Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-03-08 · Heft 10 (8.3.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 10 (8.3.1929)
Date
1929-03-08
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064207--16990-3087075
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Seite 3 bare Situation gebracht, ein Verhängnis, das jedem Menschen bei; Zusammentreffen verschiede n er Umstände ereilen kann. Der Proteststurm gerechter Empörung ist von der Intelligenz ausgegangen, die in diesem Fall1 die wahre V ol k e s s tim m e vertrete. Man müsse nämlich unterscheiden: Die Volkesstimme ürrt, wenn sie unter der Suggestion von Schlagwort«n des Tages steht. Die Volkesstimme ist nur dann Gottesstimme, wenn sie ein idealer Zug, losgelöst von Tagesfragen und materiellen Unterlagen, in die Sphären reinen Menschentums erhebt. Formell wird der Antrag gestellt, der Oberste Gerichtshof möge das Schwurgerichtsurteil vom 16. Dezember 1928 aufheben und eine neuerliche Verhandlung vor einem anderen Gericht anordnen, als welches das Land e s g e rieht für Strafsachen I in Wien, in Vorschlag gebracht wird. Der ganze Verlauf des Innsbrucker Prozesses, die von der Verteidigung angedeuteten Vorurteile und Befangenheiten, begründen das Delegierungsbegehrea Das Referat vor dem Obersten Gerichtshof wird Hofrat Dr. Haberdey erstatten, die Generalprokuratur wird durch Generalanwalt Dr. Pietsch vertreten sein. Wir werden über den interessanten Prozeß berichten. Propaganda gegen den Antisemitismus. Von Willibald Roth, Berlin. . (Schluß.) Die „Jüdische Ausstellung als Propaganda gegen den Antisemitismus" soll von allen tonangebenden jüdischen Gemeinden Europas, vielleicht auch von den in den Ueberseeländern weitestgehend unterstützt und beschickt werden. Sie soll gewissermaßen „international" aufgezogen sein, und, wie gesagt in allen Städten für längere Zeit veranstaltet werden. Die Ausstellung soll alles umfassen und enthalten, was mit dem Judentum in Verbindung steht: je eine Abteilung des historischen Judentums, des Mittelalters und des gegenwärtigen „modernen" Judentums. Sie soll zergliedert sein in je einer Sonderabteilung der chassidischen. sephardischen und aschkenasischen Richtung. Sie soll die gegenwärtige Orthodoxie, den Liberalismus und Zionismus, sie soll ferner die „Karäer" (in Kaukasien), die Negerjuden, die indischen und chinesischen Juden zeigen, kurz, alle fremden und einheimischen Merkmale des Judentums, ihre Entstehung, Entwicklung, Unterschiede und Abzweigungen aufzeigen. In den betreffenden Abteilungen sollen neben Thorarollen und Bibeln, neben Hagadas und Agenden, alle Arten Gebeteinen Stoß, daß du alle deine Vorfahren mit einmal sehen kannst! Hier, Bursche, steht nur N. Bombe!" Ah, dachte ich, jetzt muß es heraus. Da hilft nichts, der Kerl ist imstande und hält Wort. Ich holte dreimal tief Atem und hauchte: „Napoljen, Gospodin General, heiß4 ich." Nun, Jungermann, soll ich Euch erst sagen, was daraufhin geschehen ist? Tut mir einen Gefallen und malt Euch das selber aus. Nachdem sich die Beamten und Offiziere die gelachten Tränen getrocknet hatten, begann einer mich zu untersuchen. Er fragte: „Hast du Herzbeschwerden, mein teurer Napoljen?" „Nein" antwortete ich. „Das heißt, ich weiß nicht — vielleicht — mir tut das Herz i m m e r weh, wenn ich daran denke, wie schlecht es mir geht." „So", sagte der Arzt. „Und wie steht es mit deinem Magen, mein Napoljen?" „Danke — unberufen — wenn ich etwas ordentliches für ihn habe, weiß er es zu schätzen." „So", sagte der Arzt. „Und wie steht es mit deinen Ohren, Napoljenchen?" „Danke — die Ohren stehen mir, nebbich, ein wenig vom Kopfe ab." „So", sagte der Arzt. „Und wie, schöner Napoljen. ist es mit deimem Vierstand bestellt?" „Danke — Verstand hab' ich keinen, sagte immer mein Vater." „So", sagte der Arzt. „Zeig' mal deine Zungei" bücher. Tallessim. Twillim und alle übrigen Ritualgegenstände, wie Menora, Mesusa. Gewürzbüchsen usw. mit deutlichen Erläuterungen in deutscher, respektive der betreffenden Landessprache des jeweiligen Ausstellungsortes, versehen sein. Man