Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 10 (8.3.1929)
- Date
- 1929-03-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT lingen, diese feindlichen Brüder zum gegenseitigen Verstehen zu bringen, sie, die heute schon so weit auseinander geraten sind? Was nützen uns die schönsten Reden, wenn sie in camera caritatis gehalten werden und auf dem politischen Forum ihnen Philippiken gegen diejenigen folgen, denen man eben noch freundschaftlich die Hand gereicht? Oesterreich ist eben immer nur ein Land der Anfänge. Hier wurde wieder einmalein Anfang gemacht, ob mit Erfolg, bleibt abzuwarten. Ein solcher Erfolg wäre aber im Interesse des Landes sehr wünschenswert. Der Parteienhaß hat es in eine Situation gebracht, die ungemein traurig ist. Eine Besserung dieser schwülen Atmosphäre, eine ehrliche „Versöhnungsarbeit" muß in Kürze erfolgen, wollen wir nicht noch weiter dem Abgrunde zusteuern, der uns alle zu verschlingen droht. Alle Menschen, die guten Willens sind und unser schönes Land lieben, müssen da mithelfen, wirklich alle „über die Grenzen der Weltanschauung, der Partei, des Standes und Berufes hinweg." Wir Juden haben bewiesen, daß wir mitarbeiten wollen. Man erschwere uns nicht unsere Opferbereitschaft! Der Fall Halsmann. Am 12. und 13. März wird der Fall Haismann vor dem Obersten Gerichtshof unter dem Vorsitz des Senatspräsidenten Dr. Junker in zweitägiger Verhandlung zur Diskussion stehen. Der Verteidiger Philipp Halsmanns. Dr. R. Preßburger, hat eine umfangreiche Nichtigkeitsbeschwerde überreicht, in der er das Urteil des Innsbrucker Schwurgerichtes, laut dem der Student Philipp Halsmann wegen Mordes an seinem Vater begangen dadurch, daß er ihn während einer Bergtour in den Zillertaler Alpen ■ednen Steinhang hinabstürzte, zu zehn Jahren schweren Kerkers verurteilt worden war, mit zahlreichen Argumenten anficht. Das Urteil hat weit über die Grenzen Oesterreichs hinaus größtes Aufsehen erregt. Universitätsprofessoren, Psychologen, haben sich für die Unschuld des Verurteilten eingesetzt, Juristen haben den Schuldspruch als völlig verfehlt bekämpft. Nach Verkürzung des Urteils kam es im Gerichtssaal zu lebhaften Demonstrationen für den Angeklagten und auch 3fa*UUUm, Napoljen Bombe. Die Geschichte eines Unglücklichen. Von Josef Kaplan, Fulda. (Fortsetzung.) Eines Tages kam die Stunde, in der ich mich zum Militärdienst zu melden hatte. Ich befand mich gerade in Lipno, das war die Kreisstadt, zu der unser Kapazk gehörte. Der Raum, in dem sich die Rekruten befanden, war lebensgefährlich voll. Einer stand auf den Füßen des andern. Und draußen im Flur und auf der Straße warteten hunderte von Menschen. Es waren meistens Angehörige von Rekruten, die diia Ungeduld vor das Magistratsgebäude trieb. Die Musterung ging flott von der Hand. Eins, zwei, drei war einer Soldat oder nicht. Nun kam ich endKch an die Reihe. Ich muß Euch, Jungermann, dies ausführlich erzählen. Als ich mich vor so hohen Herren befand, begann ich zu zittern, und zwar am ganzen Leibe. Dies war damals so meine Natur. Ich zitterte wie Einer, der mitten im Winter eine kalte Einreibung erhält. Zittern ist nicht der iröchtige Ausdruck, es war schon mehr eine Art Klappern. Alles an mir klapperte: seither ist die Debatte über Schuld oder Unschuld des Angeklagten nicht zum Stillstand gekommen. Aus allen diesen Gründen wird dem Ausgang der Nichtigkeitsbeschwerde in weiten Kreisen mit größtem Interesse entgegengesehen. Die Nichtigkeitsbeschwerde gelangt nach Aufzählung verschiedener formaler Mängel zu folgenden Feststellungen: In der Verhandlung spielte ein unausgesprochenes