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Die Wahrheit · 1929-03-01 · Heft 9 (1.3.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Ich halte es für überflüssig zu betonen, daß ich an der hierortigcn Kultusgemeindewahl keinen aktiven Anteil hatte, doch die hiesigen Herren .AVablzionisten". von deren Zionismus man sonst kaum was zu hören bekommt, denken, wer nicht mit ihnen geht, muß ihrer Ideologie gemäß, gegen sie sein. Die Herren sprechen mit Josua bin Nun, der dem sich ihm in den Weg stellenden Manne zurief: „Halonu ato im lecorenu? Gehörst du zu uns oder zu unseren Feinden?''" Daß jemand nur Rabbiner und Mensch sein will, weder zionistische noch agudistische Propaganda betreiben, überhaupt nichts mit der Politik, die zumeist Haßgefühle auslöst, zu tun haben möchte, können die wenigsten Menschen begreifen. Die Hauptfrage der verschieden gesinnten Herren lautet: „Ist der Mann für oder gegen unsere politischen Ziele?" Geistige, moralische Eignung, felsenfeste Ueberzeugungstreae, die opferfähig ist, Menschtum. Repräsentationsfähigkeit usw. sind wohl erwünschte Beigaben, haben jedoch nur einen Wert zweiten Grades. Im Vordergrunde steht die „Politik", welche bald „Fehler" sucht, erfindet, bald wieder Gebrechen verdeckt, verzeiht und oft das Unmöglichste möglich machen will. Propaganda gegen den Antisemitismus. Von Willibald Roth, Berlin. Der Antisemitismus, jener Kampf einer sich als „Deutsche" fühlenden und gebärdenden Partei des Hakenkreuzlcrtums, gewinnt mehr und mehr das Gesicht des Hunnentums: schändlichste Rohettsakte. wie Schändungen jüdischer Gräber und Grabsteine, Angriffe gegen Synagogen und Anrempeleien und brutale Uebenälle auf jüdische Mitbürger, sind die glorreichen „Heldentaten" dieser wahrhaft treudeutschen Mannen und Memmen! Von diesen Menschen anderes zu erwarten, ist eigentlich nicht möglich. Denn was wissen diese irregeleiteten Individuen vom Judentum und Judenheit, sie. die vom Menschentum und der Menschheit absolut nichts wissen? Ihr Haß gegen Judentum und alles Jüdische schöpft aus dem Giftbecher des Neides und des Bewußtseins, eine ..heldenhafte" Uebermacht (an Zahl) gegen die an Zahl weit unterlegenere Judenheit zu sein. Diese Menschen aufzuklären, ihnen zu sagen, daß auch Juden Menschen sind und Menschenrechte zu beanspruchen haben, wäre vergebliche Mühe. Da werden auch alle papierenen, wenn auch noch so gut gemeinten Protestresolutionen nichts helfen oder bessern. Helfen könnte wohl, allerdings nur als ein Palliativmittel, ein energisches Vorgehen aller anständig gesinnten Menschen ohne Unterschied der Konfession. Das wird den Antisemitismus natürlich nicht bannen, wohl aber mildem. Die anständig gesinnte Bevölkerung soll aufgeklärt werden, was Judentum ist! Durch Wort und Schrift und durch die Tat! Es sollte in allen großen und größeren Städten des Kontinents eine Ausstellung des Judentums und seiner Lehre. Sitten und Gebräuche veranstaltet werden! Das Judentum ausstellen? Eine Religion als Ausstellungsobjekt? Kann man, und soll man eine Religion ausstellen? Wird die Heiligkeit der Religion dadurch nicht etwa entweiht, profaniert? Gewiß kann man und soll man das, ohne daß die Religion entweiht zu werden braucht. Man kann nicht nur Erzeugnisse eines Gewerbes ausstellen, sondern auch die geistigen und ethischen Eigenschaften eines Volkes. Es klingt wohl absurd, die eigene Religion auszustellen, mit anderen Worten: ins hellste Licht der profanen Oeffentlichkeit zu setzen und einer unwissenden Allgemeinheit preiszugeben. Und doch haben gerade wir Juden das helle und unbarmherzige Licht der kritisierenden Oeffentlichkeit nicht zu scheuen. Im Gegenteil, es ist sogar für uns eine bittere Notwendigkeit, die Welt über unser Judentum, über das Wesen unserer jüdischen Lehre, über unsere Sitten