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Die Wahrheit · 1929-03-01 · Heft 9 (1.3.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 . Als Engländer 1855 geboren, in Frankreich großgezogen, bei seinem Aufenthalt in Deutschland die deutsche Kultur mit Begeisterung in sich aufnehmend, hat Chamberlaiu zuletzt in Bayreuth als Schwiegersohn Richard Wagners bis zu seinem Tode 1927 gelebt. Er hat ursprünglich Naturwissenschaften studiert und dann, durch seine immense Belesenheit auf allen möglichen Gebieten des Wissens vorbereitet, ein Werk geschaffen, das in künstlerischer Hinsicht Anerkennung verdienen mag, aber nicht in bezug auf objektives Denken: „D i e Grundlagen des 19. Jahrhundert s4\ ein Werk, das der frühere Kaiser Wilhelm II. enthusiastisch aufnahm und vielfach zu Geschenken verwandte. Der in dem Buch zum Ausdruck kommende Judenhaß mag ihn wohl besonders sympathisch berührt haben. Wilhelm II. nannte Chamberlaiu, dem er in Freundschaft ergeben war, „seinen Streitkumpan und Bundesgenossen". Von größeren Werken Chamberlains sind noch zu nennen seine Bücher über Richard Wagner, Immanuel Kant und Goethe. Er benutzte jede Gelegenheit, um seinen blutrünstigen Haß gegen Juden und Judentum hetzerisch an den Tag zu legen. Wie war denn seine Stellung zur christlichen Religion, der er angehörte? Chamberlaiu verstrickt sich hier wie überall in Widersprüche. Dem dogmatisch gerichteten Kirchenglauben war er entschieden abhold. „Ich muß zum Beispiel gestehen," schreibt er, „daß ich für die lutherische Kirche eine äußerst minimale Sympathie hege, sowohl in der Vergangenheit wie in der Gegenwart." Ueber den Gottesglauben spricht er sich folgendermaßen aus: „Gott ist der unfaßbarste, leerste Begriff, den es gibt" und weiter: „Für mich ist nicht Christus ,Gottl in dem Sinne, daß ich ihm durch Verleihung des Prädikates eine höhere Würde anzuerkennen gedächte — sondern das leere Schema ,Gott' erhält einen Inhalt, wenn ich es mit dem aus Erfahrung bekannten leibhaftigen Christus ausfüllen darf." Wenn Chamberlain davon spricht, daß wir zur Heiligkeit Gottes und zur Wahrheit seiner Natur zurückgeführt werden müssen, so sind wir im Zweifel, ob er den wahrhaftigen Gott oder den wahrhaftigen Christus meint. Wenn er einen „Blick in Gottes herrliche Schöpfung" wirft, so ist das offenbar eine leere Phrase. Die Quintessenz alles sittlich religiösen Denkens und Handelns ruhe in der Wahrheit. Die mahnende Lehre der alten jüdischen Weisen, daß der inneren Gesinnung die äußere Bekundung entsprechen .soll, kannte Chamberlain nicht oder beherzigte sie nicht. So schreibt er: „Im Privatleben habe ich es oft nötig gefunden, zu verschweigen, zu lavieren, dicht an die Unwahrheit zu streifen, in der Oeffentlichkeit als Verfasser habe ich nie anders als vollkommen wahr geredet." Diese Zweiteilung gibt zu denken, denn später bemerkt er mit Recht, „mit dem Heuchler ist nicht viel anzufangen". Seine Stellung zu Juden und Judentum ist ja bekannt. Einmal äußert er sich: „Ich bin kein eigentlicher (?) Antisemit, ich habe merkwürdig viele Juden oder Halbjuden zu Freunden, denen ich herzlich zugetan bin. — Wir werden viel besser mit unseren jüdischen Mitbürgern (also doch Mitbürger!) auskommen, wenn eine reinlichere intellektuelle und moralische — Scheidung stattge- Krupnik das Modezentrum für den W* verwöhnten Geschmack Pf Modelle aus Paris und eigene Schaffungen |g von «ww Mänteln, Kostümen, Complets, Mach' fSB mittags' und Gesellschaftstolletten H Schöne Linie, vornehme Eleganz, SSI unerreicht billige Preise g kennzeichnen unsere Erzeugnisse Ä mm ifi wm I Nur ¥11., KAISERS TRASSE IIS Anerkannt größtes und führendes Spezialhaus Oesterreichs funden hat als heute, wo alles durcheinanderschwirrt." Wie engherzig, wie engstirnig, wie unmenschlich! Sein Kompaß weist nicht auf Menschlichkeit hin, wie er denn überhaupt ..die Redensart von der Menschheit" haßt. Haß ist das G r u n d e l e m e n t seines Charakters. Das ersehen wir auch aus einem Briefe an Adolf von Harnack. Dieser große Gelehrte hat bei der Lektüre des von Chamberlain geschriebenen Werkes „Goethe" die darin erörterte „Judenfrage" als einen „entstellenden Flecken" bezeichnet. Dagegen erhebt Chamberlain Widerspruch, indem er bemerkt: „Manche Einsicht gewinnt nur derjenige, der sich resolut und, wenn es sein muß, gewaltsam (!!) von allem Jüdischen abwendet. Sie schreiben mir: „Je schlimmer der Jude, um so größer muß unsere Liebe sein," und icii will nicht leugnen, daß ich das Wort in dem Munde eines Verkünders des Evangeliums schön finde. Docli für uns simple Weltkinder finde ich das Rezept höchst bedenklich, ja lebensgefährlich. Aufrichtig gesagt, ich kann mir bei dem Begriff Liebe nichts vorstellen, wenn es nicht auch ein Ding gibt, das Haß heißt. Ich fühle mich nicht unfähig — wenigstens nicht ganz unfähig —, dem Worte Christi zu folgen und einen Feind zu lieben, verstehe aber darunter den einzelnen Mann, der mir rein persönlich Schaden zufügt, an Gut, Leib, Ehre; ich begreife aber nicht die Aufforderung, das Schlechte, das Schändliche, das Gemeine, dasjenige, was alle Tage auf allen Gebieten alles, was mir hoch und heilig ist, beschmutzt, vergiftet, niederreißt, damit alles Edle an unserem lieben armen großen Europa rettungslos dem Unter-

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