Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite \ö nicht damit rechnen können, dauernd auch in manchen Kreisen, die persönlich mit Zion nichts zu tun haben, auf eine ihnen entgegenkommende Stimmung zu stoßen. Zeiten ändern sich, inzwischen werden sich die Zionisten in eine Minderheitenposition hineinmanövriert haben, was selten angenehm ist und in der Regel seine Konsequenzen hat. Wenn sie trotzdem aus Ucberzeugung dabei bleiben, daß sie nicht zur deutschen Nation gehören, so ist dann weiter nichts darüber zu sagen. Es handelt sich hier auch nicht um sie, sondern um die anderen. Die deutschen Juden befinden sich nicht in derselben Situation wie die englischen. Es gibt britische Untertanen, die Araber sind, es gibt ebenso Inder und noch so manche, warum sollten nichc auch britische Untertanen ihr Nationalheim in Palästina sehen, das sich ebenfalls in britischen Händen befindet? Sie können es um so leichter tun, als verschiedene Anzeichen vorliegen, daß Palästina in absehbarer Zeit ein englisches Dominion sein wird. Unter den Zionisten selber wächst die Neigung zu dieser völkerrechtlichen Umgestaltung, und wir begreifen das. Wenn Palästina ein Teil des britischen Reiches wird, dann kann England es schon aus Prestigegründen nicht mehr preisgeben, wenn es nicht durch weltgeschichtliche Vorgänge dazu gezwungen wird. Solange das nicht der Fall ist, werden die Juden in Palästina wenigstens einigermaßen gesichert sein. Sie würden wahrscheinlich einem sehr bedauerlichen Schicksal entgegensehen, wenn England Palästina verließe, und das könnte es. das würde es als bloße Mandatsmacht ganz gewiß mit kalter Rücksichtslosigkeit tun, wenn irgendwelche Umstände, die man heute freilich nicht vorhersehen kann, es ihm angezeigt erscheinen ließen. Es ist also auch noch damit zu rechnen, daß Palästina aus einem englischen Mandat ein Dominion werde, eine weitere Erleichterung für englische Juden, eine weitere Erschwerung für deutsche und andere. Ein Dominion ist zwar eine Selbstverwaltung, aber es gehört zum britischen Reich. Welche Schwierigkeiten sich daraus für deutsche Juden ergeben können, kann sich jeder selber sagen. Aber das ist noch nicht alles. Die Zionisten werden das ganz natürliche Bestreben haben, die Nichtzionisten und ihre Organisationen möglichst weit zu sich herüberzuziehen, und es müßte mit sonderbaren Dingen zugehen, wenn ihnen das nicht bis zu einem gewissen Grade gelänge, zumal bei ihrer Intensität. Korporative Gemeinsamkeit hat allemal auch psychologische Veränderungen zur Folge, denen man sich kaum entziehen kann. Es bleibt auch zu bedenken, welche Wirkung diese Kooperation allmählich auf die breiten Schichten des Volkes ausüben würde, in dem die Juden leben. Ebenso wie der Satz der Balfour-Deklaration, der die Stellung der Juden in den Heimatländern sichern will, unter Umständen nur auf dem Papier stünde, würde vielleicht auch eine Gegendeklaration, die das Naüonalheim für das jüdische Volk ablehnt, nicht ausreichen, um nichtzionistische Juden vor unerwünschten Folgen zu bewahren. Wer sich in eine neue Situation begibt, die immerhin, trotz allen Vorbehalten, auch einen politischen Charakter hat, muß auch mit der politischen Psychologie rechnen, die geneigt ist, Dinge und Personen zusammenzuwerfen, die zwar nicht zusammen gehören oder gehören wollen, aber doch den Anschein erwecken, als sei es der Fall. Wir verkennen freilich nicht, daß sich manche deutsche Juden, die keine Zionisten sind, vor einer Entscheidung befinden, die nicht leicht ist. Es ist uns bekannt, daß in diesen Kreisen die Stimmung oder die Auffassung herrscht, die Juden könnten das Palästinawerk, nachdem es nun einmal begonnen ist, nicht im Stiche lassen, ohne daß dies auf die Juden selbst, gleichviel welcher Richtung sie angehören, einen Makel würfe. Hierüber zu streiten, erscheint uns zwecklos, denn es handelt sich da insbesondere um Gefühlsfragen, und darüber kann man nicht diskutieren. Wir betrachten es auch nicht als unsere Aufgabe, den nichtzionistischen Juden einen Rat zu geben. Wir haben die heutige Situation so dargelegt, wie wir sie sehen. Die Beteiligten müssen selbst wissen, was sie tun