Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Wedwkefa Schlechter Geruch. Coty, der den Ehrgeiz hat, nicht nur als bekanntester Parfumfabrikant dazustehen, sondern auch ein Pressegewaltiger sein will, hat in seinem Boulevardblatt „Ami du Peuple" die billige Gelegenheit nicht vorübergehen lassen können, im Zusammenhang mit dem Skandal der „Gazette du Franc" eine antisemitische Hetze vom Zaune zu brechen. Macht er nicht in zwei von ihm selbst unterzeichneten Aufsätzendie vaterfandsrettende Entdeckung, daß das „naive französische Volk" von den Juden ausgeplündert werde? Er warnt in eindringlichster Weise das „gutmütige französische Volk" vor den jüdischen Einwanderern in Frankreich und nennt Pfof. Viktor Bäsch, den Präsidenten der Liga für Menschenrechte, einen „Agenten Jerusalems und Budapests". Daß die monarchistische „Action Francaise" Coty in seiner antisemitischen Kampagne unterstützt, indem sie ebenfalls auf die jüdische Abkunft einiger in die Skandalaffäre der „Gazette du Franc" verwickelter Personen hinweist, ist selbstverständlich. — Wir empfehlen hiermit Herrn Coty und Gesinnungsgenossen, ohne Frau Hanau irgendwie in Schutz nehmen zu wollen, eindringlichst, lieber vor der eigenen Tür zu kehren: das Kapitel „Coty als Verleger" ist an sich auch nicht zimmerrein. Mit Bezug auf diese antisemitische Hetze des Pariser Parfümfabrikanten und Zeitungsbesitzers Framcois Coty erhalten wir nachstehende Zuschrift: „Alle Zeiten hatten ihren Haman und so'hat das Jahr 1929 auch den seinigen in der Person des Parfümfabrikanten Francois Coty. Das der gesamten Damenwelt gewiß gut bekannte und beliebte Parfüm „Coty" wird bei jeder Gelegenheit von Alt und Jung gebraucht und nun erfrecht sich dessen Fabrikant. Herr Francois Coty, zu behaupten, daß das französische Volk ein Aus'beutungsobjekt des Judentums sei. und vergißt, daß er einen guten Teil seines Vermögens den Jüdinnen zu verdanken habet. Ein Prophet empfand einst nichts schmerzlicher als den Umstand, daß die Zerstörer und Verwüster aus eigenem Lager entstehen. Es wäire zu wünschen, daß das allerdings beliebte, aber nicht unentbehrliche Parfüm „Coty" und dessen Puder von der gesamten jüdischen Damenwelt boykotiert werde, damit wir nicht selbst unseren Haman in seinem Uebermut stärken und die giftigen Pfeile für uns. selbst schmieden helfen. Es ist zu erwarten, daß dieser Appell' ein Echo findet und daß viele Nachahmerinnen in der ganzen Welt sich finden werden." Zionismus und Religion. Das offizielle Organ des Misrachi „Hathor" teilt in sedner letzten Nummer mit, daß der Oberrabbiner von Jaffa und Tel- Awrw Schlomo Hakohen Aronsohn. der vor einiger Zeit in die zionistische Schulkommission in der Annahme eingetreten ist, daß es ihm gelingen würde, Besserungen auf religiösem Gebiete zu erzielen, nun der zionistischen Exekutive mitgeteilt hat, daß er auf seine Stelle verzichte, da es ihm unmöglich sei, die zionistische Erziehung in religiösem Geiste zu beeinflussen, weil es ihm nicht gelungen sei, bei den in Tel-Awiw wirkenden Lehrkräften irgendwie eine Rücksichtnahme auf die religiösen Erfordernisse zu erzielen. Das siebente Dominion. Die Gründung der Liga „The Seventh Dominion" in London wird von der hebräischen und der arabischen Presse in Palästina eingehend kommentiert. Die arabische Presse begleitet die neue Gründung mit Mißtrauen und erklärt, die Dominion-Bewegung habe zum Ziel, die Araber aus ihrem Lande zu vertreiben und sie zu anglisieren. Die hebräische Presse begrüßt die Gründung der Liga. Eine Ausnahme macht die Tageszeitung „Dawar", das Organ der palästinensischen Arbeiterschaft. „Dawar" befürchtet, daß die Umwandlung Palästinas in ein britisches Dominion den Juden in den nichtenglischen Diaspora-Ländern, die für