Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064207--16991-3087076- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT respektive angeregt werden können, um Gerechtigkeit und Toleranz Andersgläubigen gegenüber zu üben. Das wären Aufgaben für die Rabbiner und Gelehrten, auf der Ausstellung aktiv mitzuwirken. Für die Kantoren und Chordirigenten bietet sich ein Feld reichster aktiver Teilnahme durch Vorträge ausgewählter Gebete und Gesänge. Für den Kaschruthrabbiner bietet sich Gelegenheit, Vorträge über Schächten, Speisegesetze, das Quellbad und ähnliche rituelle Vorschriften zu halten. Anderseits bieten sich für die höheren Verwaltungsbeamten ebenfalls reiche Gelegenheiten, über jüdische Verwaltungsfragen. Statistik (soweit solche geführt wird), Steuer und Zensiten, zu sprechen. Auch die jüdischen Baumeister und Architekten können lehrreiche Vorträge über Synagogenbauten. Friedhofsanlagen und über Ghettis halten. Der Vorsteher des jüdischen Wohlfahrtsamtes dürfte wohl mit seinen zahlreichen Helfern die weitaus reichste Gelegenheit haben, über sein Dezernat Aufklärung in die andersgläubige Bevölkerung zu tragen, wie groß und umfangreich das jüdische Wohlfahnswesen ist. Auch den staunenden Andersgläubigen eine Aufstellung über den wahren ..Reichtum" der Judenheit zu geben, die ungeheure Zahl der armen und bitterärmsten Juden, gegenüber der verhältnismäßig kleinen Zahl des Mittelstandes und der noch viel kleineren Zahl der wirklich reichen Glaubensgenossen aufzeigen, und dadurch mit beitragen helfen, das unsinnige Märchen von den vielen, vielen so furchtbar reichen Juden, die in ungezählten Millionen vorhanden sein sollen, gründlich zu zerstreuen. Und die gesamte jüdische Presse wird ebenfalls ein weites Feld für eine erfolgreiche Betätigung finden, und wahrscheinlich viel mehr Beachtung ernten, als auf ihrer Ausstellung auf der „Pressa" in Köln Denn eine Ausstellung, die nacheinander in vielen Städten gezeigt wird, also durch alle und viele großen Städte wandert, wird naturgemäß von weitaus mehr Menschen besucht, als nur auf einer, und nur zeitlich begrenzten Ausstellung. Außerdem hat eine derartig wandernde Ausstellung noch den Vorteil, daß die breiten Volksmassen Gelegenheit haben, sie zu besichtigen, v/as von einer, an nur einem Orte gezeigten Ausstellung nicht gesagt oder behauptet werden kann, da eine solche „einmalige" Ortsausstellung eben nur von den Einwohnern und deren Nachbarschaft, und von solchen Fremden besucht wird, die über das nötige Reisegeld verfügen, was von den breiten Volksmassen füglich nicht gesagt werden kann. Dann sollte auf dieser Ausstellung eine kleine Broschüre mit der Eintrittskarte gratis verabfolgt werden, in der, kurz gefaßt, das Judentum und seine Bekenner dargestellt sind. Eine zweite Broschüre soll ausführlicher abgefaßt und gegen geringes Entgelt abgesetzt werden. Diese Ausstellung wird mehr zur Aufklärung beitragen, als alle noch so gut gemeinten Protestresolutionen und noch so schön und warmherzig geschriebenen Zeitungsartikel. Denn das. was der Mensch sieht und miterlebt, prägt sich weit intensiver in ihm ein, als alle noch so warm gesprochenen und eindringlich gehaltenen Reden, oder-mehr oder minder eindringliche Aufsätze in Tages- und Religionszeitungen. Und die Ausstellung wird mehr zum Verständnis und zu einer sich ausbreitenden Toleranz unter den Andersgläubigen beitragen, als der Hilferuf an den Staatsanwalt. Diese Ausstellung wird erzieherisch und belehrend auf die andersgläubige Bevölkerung wirken, sie wird den anständig denkenden Christen zum Nachdenken anregen, und vielleicht auch den Hakenkreuzler — sofern noch ein Funken von ritterlichem Ehrgefühl in ihm vorhanden sein sollte — zur Gerechtigkeit und Toleranz anregen. Man soll auch bei seinem Todfeinde immer noch einen Funken menschlichen Fühlens und Verstehens vermuten, bis man sich endgültig vom Gegenteil überzeugt hat. Viele werden es nicht sein, die wenigen Bekehrten aber werden schließlich ihre eigenen früheren Parteigänger zu beschämen wissen. Männer und Frauen sollten an diesem Werk einer Ausstellung als Propaganda gegen den Antisemitismus, an ihrem Aufbau und der Leitung tätig sein. Männer und Frauen von bewährter Tatkraft und Weitblick! Das große Werk würde reichsten Segen bringen für uns und unser Judentum, und für die andersgläubige Bevölkerung, die von uns nichts anderes kennt, als daß wir eben „Juden" sind, ohne sich vorstellen zu können, was Jude ist und Jude sein bedeutet. Wie dies ja schließlich auch ein großer Teil unserer eigenen, aber unwissenden Glaubensgenossen weder weiß noch auch wohl nicht wissen will. Und manch einen von diesen Glaubensgenossen werden wir bestimmt zu uns zurückgewinnen, wie wir auch sicher viele andersgläubigen Mitbürger