zeige Modelle von Gotteshäusern, Bethamidraschim. Thoraschulen, Synagogen, rituellen Bädern usw., Modelle der verschiedenen Ghettoanlagen (von Prag. Venedig, Frankfurt). Ebenso Grundrisse alter Tempelanlagen (Jerusalem. Alexandrien), der berühmtesten Friedhöfe von Prag, Breslau. Hamburg usw. Ein großes Modell eines Synagogenausschnittes (mit Oraun Hakaudesch und Almemor) mit lebensgroßen Wachsfiguren, die eine Thoravorlesung usw. darstellen, ein anderes Modell zeige die Aushebung der Thora am Simchas-Thora- Fesre. Eine Sukko zeige man mit Wachsfiguren darin mit allem ihrem Festschmuck, einen Freitagabend und einen Sedertisch mit Figuren, um die Feier der Broches zu veranschaulichen. Ferner zeige man durch Figuren eine altjüdische (chassidische) und eine moderne Trauung unter der Chuppe, einen altjüdischen Brautzug mit dem „Batschen" an der Spitze. Die Zeremonie der Sederfeier kann ebenfalls dargestellt werden, eine Barmizwah, das Einholen der Leidtragenden in die Synagoge, das Schuwositzen. die Bestattung nach orthodoxer Art ohne Sarg und nach neuem Ritus. Das Ouellbad und Kaschruthwesen, Schächten und das Mazzot-„Schießen" (Backen). Auch Schewuoth und Purim mit Figuren läßt sich darstellen. Ebenso die häuslichen Feiern wie Channucka. auch das Alenugebet und das Kol-nidre des Jörn Kippur ist durch niederkniende, respektive im Kol-nidregebet tief versunkene Wachsfiguren plastisch darzustellen, so daß jeder Besucher sich ein wirkliches Bild von unserer Religionsausübung wird machen können. Und nichts von den albernen und für uns so gefährlichen Blutmärchenlügen wird der fremde Beschauer finden können, weil nichts derartiges Ungeheuerliches bei uns existiert. Schilderungen von Pogromen. Ritualmordmärchen, der Sephirazeit. der russischen und spanischen Judenverfolgungen usw. können durch etwa vorhandene Abbildungen und Schilderungen gezeigt werden. Eine andere Abteilung soll die alten Judentrachten, wie Kaftan, Spitzhut und Pelzmütze, den berüchtigten „Gelben Fleck" und anderes mehr zeigen. Zusammenhängend mit dieser Abteilung gehört auch die Aushängung aller mehr oder minder schönen Judenerlässe, Schutzbriefe und ähnlichen Beweisen einstiger Kultur, ebenso die famosen Judenzoll-Verordnungen samt der diese betreffenden Gerichtsurteile aus allerjüngster Zeit republikanischer Rechtsprechung. In einer anderen — rein geistigen — Abteilung sollen Vorträge von Rabbinern. Gelehrten und auch von Kantoren in geeigneten Nebenräumen gehalten werden über das Wesen, Ritual und ähnliche Themen der jüdischen Religion, über häusliches Leben und Feiern in alten und in heutigen Zeiten. Themen über Erziehung der Kinder, und mit emgeflochtenen Beispielen, wie auch die unwissenden Erwachsenen erzogen. „Ah", sagte ich. „Gospodin General — äh — äh — ich trau' mich nicht — vor so hohen Herren — die Zunge zu zeigen---" „So", sagte der Arzt. „Zeige ruhig deine Zunge. Napoljen — wir werden nicht hinsehen." „Na, Gospodin General", sagte ich. „Wenn Sie gestatten Daraufhin ließ ich die Zunge heraushängea Also kurz und gut: man stellte mich für zwei Jahre zurück. Sie sagten, ich sei ein halber Mensch. Weiß ich? Vielleicht hatten sie recht. Im Vorraum begegnete mir ein alter Bauer mit einem langen Bart. Er war splitternackt ausgezogen, und wartete scheinbar, bis er an die Reihe kommen wird. Ich wunderte mich: was heißt — so ein alter Mann! Der Alte frug mich: „Bist du Soldat oder nicht?" „Kein Soldat", antwortete ich. „Freu' dich", sagte darauf der Alte. „M i r wird es wohl anders ergehen, tjatja." „Wieso anders", wunderte ich mich. „Ihr. ein alter Mann — was habt Ihr überhaupt unter den Rekruten zu suchen?" Dar alte Bauer regte sich auf: „Was heißt, du Schmutzfink, du Mißgeburt — ich habe hier nichts zu suchen? Mehr als ihr alle zusammen! Du Hundesohn, der du bist — pscha krew! Mich wird man nicht nehmen? Braucht denn die Armee keine Generäte?" Und schon öffnete er die Türe zur Kommission. Draußen empfingen mich die Glaubensgenossen mit einem vielstimmigen „Nu?" „Frei", sagte ich. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.