheit vermuten, aber — ich bin ein Menschenkenner! Sofort habe ich gesehen: der. wenn der vier Wochen gute Kost hat, wird ein Mensch wie alle Menschen. Nun, Ihr seid blaß im Gesicht? Macht nichts — jeden Tag einen Liter Milch — und die Backen werden rot. Ihr seid mager? Was schadet es? Ihr werdet zunehmen, Ihr werdet fett und stark werden — bei unserer. Kost! Ich habe alles auf den ersten Blick gesehen. Wundert Euch nicht. Panje Bombe, es ist bekannt, daß Mendel ein kluger Kopf ist. Ein Wunder — mein Vater war doch Schreöber in der Gemeinde." Nach dieser Rede wurde ich ganz verwirrt. Was wollte der Mann von mir? Ich fragte deshalb: „Und — rat, Reb Mendel, nu, hah?" „Nu," antwortete er mir „und weiter werden, wir seihen." Diesen Menschen, Jungermann, hättet Ihr sehen müssen! Solche Menschen sind für einen Schreiber. wiie Ihr einer seid, bares Geld; so einen Typ findet Ihr nicht jeden Tag. Stellt Euch einmal' vor: ein kleines Männchen, mit krummen Beiimenv die so dürr sind, daß sie jede Minute abzubrechen drohen. Sein Kopf ist so groß wie der eines achtjährigen Kindes und die Augen blinzeln in einem fort und ruhen keinen Augenblick, schielen hierin und dorthin, sehen alles, lassen nichts aus. Der kleine Mann trägt einen halblangen Kaftan, dessen Aerimel viel zu lang sind, den dünnen Hals hat er mit einem dunkelroten Tuch umwickelt und auf dem Kopfe sitzt eine Art Mütze, von der man nicht sagen kann, ob sie einst Zylinderhut gewiesen oder Kosakenmütze. Und wie gesagt: die Augen. Vor solchen Augen

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