dadurch uns zu neuen Freunden gewinnen werden! Und sollte die Ausstellung jemals zu einer Tatsache geworden sein, so sollte von dem jeweiligen Ausstellungsvorstand und der Jüdischen Gemeinde des betreffenden Ausstellungsortes die Schufbehörden gebeten werden, die Schüler und Schülerinnen der Volks- und höheren Schulen die Ausstellung mit ihren Lehrkräften besuchen zu lassen. Für diese klassenweisen Schülerbesuche müßte der Eintritt (mitsamt der ausführlichen Broschüre) selbstverständlich unentgeltlich sein. Denn was in die Kinderseelen eingepflanzt wird, wird einstmals zur reifen und schönen Frucht aufgehen. Ebenso müßte an einem Tage (oder zwei) in jeder Woche für die breite Volksmasse der Eintritt einen so geringen Betrag aufweisen, daß auch der ärmste Arbeiter die Ausstellung besuchen kann. Dafür kann ebenfalls auch ein sogenannter ..Elitetag" eingesetzt werden, um einen finanziellen Ausgleich zu ermöglichen. Der Reinertrag der Ausstellung soll dann für die Altersheime der jeweils ausstellenden Gemeinde verwendet werden. Und nun hoben die Leser das Wort! Der reichste Jude. Julius R o s e n w a 1 d ist in den letzten Jahren immer mehr hervorgetreten. Sein Name erscheint im Zusammenhang mit jüdischen und allgemeinen Wohlfahrtsbestrebungen, er sollte Handelsminister im Kabinett Hoover werden, er wird der drittreichste Mann der Welt (nächst Rockefeller und Ford) genannt, wäre also der reichste Jude der Welt — da wird es gewiß von Interesse sein, etwas Näheres über diesen modernen Krösus zu hören. Sein Lebensschicksai führte ihn aus bescheidenen Anfängen zu märchenhaften geschäftlichen Erfolgen, denn er ist heute Hauptinhaber der Firma Sears, Roebuck & Co. in Chikago, dem größten Katalog-Warenhaus Amerikas. Diese Art Warenhäuser sind in Europa wenig bekannt, in den Vereinigten Staaten mit ihren Millionen kleiner Ansiedler und kleinster Städte besitzen sie dagegen besondere Bedeutung. Solch ein Warenhaus versendet alljährlich seinen dicken Katalog, in dem einfach alles enthalten ist, was dem menschlichen Gebrauch dient. Der Kunde schreibt nur die Nummer auf eine Postkarte und erhält den Gegenstand sofort zugesandt, sei es eine Mähmaschine oder eine Zahnbürste. Da dieser Katalog in jedem amerikanischen Haus anzutreffen ist, nennt man ihn die „amerikanische Bibel". Die Firma stellt alles in eigenen Fabriken her, beherrscht also kaufmännisch und industriell einen großen Teil des amerikanischen Marktes. In seiner Betätigung als Staatsbürger und Philanthrop geht Rosenwald nicht von einer streng vorgezeichneten Linie ab: er verfolgt den Grundsatz, daß man von dem Reichen nicht einfach die Abgabe eines Teils seiner Reichtümer als soziale Forderung verlangen könne, sondern er fühlt sich in erster Linie als Jude und im Verfolg seiner Auffassung des Judentums als zu Wohltaten verpflichtet. In seiner geschäftlichen Tätigkeit hat er oft bewiesen, daß ihm mehr daran liegt, seiner Familie einen guten Namen als ein unermeßliches Vermögen zu hinterlassen, und Amerika ist davon überzeugt, daß er kein einfacher Dollarjäger, sondern ein außerordentlicher Charakter ist. Die vielfältige Art, Wohltaten zu üben, die er seit drei Jahrzehnten verfolgt, seine mannigfache Betätigung in öffentlichen Aemtern unter Wilsons Regierung, haben seine Großzügigkeit, nicht minder aber auch seine Bescheidenheit bewiesen. Trotzalledem war Rosenwalds Persönlichkeit immer umstritten. Im Gegensatz zu Nathan Strauß, der im Verhältnis zu seinem Vermögen vielleicht noch mehr als Rosenwald gespendet hat, besitzt der „Warenhauskönig von Chikago" zahlreiche Gegner, die seine Art philanthropischer Betätigung nicht billigen. Rosenwald hat nämlich eigene Grundsätze für seine Betätigung auf dem Felde der Wohltätigkeit aufgestellt. Besteht ein öffentliches Interesse an der Unterstützung einer Einrichtung oder Körperschaft, so wird er nie seine Gabe verweigern. Mit anderen Worten, er hilft nur im Verhältnis zur allgemeinen Hilfe. „Ich gebe in gleichem Verhältnis wie alle Welt und glaube nicht gezwungen zu sein, mein Geld nach jedermanns Belieben wegzuwerfen. Wenn eine Wohlfahrtseinrichtung sich allein auf meine Unterstützung aufbauen will, so besitzt sie keine Daseinsberechtigung. Wenn etwas nützlich und notwendig ist, wird es von selbst leben können. Ich glaube an den gesunden Sinn der Masse und habe danach mein System der Hilfe eingerichtet. Nennen Sie mir ein Unternehmen, das bei der großen Menge Beifall findet, dann will ich ihm gern eine entsprechende Beihilfe gewähren. Bei Lebensmittelkampagnen, Wohltätigkeits-Institutionen, Lehranstalten, überall habe ich diesen Grundsatz als richtig befunden. Ich werde niemals der einzige Helfer oder der einzige Schöpfer irgendeiner Einrichtung sein. Im Gegensatz zu den Ansichten