Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Stfte 15 Chewra Kadischa wurde. Freilich war es ein Kaiser, der diese Mitgliedschaft empfing, wenn auch ein „pensionierter". Das macht die Begebenheit auf der einen Seite noch interessanter, auf der anderen aber erklärlicher. Im Jahre 1848 hatte nämlich der damals 55 Jahre alte, etwas simpelhafte Kaiser Ferdinand von Oesterreich die Krone niedergelegt und lebte seitdem völlig zurückgezogen, umgeben von allerlei Spielwerk, in Prag. Er war sehr mildtätig, und das lenkte wohl seine Aufmerksamkeit auf die Prager Chewra Kadischa. Ihr trat er bei, und zwar unter der ausdrücklichen Bedingung, daß für ihn ein Jahr lang nach seinem Tode Kaddisch gesagt würde. Dr. P. Jüdische Sträflinxsiihsorge in Deutschland. Die anläßlich der Tagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden in Berlin anwesenden Mitglieder des Sozialen Ausschusses des Aligemeinen deutschen Rabbinerverbandes traten am 4. Februar unter Vorsitz von Herrn Rabbiner Dr. J. Horovitz, Frankfurt a. M., gemeinsam mit Vertretern der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, des Jüdischen Frauenbundes und der Arbeitsgemeinschaft für jüdische Gefährdetenfürsorge zu einer Besprechung über laufende Arbeiten zusammen. Es wurden insbesondere Fragen der Sozialen Gerichtshilfe und der Gefangenenfürsorge besprochen, u. a. der vorliegende Entwurf einer Dienstanweisung für jüdische Gefängnisseelsorger. Angeregt wurde u. a. die Schaffung einer jüdischen Zentralstelle, an die Mitteilung über jeden jüdischen Gefangenen zu gehen hat, der in einer Anstalt untergebracht ist, in der sich niemand um die jüdischen Gefangenen insbesondere kümmert. Erstrebt wird, daß die jüdischen Gefangenen aus dem ganzen Reich auf einige Anstalten konzentriert werden, in denen sie in religiöser Hinsicht entsprechend betreut werden können. Eine Liste geeigneter Bücher jüdischen Inhalts für Gefangenenbibliotheken soll angelegt und Jahr für Jahr nach Bedarf modifiziert werden. Auf Grund der außerordentlich fruchtbaren Aussprache wurde das nächste Arbeitsprogramm des Sozialen Ausschusses aufgestellt. „Ein guter Deutscher". Zum Thema „Die Kunst des Uebersetzers" sprach kürzlich im germanischen Seminar der Universität Berlin der bekannte Schriftsteller Ludwig Fulda. Die „Kreuzzeitung'* widmete diesem Vortrag eine äußerst anerkennende Besprechung. Sie sagte u. a.: „Kein Berufenerer konnte darüber sprechen als Ludwig Fulda, dem wir meisterhafte Uebersetzungen fremder Literaturwerke verdanken . . . Voraussetzung (für eine gute Uebersetzung) ist, daß der fremde Künstler mit uns verwandten Geistes ist. — . . . und deshalb muß der Uebersetzer, um zu wissen, was deutschen Geistes ist. ein guter Deutscher sein." Dem Dichter Ludwig Fulda wird also hier von einer den Antisemiten zum mindesten sehr, sehr nahe stehenden Seite mit vollem Recht bescheinigt, daß er ein Meister der deutschen Sprache und ein guter Deutscher ist. Ganz waschechte Antisemiten müssen über diese wohlverdiente Anerkennung heftig empört sein. Denn Ludwig Fulda ist bekanntlich jüdischer Abstammung. Und nach der „reinen" Lehre der Antisemiten darf ein Jude ja weder die deutsche Sprache richtig können, noch kann er gar ein guter Deutscher sein. Opfer des Numerus clausus. Der Universitätssenat in Debrecen hat den Universitätshörer Andreas David von dem Besuche aller ungarischen Universitäten ausgeschlossen, weil er, um zum Studium zugelassen zu werden, sich fälschlich als dem reformierten Glauben angehörend legitimierte, obwohl er jüdischen Glaubens war. Die Sache kam dadurch heraus, daß sich David im zweiten Semester schon als Jude meldete. Bei dem Verhör erklärte David, er habe nie den jüdischen Glauben verlassen, sah sich aber zu seiner falschen Erklärung gedrängt, weil ihm anders die ersehnte Universitätsbildung verschlossen geblieben wäre. —Wie verträgt sich dieser Vorfall mit der Erklärung des Unterrichtsministers Grafen Klebelsberg in einem Interview mit einem Mitarbeiter unseres Blattes, daß das konfessionelle Moment bei der Aufnahme an den Universitäten nicht mehr die Hauptrolle