Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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bit WAHRHEIT Seite 9 semitischer Anwalt den antisemitischen Mörder, den er nach vollbrachter Tat verherrlicht hatte, im Gerichtssaale als — Irrsinnigen hinstellte, um ihn vor der Strafe zu schützen. Deutsche Blätter berichteten dieser Tage über die Exzesse, die hakenkreuzlerische Studenten vor der Rampe der Berliner Universität verübten. Die Skandalmacher überfielen Studenten, die sie für Ausländer oder Sozialdemokraten oder Juden hielten und mißhandelten sie unter Hochrufen auf Hitler. Loyalerweise sei konstatiert, daß mit Hitler zugleich nicht auch Hermann Bahrs Name gefeiert wurde, und er somit vor der Schmach bewahrt wurde, bei dieser Gelegenheit den Dank jener Jugend zu empfangen, der er vor kurzem erst das schmeichelhafte Zeugnis ausstellte, sie repräsentiere derzeit die „reinste Kraft" des Deutschtums. Exkaiser Wilhelm, der in seinem Exil immer mehr darauf bedacht ist, sich wenigstens die antisemitischen Sympathien zu sichern, wird durch die aus dem Nachlasse seiner kaiserlichen Mutter veröffentlichten Briefe in eine Beleuchtung gerückt, die sein Bild gerade nicht in Schönheit erstrahlen läßt. Man erkennt aus den Klagen dieser Mutter, die ein tragisches Schicksal mit der Würde einer edlen Märtyrerin trug, in wie vielem sich dieser Sohn von seinen hochherzigen, freisinnigen Eltern unterschied. Auch in dem Punkte, der das ganz besondere Interesse der Juden erregen muß: in der Judenfräge. Die Kaiserin war die echte Tochter jener englischen Königin, die wahrhaft vorurteilslos allen Bürgern ihres Staates gegenüber war und in Lord Beaconsfield, der nie seinen Stolz auf die jüdische Abstammung verleugnete, den von ihr verehrtesten Ratgeber und Staatsmann gefunden hatte. Die Mutter Wilhelms teilte auch voll und ganz die Gesinnung ihres edlen Gatten, der den Antisemitismus als „die Schmach des Jahrhunderts" gebrandmarkt hatte. Wilhelm II. hat aber nicht nur die Prinzipien, sondern auch die Gefühle seiner Mutter mißachtet. Die Juden dürfen sich wahrhaftig leicht darüber trösten, daß er keine gute Meinung von ihnen hat. General Ludendorff erfährt ein mehr als hartes Schicksal. Durch Reden auf seiner jüngsten Agitationsreise durch Pommern ist es ihm sogar gelungen, die Sympathien des „Stahlhelms" zu verscherzen. In Versammlungen von alten Frontsoldaten wurde nachdrücklich darauf hingewiesen, daß durch Ludendorff oder durch seine Frau — oder vielleicht durch die gemeinsamen Bemühungen beider — nicht nur die „Frontsoldaten lächerlich gemacht werden, sondern auch der nationalen Front Abbruch geschehe." In mehr oder minder schonender Weise wird bemerkt, daß der geistige Niedergang Ludendorffs (unter dessen Kommando einst die stolzen Armeen Deutschlands standen), seitdem er unter das Kommando seiner Gattin gelangt, immer rapidere Fortschritte mache. Man sieht, das Rätsel, daß Ludendorff seine Weisheiten über die Judenfrage aus dem vertrottelten Machwerke „Die Protokolle der Weisen von Zion" holte, findet alimählich seine ganz plausible Erklärung. * * * Ein vor wenigen Tagen erflossenes Urteil der königlichen Kurie zeigt wieder, daß die ungarische Justiz bestrebt ist, der zivilisierten Welt zu demonstrieren, daß die gesetzliche Gleichberechtigung aller Bürger kein Märchen ist. Der Abgeordnete Paul Sandor, der nicht nur