Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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mWAHSßEIf Seit© tl et&ffentlichun&ei* dcc Unicn deutfcfocstevveicKiscKev öuclan %fbpeukata»kente^9^ Wten,lX.*Baeggaefe 4 TeUfa^19-l-77 Der 5. Sprechabend. Die „Union deutschösterreichischer Juden" hat auf ihrem fünften Sprechabend, der am 23 v. M. im Arkadencafe stattfand, einen Versuch unternommen, der als durchaus gelungen zu bezeichnen ist. Dem Wunsche zahlreicher Mitglieder folgend, auch einmal ein religionsphilosophisches Thema behandeln zu lassen, hat das Präsidium an Herrn Rabbiner Prof. Dr. M. Bauer eine Einladung zu einem Vortrage ergehen lassen. Herr Rabbiner Professor Dr. M. Bauer hatte die große Freundlichkeit, dieser Einladung Folge zu leisten, und sprach in ungemein geistvoller Weise über „Das Problem der Leiden in der Bibel". Das zahlreiche Publikum folgte mit Aufmerksamkeit und Spannung den interessanten wissenschaftlichen Ausführungen des Redners, dem es am Schlüsse mit lautem Beifall für den gebotenen Genuß dankte. Der Vortragende ging davon aus. daß das Problem der Leiden so alt sei wie die Leiden selbst, weil es in der Natur des Menschen liegt, über ein ihn betroffenes Leid nachzudenken, zu fragen, warum dieses ihm zugestoßen und welchem Zwecke es diene. Die einfachste Lösung, die natürlichste Antwort auf die Frage, er habe sicherlich dieses Los verdient, er habe gewiß irgendwie gefehlt, gesündigt, wofür er nun bestraft wird, will der Mensch nicht gelten lassen, weil sich ein jeder für gut und gerecht hält, darum die Theorie, das Leid sei eine gerechte Strafe für seine Sünde, nicht akzeptieren kann. So hadert er mit der Gerechtigkeit Gottes, und das Problem wird dadurch ein religiöses und im höchsten Sinne ethisches. Da nun das Leid erfahrungsgemäß aus keines Menschen Leben wegzudenken ist, fällt das Alter des Problems mit dem der Menschheit überhaupt zusammen. Es ist nun begreiflich, daß man sich von altersher mit demselben beschäftigt und die verschiedensten Lösungsversuche gemacht hat. Die schon an sich zweifelhaften Lösungsversuche der heidnischen Religionen reichten an die Größe und Schwierigkeit des Problems nicht heran, mußten dann mit dem Bankrott der Götterwelt völlig Schiffbruch erleiden. Der „Glaube" der Alten wurde vom „Denken" abgelöst, und so sehen wir das Problem einen großen Raum im philosophischen Denken der Menschen einnehmen. Eine bedeutende Rolle spielen da die griechischen Denker, die in den einander ablösenden Schulen teils unabhängig von einander, teils einander ergänzend und korrigierend hierzu Stellung nehmen. So wertvoll aber auch diese Versuche an sich sein mögen, sie können nicht befriedigen, weil sie selbst in dem Idealbild eines „Weisen", wie es Sokrates aufstellt, sogar in dem „Hochherzigen" des Aristoteles, nur auf das eigene Leid bedacht, auf des anderen keine Rücksicht nehmen, aber auch an den einzelnen Forderungen zur Ueberwindung der Leiden stellen, die über menschliche Kraft hinausgehen. Gar nicht zu reden von den Fatalisten und Stoikern, deren Rezepte zu unzulänglich sind, um sich in der realen Welt mit ihren Leiden und Schmerzen zurechtzufinden. Die römischen Denker, diese gelehrigen Schüler der Griechen, haben wieder zur Religion Zuflucht genommen, arteten aber schließlich in Askese und Mystizismus aus. Die jüdische Bibel, die einen gütigen, gerechten Gott verkündet, muß mit ihrem Optimismus erst recht zu diesem Problem Stellung nehmen, welches durch die Frage nach dem „Glück der Gottlosen" und dem so häufigen „Leiden der Gerechten" nur noch komplizierter wird. Mit der Bitte: „Laß mich — o Gott — deine Wege kennen lernen", hat bereits Moses darauf hingewiesen. Auch die Propheten, namentlich Jeremia und Maleachi kommen darüber nicht hinweg, wie auch Jesaja sich vielfach mit den Leiden des „Gottesknechtes" beschäftigt. Besonders sind da die Psalmen hervorzuheben, die das Thema mannigfach variieren und dadurch zu erledigen suchen, daß das Glück der Bösen nur ein scheinbares, bestenfalls eai ephemeres sei — lehischomdom adej ad —. während die Gerechten wie die Palme biühen und im Greisenalter noch Früchte tragen — Zaüüik katomor jiiroch. typisch geradezu ist für diese Fragen das Buch Hiob, dessen Titelheld ein Leidensheld ist, jenes Buch, welches mit Recht die Hausapotheke der leidenden Menschheit genannt wird. Bei dem untadeligen Wandel des Helden kann das Leid, das ihn trifft, wohl nicht vindikativ, strafend aufgefaßt werden; es hat vielmehr medizinalen Wert, damit der Mensch geläutert, gebessert und geprüft werde, ob er auch im Leid und Unglück sich bewähren wird. Der leidende Mensch aber braucht von diesen Gründen und Zwecken der Leiden nichts zu wissen, er muß vielmehr das Gute tun, um des Guten willen — schelo al menas lettabbel peras. Liebevolles Verständnis für das Leid des Nebenmenschen verlangt die Bibel in ihren Geboten der Wohltätigkeit und Nächstenliebe, namentlich den Schwachen und Fremden gegenüber, deren Gemütszustand wir ja kennen von Mizrajim her. So erblüht aus dem Leid — Mitleid, die schönste Frucht jenes Lebensbaumes — Ez chajjim —, der uns die Thora stets war und bleibt. Ueber alles Erdenleid aber erhebt uns die Bibel mit ihrem Trost und Hinweis auf eine andere Welt, wo alle Dissonanzen sich auflösen, alle die hiernieden unlösbaren Fragen ihre Erledigung und die bekümmerten Seelen ihre Ruhe finden werden. Stehen wir auch dem Schicksal machtlos gegenüber, können wir auch das mit dem unvollkommenen Menschenleben verknüpfte Leid nicht ganz bannen, so sind wir doch imstande, es erträglicher zu gestalten durch gläubigen, hoffnungsvollen Sinn für uns selber, für die Mitmenschen aber lindern durch Milde und Barmherzigkeit, zu denen uns die Thora aufruft und auffordert. All ihres Erkennens. zu dem uns die Thora erzieht, all ihrer Weisheit, die sie uns vermittelt, letzter Schluß lautet: „Fürchte Gott und halte sein Gebot, denn das ist der ganze Mensch!" In diesem Sinne ist das Wort Steinthals zu beherzigen: „Selbst leidend, hilf den Leidenden!" In der Debatte sprachen Präsident Dr. J. 0 r nstein, Dr. J. Ticho und Ortsschulrat Alt. In seinem Schlußworte beschäftigte sich Rabbiner Professor Dr. M. Bauer mit dem Gebot der Nächstenliebe, das bedinge, daß von Menschen geschlagene Wunden auch von den Menschen geheilt werden. Dies liege in den Intentionen aller Gutgesinnten, auch der „Union". Zur Agency-Diskussion. Wir veröffentlichen nachstehend zwei beachtenswerte Aeußerungen zur Frage der Erweiterung der Jewish Agency und behalten uns eine eigene Stellungnahme für später vor. Ein Leitartikel der „Frankfurter Zeitung". Aus der Abendausgabe vom 29. Jänner 1929. Der Zionismus hat sich in den letzten Jahren aus Mangel an finanziellen Mitteln in einer so kritischen Lage befunden, daß zeitweise schon von einer Katastrophe gesprochen wurde. Es war aber anzunehmen, daß es dabei nicht sein Bewenden haben werde. Die Zionisten haben eine sehr lebhafte Agitation geführt, deren wichtigstes Ergebnis darin liegt, daß die Jewish Agency nunmehr auf eine breitere Basis gestellt werden wird, wovon sie sich nicht ohne Grund eine Vermehrung ihrer Mittel erwarten. Eine Hilfe kommt ihnen aber auch direkt von England, das allerdings nicht daran denkt, sich in Un-