Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 9 (1.3.1929)
- Date
- 1929-03-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 gange weihend — ich begreife nicht die Aufforderung, es zu lieben; mitallenKräftenmeiner Seele hasse ich es und hasse es und hasse e s!" Wie vermag ein solch haßerfüllter Mann kulturell zu wirken? Solche Männer hetzerischen Treibens tragen dazu bei, jedes auf Sittlichkeit gegründete Gebilde dem Untergang zu weihen. Wie einseitig Chamberlains Urteile sind, geht auch daraus hervor, daß er z., B. H a e c k e 1 und 0 s t w a 1 d „als Denker für geradezu beschränkt, eigentlich dumm" hält, Professor J o d 1 bezeichnet er als „Typus des ganz flachen Denkers ohne alle Tiefe, ohne jede wahre Besinnung". Chamberlain hat auch ein Werk über Kant geschrieben und als „Einführer in Kant" empfiehlt er Laßwitz. Er weiß wahrscheinlich nicht, daß Laßwitz jüdischer Abstammung ist. Zeugt es nicht von undankbarer Gesinnung, die er allerdings mit seinem Schwiegervater gemein hat, wenn man bedenkt, daß Generaldirektor HermannLevy, der Sohn eines Rabbiners, der bedeutendste Interpret der Schöpfungen Richard Wagners ist? Nach Chamberlain ist doch alles, was Jude heißt, der Inbegriff des Schlechten, Schändlichen und Gemeinen. Alle seine Schriften bilden einen Nährboden für den Antisemitismus, der eine Schmach aller Zeiten und aller Völker ist. Wir können zusammenfassend nur das eine betonen, daß Chamberlain kein Kulturträger der europäischen Menschheit sein kann. Der Begriff „Menschheit" ist ihm ja überhaupt verhaßt. Gegen die Landespolitik. Die an dieser Stelle kürzlich wiedergegebenen Ausführungen des Herrn Dr. med. Kohner (Karlsbad) in der Prager „S e 1 b s t w e h r" haben in diesem zionistischen Blatte eine Diskussion entfesselt, in der nun jüngst wieder Herr Dr. Kohner das Wort ergriff. Sein diesbezüglicher Artikel beschäftigt sich in ausführlicher Weise mit den Voraussetzungen der Landespolitik, der dieser Zion i s t bekanntlich ablehnend gegenübersteht, und ist so interessant, daß auch wir ihn hier auszugsweise veröffentlichen wollen. Denn was Herr Dr. Kohner für die Tschechoslowakei anführt, trifft in vielleicht noch gesteigertem Maße für uns in Oesterreich zu. „ ... Es könnte gewiß verwunderlich erscheinen, wenn ein Zionist nach soviel Deklarationen und Beschlüssen der Meinung Ausdruck gibt, daß die Landespolitik trotz allem zumindest problematisch ist. Untersuchen wir jedoch, welches der eigentliche Zweck der Landespolitik sein soll, so wird diese Stellungnahme verständlicher erscheinen .... Die jüdische Minderheitenpolitik hat gewiß eine außerordentliche Berechtigung dort, wo wirklich wirtschaftliche, kulturelle, sprachliche, soziale Forderungen bestehen, wo ein für alle Juden des Landes geltendes Programm aufgestellt werden kann, wo auch die jüdische Minderheit zahlenmäßig von derartiger Bedeutung ist, daß ihre Vertretung in der »■■'■'■"«..... DIE WAHRHEIT ■■ CENTRALKINO BHBffi Wien ll.v TaborstraBe 8 - Tel. R 43-3-41 RR UR- UND ALLEINAUFFUHRUNG | Greta Garbo | Blc Börne von Loge Nr 131 Beginn der Vorstellungen: VA 7*8 und 9 Uhr gesetzgebenden Körperschaft nicht einzig und allein eine Proklamationsvertretung, sondern eine wirkende sein kann; dort wird das Betreiben einer Minderheitspolitik wahrscheinlich wirkliche Politik des jüdischen Volkes sein .... Mirjam Scheuer (eine Gegnerin des Herrn Doktor Kohner) fragt, was wir an der bei uns betriebenen Landespolitik auszusetzen haben. Die Antwort ist nicht schwer. Der schwerwiegendste Einwand gegen die Landespolitik in der Tschechoslowakischen Republik beruft sich darauf, daß es bei uns nicht ein Judentum, sondern vorläufig noch mindestens derer vier gibt. Es ist vorläufig unmöglich, ein Programm aufzustellen, welches die kulturellen, wirtschaftlichen, sprachlichen Forderungen der Juden des Westens und des Ostens vereinigen kann. Es ist auch vorläufig unmöglich, ein Programm auch rein prinzipiell auszuarbeiten, welches die Stellung der jüdischen Vertreter in befriedigender Weise festigen könnte in der Frage: Soll das jüdische Volk in der Tschechoslowakischen Republik Regierungspolitik oder Minderheitenpolitik treiben? (Diese Frage bringt ja bekanntlich die Landespolitik der polnischen Juden in eine katastrophale Situation.) Keine Antwort kann uns die Landespolitik auch auf die Fragen der Trennung von Staat und Kirche, auf die Agrar- und Zollfragen und andere geben . . . Ein weiterer Einwand gegen die Landespohtik ist folgender: Die parlamentarische Vertretung einer Minderheit kann nur dann von Wirksamkeit sein, wenn sie den Schlußstein einer organischen Entwicklung darstellt. . . . Wenn es im Verlaufe von zehn Jahren Landespolitik nicht gelungen ist, mehr als die drei von Scheuer angeführten Männer (auch in Oesterreich sind es nicht viel mehr) zu aktivieren, so kann der Grund dafür doch wohl nur darin gesucht werden, daß die Idee der Landespolitik hierzulande keine zwingende ist. Es gibt noch weitere Vorwürfe, die wir machen können. Die Landespolitik hat dazu geführt, daß innerhalb des Judentums in der Slowakei und Karpathorußland an Stelle einer in manchen Angelegenheiten noch immerhin erzielbaren Einigung Zerfall und Zersplitterung entstanden ist. Das ist keine Folge der politischen Idee, sondern ihrer Form als Mandatspolitik. Wo es sich um Mandate handelt, tritt nicht nur bei einer unerzogenen, unpolitisierten Masse die persönliche Eitelkeit als M a n d a t s. h a s c h c r e i in* Er-