mit den Waffen des Geistes für die Ehre seiner Glaubensgenossen kämpft, wurde vor kurzem wegen einer Duellaffäre zu fünf Tagen Arrest verurteilt. Seinem Duellgegner, einem rassenschützlerischen Abgeordneten, wurden aber nur drei Tage Arrest diktiert. Die königliche Kurie als zweite Instanz hat das Urteil abgeändert und verhängte über die Duellgegner die gleiche Strafe. Man kann sich lebhaft vorstellen, mit welch freudiger Genugtuung insbesondere die wegen des Numerus clausus exilierten jüdischen Studenten dieses Zeichen der fortschreitenden Anerkennung der Gleichberechtigung begrüßen werden. Ego. Bulgarien. Wie andere Länder, so hat auch Bulgarien im gewissen Sinne seinen Antisemitismus. Es muß allerdings von vornherein gesagt werden, daß die judenfeindiiehe Tendenz nicht in so scharfen Formen zum Ausdruck kommt, wie in Rumänien, Ungar» und zeitweise den Ländern Mitteleuropas. Einen kleinen Prozentsatz der bulgarischen Judenschaft bilden die in den letzten Jahrzehnten aus der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, aus Rußland usw. eingewanderten deutschsprechenden aschkenasischen Juden. Die Mehrheit bilden jedoch die in Bulgarien, bzw. den früher türkischen Gebieten seit Jahrhunderten ansässigen sogenannten spaniolischen (sephardischen) Juden, die größtenteils bulgarischer, teilweise aber auch fremder Staatsangehörigkeit sind und sich bei aller Loyalität gegenüber Bulgarien doch immerhin, wie dies im Orient alle Rassen, Nationen und Religionen tun, als ein besonderes nationales Gebilde betrachten. (Uebrigens nicht nationaljüdisch im zionistischen Sinne). Sie widmen sich in der Hauptsache kaufmännischen, aber auch gewerblichen Berufen jeglicher Art und können von alters her als die eigentlichen Träger des bulgarischen Handels angesprochen werden. Zum kleineren Teil betätigen sie sich in freien Berufen und leisten als Aerzte, Rechtsanwälte Tüchtiges. Sie werden von den Bulgaren in ihrer Gesamtheit geschätzt und geachtet Sie bedienen sich ihrer spaniolischen Muttersprache. deTen Grundlage das zur Zeit ihrer Austreibung aus Spanien daselbst gesprochene Spanisch bildet, aber mit türkischen, bulgarischen usw. Wendungen stark durchsetzt ist. Sie sind aber fast ohne Ausnahme der bulgarischen Sprache mächtig. Schon der Sprachunterschied trägt zu der gesellschaftlichen Kluft bei, die sich zwischen Nationalbulgaren und Juden herausgebildet hat. Diese Trennung wird von jüdischer Seite nicht zu vermindern gesucht, vielleicht weil man glaubt, daß dahinzielende Bemühungen das Mißtrauen auf der anderen Seite noch verstärken würden. Selbst die Berührungspunkte, die durch Handel und Wandel ohne weiteres gegeben sind, können in gesellschaftlicher Hinsicht keine Brücke von der einen Seite zur anderen schlagen. Die Isolierung der Juden, teilweise durch eigenen Willen hervorgerufen, ist somit fast vollständig, und diese Abgeschlossenheit konnte nur dazu beitragen, daß bei den Bulgaren Neid und Mißgunst mehr und mehr Platz griffen. Diese beiden Eigenschatten der Bulgaren müssen unbedingt als ein Ausdruck von Antisemitismus gewertet werden, wenn sie auch nur in gemäßigter, nicht in brutaler Form zutage treten. Noch in den Balkankriegen und bis zum Weltkrieg hatten Juden hohe Stellen in der Armee inne und bekleideten Aemter in Staat und Verwaltung. Die Lage hat sich seitdem geändert. Infolge der Friedensverträge war Bulgarien