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Die Wahrheit · 1929-03-15 · Heft 11 (15.3.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 11 (15.3.1929)
Date
1929-03-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen m*M VertMfmfB/Amaim to «Union denfsdiSstert. JudenP mä 4ea «Arnffidbcn Verlautbarungen der Israelififtdieji Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestrafte Nr. 18 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 15. März 1929 Nummer 11 „ Rücksichtnahme!" Die friedliebende Bevölkerung Oesterreichs hat in letzter Zeit besonderes Glück. Sie bekommt immer mehr Worte der Milde zu hören, die zu vernehmen sie sich schon ganz abgewöhnt hatte. Nach der salbungsvollen Rede Dr. Seipels im „Oesterreichischen Klub" hat nun jüngst ein Mann eine sensationelle Erklärung abgegeben, der in gewissen Kreisen als einflußreicher als unser Bundeskanzler angesehen wird. Wir meinen den bekannten Heimwehrführer Dr. Richard S t e i d 1 e, Bundesrat und Advokat in Innsbruck. Seine „sensationelle Erklärung" — das Wort stammt nicht von uns, sondern vom „Neuen Wiener Journa 1", das das Interview mit ihm auch in sensationeller Aufmachung brachte, — bezog sich auf — die Judenfrage. Also etwas, was uns sehr nahegeht, zumal ja auch richtig ist, daß über die Stellung der Heimwehr zu dieser Frage bisher die widersprechendsten Ansichten verbreitet waren, insbesondere die, daß die Heimwehr antisemitisch ist. „Gegenüber solchen Insinuationen", sagt Doktor S t eid 1 e, „ist mit voller Deutlichkeit als Meinung der Bundesführung festzustellen: Die Heimatwehrbewegung hat nie einen Gesinnungszwang in der einen oder anderen Fichtung ausgeübt und es stets jedem ihrer Anhänger freigestellt, zu diesem Problem nach eigener Ueberzeugung und bestem Gewissen Stellung zu nehmen, genau so, wie die Heimatwehrbewegung es jedem einzelnen Mitglied überläßt, zu allen kulturellen, wirtschaftlichen oder religiösen Fragen die ihm zusagende und von seiner ehrlichen Ueberzeugung diktierte Haltung einzunehmen. Der Kampf gegen den Marxismus, die Ueberwindung dieser kulturpolitischen Seuche und der Ausbau eines dem Klassenkampf entrückten Gemeinwesens auf dem Boden der Volksgemeinschaft ist das Ziel, das Anhänger verschiedener Welt- und Wirtschaftsauffassungen in unserer Bewegung einigt. Die Heimatwehren sind auch keine Organisation von Mordbrennern oder Marodeuren, deren Endziel die Zerstörung wirtschaftlicher Güter oder menschlichen Lebens wäre, also keine Pogromanhänger." Großartig, ganz großartig diese offene Sprache! „Kein Gesinnungszwang in der einen oder anderen Richtung", man kann also als Heimwehrmann auch Antisemit sein, aber „Der Kampf gegen den Marxist mus ist das Einigende", es könnte also auch ein Jude, der diesen Kampf nach den Methoden Dr. Steidles für unbedingt notwendig hält, Heimwehrmann werden, eine Möglichkeit, die Dr. Steidle wohl absichtlich nicht bespricht. Dagegen legt er Wert auf die Feststellung, daß die „Heimatwehren keine Organisation von Mordbrennern" sind, sie dürften als solche sich ja auch nicht des staatlichen Schutzes erfreuen, und darauf, daß „die zum Teil schon erreichte, zum Teil angestrebte Zucht und Disziplin im Sinne einer Wehrorganisation dafür bürgt, daß Uebergriffeeinzelner (es gibt also auch so etwas!) gegebenenfalls sofort unterdrückt werden könnten". Warum? Aus einem sehr praktischen Grunde: „Schon wegen der einfachen praktischen Rücksichtnahme auf die notwendige Sympathie des In- und Auslandes." Das ist allerdings ein sehr triftiger und auch „praktischer" Grund! Wo aber blieb, verehrter Herr Dr. Steidle, diese „Rücksichtnahme", als man Herrn Hofrat Ing. Eduard Pichl zum Führer des „Heimatschutzverbandes Wien" berief, diesen Menschen, der uns österreichischen Juden durch seinen unrühmlichen Kampf für den Arierparagraph im Alpenverein das Brandmal der Minderwertigkeit aufdrückte und uns auch sonst wiederholt schmählichst verunglimpfte. War das auch nur ein „Uebergriff einzelner?" Nein, dafür zeichnete die Bundesführung (Dr. Steidle und Dr. Pfrimer) verantwortlich, sie mußte wissen, was sie tat. Aber sehen wir von dieser — gelinde gesagt — Entgleisung ganz ab, so muß auch von uns festgestellt werden, daß Dr. Steidle in seiner Erklärung — sei es aus welchen Gründen immer — ganz deutlich vom Antisemitismus abrückt. Aber, es kommt der Pferdefuß, er hätte uns ja auch gefehlt! Das sind „die hauptsächlich aus dem Osten zugewanderten Individuen jüdischer Abkunft". Was haben diese „entarteten Exemplare eines Volkes" verbrochen? Sie gehören zu den „übelsten Preßstrolchen, zu den destruktivsten Elementen des Marxismus und seiner Mitläufer". Verehrter Herr Dr. Steidle! Zunächst eine Feststellung: Wir gehören nicht zu jenen, die, wie Sie

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