spielt? JAC. MAYER Kleider- und Gummimäntel-Industrie Export nach allen Ländern Wien II.» QlOCkengaSSe 24 Tetephon R 48-4-79 Humt und Literatur Der Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien veranstaltet Montag, den 4. März 1929. im Klubsaale der „Hakoalf, I.. Wipplinserstraße 24—26 (Cafe Altes Rathaus. Eingang durchs Haustor), einen Vortrag des Herrn Professors Juliusz W o 1 f s o h n: „Zur Geschichte der jüdischen Volksmusik". Beginn Vi8 Uhr abends. Eintritt frei. Gäste willkommen. Ein jüdischer Vortrag in der Leo-Gesellschaft. Zu dem unter diesem Titel in Nummer 7 der „Wahrheit" erschienenen Bericht über den Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. A. Kaminka in der Leo-Gesellschaft erfahren wir von zuständiger Seite. d;iß der Vortrag nicht über Aufforderung des Herrn Rektor Prof Dr. Iunit/.er. sonde -'i imer Wunsch des Herrn Rabbiner Dr. Kaminka gehalten wurde. Herr Rck;;r Prot. Dr. Innif/ef. der dem Vortruge selbst nicht beiwohnte, hat lediglich den Wunsch des Referenten an die kompetente Stelie weitergeleitet. Es wäre auch noch festzustellen, daß der Vorsitzende der Versammlung. Professor Dr. Gabriel in seiner Rede immerhin Bedenken über die Interpretation mancher Psalmen durch Dr. Kaminka äußerte. „Frau öroener stellt richtig." Auf Grund des § 23 des österreichischen Pressegesetze* fordere ich die Aufnahme der nachstehenden Berichtigung der in der Nummer 48 Ihrer Zeüsehriii in dem Autsatze ,.frrau Groener stellt richtig" enthaltenen unrichtigen Tatsachen: Sie schreiben: „Jedenfalls wird Spinoza als ein zersetzender, todbringender und gefährlicher Jude dargestellt." Demgegenüber berichtige ich: es ist unwahr, daß Spinoza als ein zersetzender, todbringender und gefährlicher Jude dargestellt wird. Wahr ist vielmehr, daß in meinem Buche „Weibeslehre" die einzige Steile (S. S3), die sich mit Spinoza betaßt. sagt: „Das Judentum bescherte uns einen errechneten Gott mit Hüte des Klugen Spinoza." Maria Groener. Arthur Drews. Das Marcus-Evangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu. Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena 1928. Unser Abraham Geiger sagte einmal: „In der Erklärung der biblischen Urkunden prägt sich am schärfsten das religiöse Bewußtsein der Zeit aus." So muß es als charakteristisches Zeichen unserer Zeit gelten, daß in ihr Bücher, wie die von Drews geschrieben werden, dem der „Glaube" nur das „Wissen" der Vergangenheit bedeutet, dem heute keine innnere Überzeugungskraft mehr innewohnt. Das Marcus- Evangelium gilt bei den Theologen als eine Geschichtsquelle ersten Ranges, auc welcher das „unverkennbar frische Bild" des „geschichtlichen Menschen Jesus" noch durch die christclogische Uebermalung hindurchleuchtete. Drews stellt es ..als eine reine Dichtung hin, entworfen im engsten Anschluß an das Alte Testament, an die Vorbilder eines Abraham, Moses, Elia, Elisa. Jona, und die sogenannten Weissagungen der Propheten, ausgeführt in Hinblick auf den Gang der Sonne durch die Tierkreiszeichen und die zu diesen gehörigen Begleitsternbilder". Es ist nun ganz erstaunlich, mit welcher stupenden Vertrautheit der Verfasser diese alttestamentlichen Bestandteile aus jeder einzelnen Zeile des Evangeliums mit mehrfachen Zitaten aus dem Canon zu belegen vermag; wie er sich jenem Rabbi Samuel gleich am Himmelsglobus so gut. wie in den Straßen seiner Vaterstadt auskennt und die in den Sternbildern fixierten Grundlagen der Mythen glaubwürdig aufzeigt: wie er das ethische Ziel der jesusgläubigen Sektierer in den Reden der jüdischen Propheten vollkommen erschöpfend vorweggenommen erweist. Er nennt die Jesus in den Mund gelegten ..Aussprüche" eine Zusammenfassung und Neuformulierung des Besten, was die jüdische Spruchweisheit während der letzten Jahrhunderte zutage gefördert, „zeigt, wie ihre Ethik in Jesus Sirach, in den gleichzeitigen Teilen des Talmud, den Sprüchen, dem Weisheitsbuche und dem Buch fliob enthalten ist und insbesondere auf die späteren Mosesbücher, die Psalmen und Propheten. Auch Detail verkauf zu Fabrikspreisen! 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