sollen. Jedenfalls aber stehen sie vor einer Beschlußfassung, die manches Spätere mitentscheidet. Die liberalen Juden Englands zur Agency. „Jewish Religions Union Bulletin", das Organ des liberalen Judentums in England, nimmt in seiner letzten Nummer in folgender Weise Stellung zu der Frage der Teilnahme liberaler Juden an der Erweiterten Jewish Agency: Das Aktionskomitee der Z. O. hat den von Dr. Weizmann und Louis Marshall entworfenen Plan für Erweiterung der Jewish Agency gebilligt. Einige Mitglieder des Aktionskomitees hielten zwar an der Opposition bis zum Ende fest, aber diese Opposition ermangelte schon deshalb des Nachdrucks, weil ihr einziges Argument das der Furcht war; Furcht davor, daß du- Mitarbeit der Nichtzionisten am Aurbau Palästinas zu einer Zerstörung des Zionismus führen könnte. Furcht ist immer ein schlechter Berater gewesen. Die Opposition wird lerner durch die bestehende Not paralysiert. Die Arbeit in Palästina droht wegen Geldmangel zusammenzubrechen; die Nichtzionisten müssen einspringen. Der einzige Weg. von dieser Seite Mittel zu bekommen, ist der. den Geldgebern gewisse Rechte einzuräumen, über die Verwendung der Mittel mitzubestimmen. Die iurchtsamen Zionisten stehen vor dem Dilemma: Soll Palästina untergehen, aber der Zionismus leben, oder soll Palästina leben, auch wenn der Zionismus untergeht? Der Nichtzionist hat nicht mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen. Tatsachen und Umstände lassen das zionistische Endziel als unerreichbar erscheinen. Die Formel vom jüdischen Nationalheim in Palästina bleibt bestehen, aber nur als eine Formel. Eine halbe oder sogar eine volle Million in Palästina angesiedelter Juden reicht nicht hin, ein Jüdisches Nationalheim zu bilden. Palästina könnte zwar ein Nationalheim für eine halbe Million Juden werden, nicht aber ein Nationalheim des Judentums. Die britische Interpretation des Mandates, die Haltung der Araber und natürliche Schwierigkeiten lassen dies ausgeschlossen erscheinen. Obwohl der Nichtzionist die Formel „Jüdisches Nationalheim" nicht billigt, gelüstet es ihn nicht, über ein Schattengebilde zu streiten. Und wenn ihm ernste Gründe die Schlußfolgerung aufzwingen, daß in Palästina hilfebedürftigen Juden geholfen werden kann, wird sein Hilfsbedürfnis die Abneigung gegen die Formel überwinden. Ueber eines aber muß sich der Zionist klar werden: Seine Mitarbeit am Aufbau Palästinas bedeute nicht die Aufgabe seiner Opposition gegen den Grundgedanken des Zionismus, daß tiie Juden eine Nation sind. Als amerikanischer, deutscher oder französischer Jude ist er bereit, den palästinensischen Juden zu helfen, in nationaler Beziehung aber bedeutet ihm Palästina nichts, kann ihm auch nichts bedeuten. Dies ist nicht bloß eine theoretische Erklärung, sondern es hat praktische Konsequenzen. Die ganze Lebensführung eines Juden erhält ihre Farbe davon, ob er das Judentum als Nation ansieht oder nicht. Der Jude, der an jüdische Nationalität nicht glaubt, nimmt vollen Anteil am Leben und der Kultur seiner Nation. Die liberalen Juden in Deutschland haben einen Vorbehalt bezüglich ihres Eintrittes in die Jewish Agency vorgeschlagen. Sie wünschen ein Staatement. welches ihre Haltung gegenüber dem Zionismus anerkennt. Es ist nur natürlich und richtig, daß klar gemacht wird, daß die Jewish Agency. wenn sie Nichtzionisten einschließt, dem jüdischen Nationalismus nicht ausgeliefert wird. Die Jewish Agency ist weder zionistisch noch antizionistisch, sondern eine Organisation, die den Juden Palästinas wirtschaftliche Hilfe seitens amerikanischer, deutscher, englischer usw. Juden bringen soll. Die Nichtzionisten mögen in aller Aufrichtigkeit um die Feststellang ersuchen, daß die Jewish Agency eine nationale Bedeutung nicht hat und die Zionisten mögen in gleicher Aufrichtigkeit zu einer solchen Feststellung bereit sein. CfCltQS I-HOT6A1SE-1 PUMite 15 jährige für zwei Monate in eine gute Familie geben, wo 1—2 junge Mädchen sind. Als Gegenleistung nehme ich die Tochter der betreffenden Familie im Sommer mit uns ans Meer. Antworten mit voller Adresse unter „BBflapCSfer HaOSfteSlfZer" an Rudolf Mosse, Wien I., Seilerstätte 2, erbeten.