Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT gezwungen, seine Armee aufzulösen und an deren Stelle ein wenige tausend Mann starkes, gut bezahltes Söldnerheer zu setzen, dem die bulgarischen Juden sich fernhalten und von dem sie auch wohl ferngehalten werden. Nicht nur die Vorbilder westeuropäischer Staaten haben dazu geführt, daß nach dem Weltkrieg auch bulgarischerseits den Juden stillschweigend Aemter und Würden in Regierung und Verwaltung versagt wurden. Die durch den unglücklichen Kriegsausgang geschaffene Situation hat durch die entstandene Notlage der nichtjüdischen Bevölkerung den Juden erheblichen Schaden zugetügt. Begreifliche Unzufriedenheit rief der durcfi die für Bulgarien ungünstigen rneüensscniüsse bedingte Abbau der aktiven Offiziere und der Mangel an geeigneten Unterkommen rür diese m anderen Berufen üervor. L>ie dem Lande auferlegten Keparationen und im Uetoige davon eine wenn auch im Veigieicn zur österreichiscnen mäliigeie inuauon zur veiarmung der Bevölkerung beitrugen, uie nacn Bulgarien aus den auf ürund der rnedensvertrage abgetretenen Uebieten zurückströmenden rlüchtnnge bractnen dem Lande neue borgen, tlinzu kommt nocn eine üeöertüüung aller kauimännischen und rreien Berure, die eine Unterbringung besonders der üinziere geradezu unmöglich machte. Durch diese Tatsachen hat sich die Abneigung gegen die seit vielen vielen Jahren in Bulgarien handeltreibenden Juden noch gesteigert» die allerdings nicht direkt als offener Antisemitismus, sondern eher in kleinlichen unangenehmen Schikanen zum Ausdruck kommt. Im übrigen aber bemüht sich der Staat nach Krauen, Terror und Ungerecntigtceit gegenüber der jüdischen Bevölkerung zu vermeiden und zu vernuten. Wohl haben gewisse Teile der ziemlich mächtigen und einttuUreichen Müitarpartei, die sich hauptsächlich aus Ottizieren der ehemaligen Armee zusammensetzt, wiederholt versucht, örfenthch und geheim gegen die Juden, deren Einfluß und Keichtum zu hetzen und auizuwiegeln. Der Kegierung ist es aber immer wieder gelungen, die Gemüter zu beruhigen und die Schreier in die Schrämten zu weisen. Der Selbsterhaltungstrieb schon schreibt der Kegierung diese Haltung vor; sind es doch die Juden, die den Handel und die junge langsam aufblühende Industrie Bulgariens zum grollen Teil in der Hand haben und zum allgemeinen Wohlstand des Landes beitragen. Ein anderes Moment der Beunruhigung — und das ist vom deutschen Standpunkt aus besonders bedauerlich — trugen junge Studenten in das Verhältnis zwischen Nationalbulgaren und Juden. Junge Angehörige der autgeweckten und ehrgeizigen bulgarischen Intelligenz wurden, wie schon immer, auch zu Zeiten der deutschen inuauon zum Studium an deutsche Universitäten geschickt und nahmen sich hier die Mentalität völkischer, antisemitisch gesinnter deutscher riochschulbesucner zum Vorbild; diese brachten sie mit ihrer Rückkehr auch in ihre Heimat, macnten sie nun bulgarischen Juden gegenüber geltend und stifteten Unruhe. Versuche dieser Gruppe, den Radauantisemitismus in Bulgarien einzuführen, wurden von der Regierung unterdrückt und die bulgarische studentische Jugend eines Besseren belehrt. Nationalistische Verbände und Vereine suchen natürlich auch hier weiterhin Mittel und Wege, um Anhänger und Zulauf für ihre antisemitischen Tendenzen zu gewinnen. Einsichtige und maßgebende Bevölkeiungsteile aber, die