Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-03-01 · Heft 9 (1.3.1929) · page 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064206--16982-3087066
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 16 DIE WAHRHEIT namentlich auf Jesuia zurücksieht. ..denen die Worte Jesu vielfach bis auf die Ausdrucksweise nachgebildet sind". Nach Drews entstanden die Evangelien als ein Seitenstück zu den fünf Büchern Mosis. in denen die Gründung des aJten Bundes und die Gesetze der Juden niedergelegt waren. In Uebereinstirnmun« mit Chwolson, Graetz und anderen jüdischen Gelehrten läßt er die Evangelisten die Zustände des zweiUi1. Jahrhunderts (der Bar-Kochba-Zeit) in das erste übertragen und das von Jesaia (II, 3. ff) gezeichnete Charakterbild der „Oberen des Volkes" auf die Pharisäer der eigenen Gegenwart beziehen. Wie aus Jesaia. Jeremia, Ezechiel, Joel und Micha durch zahlreiche Zitate bewiesen wird, hat man sich die Buße oder Sinnesumwandlung des Volkes schon früher stets unter dem Bilde von Waschungen und Reinigungen vorgestellt. Vom Evangelisten wird Johannes der Täufer ganz „in den Farben des altisraelirischen Bußpredigers und Propheten (Elia) geschildert". Sehr interessant ist die Aufklärung, die man über die Bezeichnungen ..Nazaräer" und „Nazarener" erhält: Der Name Nazareth fehlt im Alten Testament, bei Josephus im Talmud — und es ist ein vereinzelter Fall, daß Anhänger und Schüler sich nach dem Geburtsort ihres Meisters benennen. Der Amerikaner Smith leitet nun den Namen von einer vorchristlichen Sekte ab, die ihren Kultgott oder Messias unter dem Namen nosri, d. h. „Schützer", oder „Retter ist Gott" (syrisch: nasar-ja) verehrten. Der Orientalist Winkler bestätigt das Wortspiel, oder den Anklang an den Begriff des nacar, des „Retters", der auch in anderen altorientalischen Religionen die große Rolle spielt. Nach Marcus hält Jesus am See Gleichnisreden, mit welcher Handlung die Stiftung des „neuen Bundes" geschildert werden soll. Die Darstellung soll der Verkündigung des göttlichen Wortes durch Moses gleichen, das Wort jedoch der Menge unverständlich bleiben. In der Erinnerung an Psalm 78, i. f.. läßt er Jesus in Sinnbildern reden, die nur Eingeweihten verständlich waren, d. h. er behandelt so die ganze Verkündigung Jesu als Geheimlehre (Mysterium), womit zugleich die notwendige Uebereinstimmung mit dem Alten Testament hergestellt ist. Schlagend wird bewiesen, daß alles, was von Johannes dem Täufer im Marcus-Evangelium berichtet wird, mythisch ist: auch die anderen Synoptiker bilden .seine Persönlichkeit auf Grund des Alten Testamentes, wobei Drews verdächtig erscheint, daß er nach ihnen einen Sohn des Rabbi Jochanan ben Zakkai sein soll. Vielleicht wollte Lucas den Johannes als Begründer des Christusglaubens dem wahren Begründer des neuen Judentums entgegenstellen. Seine Geburtsgeschichte ist bei ihm Zug um Zug derjenigen des Simon und Samuel nachgebildet . Wo Jesus von den „Kleinen" spricht, sind, wie aus dem Satze, daß die Kleinen an ihn glauben, erhellt, nicht Kinder, sondern „Unmündige", d. h. neu eingetretene Glaubensbrüder gemeint. Hierbei sagt Drews:.....vollends töricht ist es. Jesus zu rühmen, daß er als der „Erste" sich für die Liebe zu den Kindern eingesetzt und diese dadurch geheiligt habe: gehört doch die Kinderliebe zu den schönsten Zügen des jüdischen Volkes." Die Pharisäer richten an Jesus, „um ihn zu versuchen", die Frage wegen der Ehescheidung. Seine Worte sind nur im Hinblick auf die entsprechende Stelle bei Paulus, nicht umgekehrt zustande gekommen. Abgesehen vom Wort des Maleachi, 2, 14. ist im Talmud an zahlreichen (wörtlich angeführten) Stellen das Verbot, sich von seinem Weibe scheiden zu lassen, ausgesprochen. Auch der harte Tadel über die Reichen: ein Kamel gebt leichter durch ein Nadelöhr, als daß ein Reicher in das Himmelreich kommt, wird als eine geläufige rabbinische Redensart erwiesen: Baba mazia fol. 38 b: Berachot 55 b, heißt es: „Du bist wohl aus Pumbadita, wo man es verstehen will, einen Elefanten durch ein Nadelöhr zu jagen". Psalm 69. 10; Jeremia, 12, 15: Maleachi, 3, 1: Sacharja. 14. 21: Jeremia, 7. 30, haben deutlichste Beziehungen zu dem Vorgange der Reinigung des Tempels. Hier wird nur der Gegensatz der christlichen Sektierer gegen das jüdische Zeremonialgesetz und das Opferwesen der Handlung Jesu im Tempel zugrunde gelegt. Auch die Weissagung der Zerstörung des Tempels ist ganz nach alttestamentlicher Vorlage gearbeitet, so wie der Ritus des Abendmahles auf Exod. 24. 