Palästina arbeiten wollen, Schwierigkeiten bereiten werde. Ferner sei düe Propagierung der Dominion-Idee geeignet, auf die Beziehungen zu den Arabern nachteilig einzuwirken und die Zusammenarbeit mit den Arabern zu stören. Wenn das nicht hilft Der immer mehr emporkommende Antisemitismus unter den Angestellten und Beamten der Moskauer Berufegenossen ■ Schäften und der staatlichen Magazine hat die zentrale Organisation der Angestellten veranlaßt, eine eingehende Untersuchung unter allen kommunistischen Zellen, Arbeiterklubs und technischen Schulen Moskaus über die Ursachen des Antisemitismus durchzuführen. Eine aus 150 (!) Mitgliedern bestehende Kommission wurde zu diesem Zwecke eingesetzt. Das zentrale Organ der Sowjetregierung „Prawda" führt darüber Klage, daß der Antisemitismus in den Arbeiterkreisen mit eine Ursache ist, daß die zionistische und sonstige nationalistische Bewegung unter den jüdischen Massen sich immer mehr verstärkt. Auf diese Weise, schließt die Zeitung, ist der Antisemitismus ein Hindernis für die Befestigung des kommunistischen Einflusses unter den Massen des Volkes. Bravo Budapest! Bei den jüngst durchgeführten Wahlen in den Vorstand der Budapester Advokatenkammer spielte sich ein eigenartiger Wahlkampf ab. Der Vorstand war in früheren Jahren immer zur Hälfte aus Juden, zur anderen Hälfte aus Nichtjuden zusammengesetzt. In den letzten Jahren aber verschob sich das Verhältnis insofern zu Ungunsten der Juden, als Vorstandsmitglieder, die sich taufen ließen, von den christliche» Advokaten zu den Juden gerechnet wurden. Im diesmaligen Wahlkampf strichen die jüdischen Rechtsanwälte sämtliche getauften Juden von der Liste, so daß diese, die nicht einmal alle christlichen Stimmen auf sieh vereinigen konnten, stark in der Minderheit blieben. Der Vorstand der Advokatenkammer besteht nun wieder zur vollen Hälfte aus Juden. Die jüdische Wochenschrift „Egyenlöseg" bezeichnet diesen Kampf als die „erste organisierte jüdische gesellschaftliche Aktion gegen die Täuflinge." ~ Ein feiner Richter. Vor kurzem hatten der jüdische Nationalrat beiim polnischen Justizminister eine Beschwerde gegen den Friedensrichter von Banarowicz, Wierzkowski, erhoben, der »in einem Streitfall bemerkte, daß „die Juden immer nur den Schaden der Christen" wollen. Nunmehr teilte der Justizminister dem Nationalrat mit, daß Wierzkowski mit strengem Vorwurf aus seinem Amte beseitigt worden ist. /fmtliche Xklauttarnnge* ckclmieiitisJw Lieferungs-Vergebung. Seitens der Israelitischen Kultusgemeinde Wien gelangt im Laufe der nächsten Zeit die Auswechslung der gemauerten Kanäle des Tempels, IL, Tempelgasse 5, und der beiden Amtshäuser, IL, Tempelgasse 3, und IL, Ferdinandstraße 23, durch solche aus Tonrohren zur Vergebung. Jene Firmen, welche zur Offertstellung herangezogen werden wollen, werden eingeladen, dies bis längstens 15. März 1929 dem Technischen Amte der Israelitischen Kultusgemeinde, L, Seitenstettengasse 2, IV. Stock, bei welchem während der gewöhnlichen Amtsstunden (Samstage ausgenommen) auch alle näheren Auskünfte erteilt werden, schriftlich bekanntzugeben. Die freie Auswahl unter den sich meldenden Firmen zwecks Heranziehung zur Offertstellung für die einzelnen Arbeiten behält der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde seinem alleinigen Ermessen vor. _ Kundmachung. Frau Hinda Frankel bei Herrn Hersch Nathanson, Falticeni (Rumänien), Str. Budnari Nr. 145/7, sucht ihren seit dem Kriege vermißten Gatten, Herrn Moses Frankel. Derselbe ist im Jahre 1883 in Lubacow (Kleinpolen) geboren, war der 11. Kompagnie des Infanterieregimentes Nr. 90 zugeteilt und befand sich bis zum 5. Juli 1915 an der Front bei Zalescziki. Angaben über den Vermißten werden an obige Adresse erbeten.