die wertvollen Eigenschatten des jüdischen Elements für Bulgarien richtig einschätzen, lehnen, jedenfalls nach außen hin. ein Eingehen aut judenfeindliche Propaganda ab. Wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, kommt der Antisemitismus in einer scharfen oder gar terroristischen Form in Bulgarien nicht zum Ausdruck. Die hier ansässigen Juden gehen ihren Geschäften sowie ihren sonstigen Interessen nach und werden im großen und ganzen in keiner Weise behindert. Es wäre sogar wünschenswert, daß die Regierungen und der nichtjüdische Bevölkerungsteil auch in den anderen Ostländern eine ähnliche Loyalität walten ließen, damit auch in diesen Staaten eine Beruhigung unter den jüdischen Einwohnern einzieht. Sie würde dem Aufblühen dieser Länder dienen KleiderkreditZaklbar etne8 ■ Sämtliche Herren- und Damenkleider 5 Nar Qualitätsware! nach Maß sowie fertig lagernd. Billigste Preise! ■ KLEIOERHAUS WERTER, WIEN XVI., ■ Telephon A 1-501 Ottakrlngerstrafi« 17 Telephon A 1-501 J! Amtliche Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Mannigfachen Wünschen aus dem Kreise der Gemeindemitglieder entsprechend, sieht sich der Vorstand der Israelitischen Kuitusgemeinde veranlaßt, die nachstehenden statistischen Ergebnisse des Friedhofs- und Beerdigungswesen zu verlautbaren : Im Jahre 19 2 8 wurden von der Israelitischen Kultusgemeinde vollzogen: 2548 Beerdigungen gegen 2632 im Jahre 1927. 66 Ueberführungen „ 59 „ 170 Kremationen „ 171 „ _19 Exhumierungen 16 2803 gegen 2878 im Jahre 1927. Von den 2548 Beerdigungen entfallen auf: Zentraifriedhof: I. Tor . . 751 Beerdigungen, 14 Exhumierungen, III. Tor . . 1752 „ 5 Floridsdorf.....12 „ — interkonfessionelle Friedhöfe . . . . 33_„_—_„_ 2548 Beerdigungen, 19 Exhumierungen. Nach Klassen geordnet, verteilen sich die Beerdigungen wie folgt: im Jahre 1927: 42 Beerdigungen I. Klasse........gegen 46 86 „ II............, 155 524 „ III. „ ........., 548 714 „ IV. ,. voll bezahlt..... 815 375 IV. „ ermäßigt...... 300 35 „ Kinder, bezahlte..... „ 35 12 „ Türkische Abteilung..... 23 4 „ Ehrenklassen......... 13 629 „ Erwachsene, gratis .... „ 569 127 „ Kinder, gratis...... „ 128 2548 Beerdigungen gegen 2632 im Jahre 1927 Im Jahre 1928 wurden 3560 Bewilligungen ausgefertigt, und zwar: Zentraifriedhof pfi^hot Zu8animen Für Grabsteinstellungen.....183 1014 1197 „ Namenstafeln ........ 68 145 213 „ Einfassungen und Gitter ... 58 273 331 Deckplatten........ 21 65 86 „ Hügelgitter........59 119 178 Nachschriften....... 431 117 548 .. Fundamente...... . . — 1007 1007 820 2740 3560 Im Jahre 1928 wurden weiters 23 definitive Grabstätten-Reservierungen durchgeführt. Die Aufforderung an die Gruftstellenbesitzer des Zentralfriedhofes zur Bezahlung eines freiwilligen Friedhof-Erhaltungsbeitrages hatte folgendes Ergebnis: Von den 1177 h. a. vorgemerkten Gruftstellen am Zentralfriedhofe I. Tor haben im Jahre 1928 171 Parteien gegen 200 im Vorjahre einen Erhaltungsbeitrag entrichtet. Die Summe des Einganges hierfür beträgt S 11.006.— gegen S 12.783 — im Jahre 1927. Das prozentuelle Verhältnis der Einäscherungen von Juden im Vergleiche zur Gesamtzahl der im Krematorium der Stadt Wien vorgenommenen Einäscherungen stellt sich wie folgt: hiervon Im Jahre: insgesamt: mosaisch: Prozent: 1924 1417 182 12,8 1925 1880 161 8.6 1926 2384 216 9 1927 2915 237 8,12 1928 3130 252 S,Ö$