6 ff. zurückgeht. Drews meint sogar, daß sich der Evangelist damit zufrieden gab, ihm selbst bedenkliche Geschichten (wie die von der Verhaftung Jesu) durch ein Schriftwort gerechtfertigt zu wissen und daß er sie damit gegen alle Einwände gesichert habe. Er nennt die Verhandlung vor dem Synhedrion „formell und geschichtlich ganz unmöglich, denn sie befindet sich — „in einem unlösbaren Widerspruch mit der iüdischen Geschichtsforschung, wie sie in der Mischna im Traktate Sanhedrin aufgezeichnet ist". Höchst plausibel stellt es Drews dar. wie zuerst der Gottesknecht, den man in den Kreisen der jüdischen Gnostiker und Apokalyptiker für den Messias ansah, den Römern, den geschworenen Feinden S. Grüners Restaurant II., Zirkusgasse 30 Telephon II 43-1.60 VorzUgl. Wiener, ungarische und orientalische (rumänische) Küche. Mittag und Abend MenO nach Wahl. Erstklassige Getränke, der gesamten Juden, „überliefert" worden sein mußte; als später, nach der Zerstörung Jerusalems das politische Moment des Messias-Glaubens hinter dem rein religiösen mehr zurücktrat, verblaßte damit auch der Anteil der heidnischen Obrigkeit am Tode Jesu, während derjenige der iüdischen Machthaber enc immer größere Bedeutung gewann." Wir haben die aus dem jüdischen Schrifttum stammenden, dem Evangelisten „um der Erfüllung der Weissagung" notwendig erschienenen Stellen, weil sie unser besonderes Interesse beanspruchen, herausgehoben. Drews stellt seiner jüngsten Arbeit einen Ausspruch Kants voraus, der die Verpflichtung für die Wissenschaft betont, dem Ursprung selbst der heiligsten Glaubenslehren mit historischer Bedenklichkeit nachzuspüren. Er verficht in derselben seine Annahme, daß die Gestalt Jesu eine rein symbolische Bedeutung hat und nie existiert hat. Der um diese Gestalt gesponnene Mythus wurde erst spät zu vergeschichtlichen versucht, was die Evangelisten, besonders Marcus, nach seiner Ansicht mit sehr wenig Geschmack besorgten. Nach ihm war die Geschichte Jesu ursprünglich ein reiner Mythus, und zwar ein Gestirnmythus, wie alle ähnlichen Mythen der leidenden und sterbenden Götter Vorderasiens. Paulus, I. Kor.. 2. 8, läßt nicht irdische Gewalthaber, sondern die „Herrscher dieser Welt", d. h. die im Einfluß der Gestirne sich auswirkenden Dämonen, den „Herrn der Herrlichkeit" gekreuzigt haben. Für seine astrale Betrachtungsweise gibt er sehr instruktive Sterntafeln bei, welche die Nachprüfung seiner Behauptungen am Himmelsglobus entbehrlich machen. Er schließt seine Arbeit mit den bezeichnenden Worten: „Man hat vom Alten Tetament, sofern es die Darstellung einer idealen jüdischen Religion enthalten soll, als von der „großen Täuschung" gesprochen. Daß das Neue Testament in den Evangelien die Geschichte der Entstehung des Christentums als diejenige seines Stifters Jesus enthalte, ist — die größte Täuschung." Meö>Rat Dr. H. Haase. Robert Neumann, auf dessen Erstlingswerk „Die Pest von Lianora" wir vor ungefähr zwei Jahren als die Gabe eines viel versprechenden Dichters lobend aufmerksam machten, ist inzwischen insbesondere durch zwei ebenfalls im Engelhorn-Verlag. Stuttgart erschienene Bücher zu einem der bekanntesten deutschen Autoren der Gegenwart geworden. Es sind dies die Parodiensammlung „Mit fremden Federn" und die Reiseschilderungen „Jagd auf Menschen und Gespenster". Aus beiden spricht eine seltene vielseitige Begabung. Denn während Neumann im erstgenannten Buche sich „mit fremden Federn" zu schmücken versucht, d. h. uns die markante Schreibweise lebender und toter Dichter und Schriftsteller in äußerst gelungenen Beispielen lustig vor Augen führt, spricht er in der „Jagd" von selbst Erlebtem auf seinen südlichen Reisen, namentlich in Italien und der Türkei. Man beneidet ihn fast um das, was er gesehen, bewundert aber sicherlich die Art, wie er all dies zu sehen verstand und wie meisterlich er es uns miterleben läßt. Was wir vor zwei Jahren sagten, ist seither in Erfüllung gegangen: Robert Neumann ist ein Talent, das zu den wenigen zählt, die unser Oesterreich heute hervorbrachte. O. H. Schlesische Lebensbilder HL Breslau 1928, W. G. Korn. (Geb. Mk. 9.—.) Unter diesen „Schlesiern des 17. bis 19. Jahrhunderts" begegnen uns auch Juden wie der großzügige Jonas Fränkel, Begründer des Breslauer Jüd.-theol. Seminars, der Buchhändler und Historiker Priebatsch, Emin Pascha, der Großindustrielle Kaufmann Wollheim da Fonseca und der abenteuerliche Koref, außerdem einige in anderen Biographien. Für den Schlesier, der unter diesen für Breslau so bezeichnenden Gestalten so manchen guten Bekannten hatte, ist das glänzend ausgestattete Werk nicht nur ein Buch der Heimat, sondern auch eine Familiengeschichte, ein Stück- Autobiographie. Doch ragen die meisten der hier auftretenden Figuren aus dem engeren provinzialen Rahmen in die allgemeine deutsche oder gar Weltgeschichte so hinein, daß sie allgemeines Interesse in Anspruch nehmen. An einige hier Uebergangene, wie Willibald Alexis u. a., ist schon anderwärts erinnert worden. Ein Nachtrag wird sich ohnehin empfehlen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.