Imponderabile, ein S t i m m u n g s m o m e n t, ein© ungeheure Rolle. Die Verteidigung hat es aus innerem Widerstreben gegen die Verquickung der Justiz mit wie immer gearteten parteipolitischen Fragen oder Tendenzen bisher unterlassen, öffentlich von den Hintergründen des Prozesses zu sprechen. Haute aber sei es ihre ernste Pflicht, das zugekommene Beweismaterial nicht zu unterdrücken. Dieses Beweismaterial besteht unter anderem in einer legalisierten Erklärung des Rigaer Lehrers Arvid Schultz, wonach der Zeuge Dr>. Rainer den jugendlichen Zeugen Alois Graus an der Mutter des Angeklagten und deren Begleitern vorübergetführt und dabei gesagt habe: Bei einem Juden mußt du links halten, bei einem Nichtjuden darfst du rechts halten. Ebenso haben zahlreiche Zeugen bestätigt, daß der Kronzeuge Im Innsbrucker Prozeß, der Gastwirt E d e r, der sofort der Ansicht war, es liege ein Verbrechen vor, in der Nähe der Geschworenenbank gegen den Angeklagten antisemitische Aeußerungen machte. Weiters wird in der Nichtigkeitsbeschwerde vorgebracht und durch schriftliche Dokumente belegt, daß während der Verhandlung, und zwar am zweiten und dritten Verhandlungstag, zweJ Geschworene auf genau bezeichneten Plätzen wiederholt schlafend oder einnickend beobachtet wurden. Ein Geschworener wurde beobachtet, wie er eben aufwachte und sich mit der Hand den Schlaf aus den Augen rieb. Schlafende Geschworene sagt die Nichtigkeitsbeschwerdie, sind geistig nicht anwesend. Das Gesetz versteht aber unter Anwesenheit zwangsläufig die geistige Anwesenheit, sonst wäre eine Schwurgerichtsvierhandlung auch dann möglich und gesetzlich unanfechtbar, bei welcher sämtliche Geschworene während eines wichtigen Teiles des Beweisverfahrens ein Mittagsschläfchen absolvieren. Die Nichtigkeitsbeschwerde schließt mit dem Vermerk, die Verteidigung werde über die speziellen Gründe der Antipathie eines Teiles des Publikums, der aber Einflußnahme auf die Zeugen und Geschworenen versuchte, in der mündlichen Verhandlung eingehender sprechen. Jedenfalls weisen, nach Ansicht des Verteidigers, alle Umstände darauf hin, daß jeder denkende Mensch im Halsmann-Prozeß auf Grund des Beweisverfahrens erkennen mußte: Ein Verhängnis hat den unglücklichen Philipp Halsmann' an die furchtdie Arme, die Beine, die Rippen, die Zähne. Die hohen Herren lachten, als bereite ihnen mein Zustand eine außerordentliche Freude. Und je mehr ich klapperte, desto lustiger wurden sie, Sie betrachteten mich von oben bis unten und umgekehrt. Es schien mir, als wollten sie abwarten, um festzustellen, wie weit sich mein Klappern steigern wird. Als ich genug vorgeklappeirt hatte, frug Einer mit einer Stimme, die in mir einen Sturm entfesselte: „Wie heißt du, Frosch?" „Bombe heiß' ich, Frosch hieß der, der vor mir war." Der Beamte konnte sich vor Lachen kaum halten, „So? Bombe? Und wie lautet dein Vorname?" Da begann ich von neuem ztr zittern. Ich wußte, sagte ich Napoljen, dann werden sie alle verrückt vor Freude, aber, ich weiß nicht, wie es kam: mein Geist wurde ilt diesem Augenblick verwirrt; ich konnte nicht antworten. Der Beamte frug nochmals, und zwar lauter: „Wie lautet dein Vornam©?" „Na" hauchte ich, „Er lauteit nicht übel — er ist ein ganz schöner Name — unberufen, danke, ich bin zufrieden--" „Wb'e?" rief der Beamte. „Bist du verrückt? Willst du nicht sagen, wie du heißt?" Geh; und sag' denen, daß du Napoljen heißt, dachte ich mir. Ich sagt© deshalb: „Nu — steht es nicht da verschrieben — in der Liste da — Gospodin General?" Da donnerte der Beamte, daß 'ich schier vergehen wollte: WElemder Dummkopf! Sag' wtei du heißt oder du bekommst