und Gebräuche, über altes und modernes Judentum, über unsere Schulen und Wohlfahrtscinrichtungen, über die Verwaltung und über die verschiedenen Daseinsbedingungen der jüdischen Religionsbekenner, über die kleine Schicht der reichen, der größeren Schicht des Mittelstandes, und der, ach so überaus großen Schicht der armen und bitterarmen Juden, gründlich und ungeschminkt aufzuklären! Denn, wer kennt uns? Bei den heutigen Kulturerscheinungen, wie Völkerkundemuseum, das Sitten und Gebräuche. Trachten und Hausrat der verschiedensten fremden Völker uns belehrend zeigt, ebenso das eindringliche Herausstellen der katholischen Gebräuche, des gesamten kirchlichen Lebens in aller Oeffentlichkeit, da sollte und dürfte es auch für die Juden empfehlenswert sein, ihrerseits der Oeffentlichkeit zu zeigen, was wir sind und was bei uns ist, zur Bildung und Erkenntnis der Mitwelt durch eine Ausstellung unserer Kultureinrichtungen und der Grundlagen unserer jüdischen Religion beizutragen! Denn, was weiß der nächste Nachbar von uns? Nichts, gar nichts! Machen wir uns doch selber nichts vor: er weiß bestenfalls, daß wir eben „Juden", „Hebräer" oder „Israeliten" sind, sonst nichts! Und was er sich darunter vorstellen kann und vorstellt, ist eben vermöge seiner Unkenntnis über uns herzlich minimal. Was aber unser Wesen und Ziel und Wollen und unsere Lebensweise und -art ausmacht, das ist unserer andersgläubigen Mitwelt gänzlich fremd! Wiegen wir uns doch nicht in dem Glauben und Wahn, die uns umgebende Mitwelt kennt uns. da uns selbst viele (und ach wie viele) unserer eigenen Glaubensgenossen nicht einmal ahnend kennen, geschweige denn von uns und über uns etwas wissen. Legen wir doch ruhig den Irrglauben ab, unsere Mitbürger „verstehen" uns, da sie unser Wesen bestenfalls von Geschäften und Verhandlungen oder flüchtigen Gesellschaften und Unterhaltungen und einigen wenigen gewechselten freundlichen Worten her zu kennen vermeinen. Sie können uns nicht kennen, da ihnen die hebräische Sprache ein Buch mit sieben Siegeln ist. unsere Gebete und Liturgie und Ritual, unsere Synagogengesängc und die oft weisen Predigten völlig unbekannt sind, da sie nicht unsere Gotteshäuser, Synagogen und Tempel besuchen. Sie haben auch nicht die geringste Ahnung von unseren einzig schönen häuslichen Festlichkeiten, sie kennen nicht unsere Sederabende. nicht die feierlich-schönen Freitagabende, und von den Herrlichkeiten einer Feier in der Sukko ist ihnen nie etwas gewahr geworden. Ihnen ist das alles völlig unbekannt, da wir die andersgläubigen Mitbürger niemals zu unseren Festen hinzuziehen. Was unsere Mitbürger oberflächlich kennen, das sind unsere Trauungen und unser Bestattungswesen, wenn ein in der Oeffentlichkeit oder sonst bekannter Jude seine Hochzeit hält oder bestattet wird. Und was die andersgläubigen Mitbürger sonst vom Judentum und seinen Bekennern wissen, das sind die mehr oder minder liebevollen Uebermittlungen, die sie seitens ihrer Religionslehrer in den Unterrichtsstunden ihrer Schulzeit empfingen, und zwar je nach der geistigen, und mehr noch, nach der politischen Einstellung des betreffenden Lehrers. Es ist also notwendig, eine ungeschminkte Aufklärung von jüdischer Seite ins Volk zu tragen. Denn, wenn wir Juden es nicht tun, andere werden es niemals für uns tun. es auch nicht gut für uns tun können. Und das kann nur, meines Erachtens. in der Form einer geschickt und groß angelegten „Jüdischen Ausstellung", die abwechselnd nacheinander in allen großen oder größeren Städten des Kontinents veranstaltet wird, geschehen. Meiner Anregung liegt folgender Plan zugrunde, der mindestens einer Beachtung wert sein sollte. (Schluß folgt.) Zur Charakteristik Houston St. Chamberlains. Von Dr. M. S p a n i e r, Magdeburg. Auch bei den tiefgründigen Forschungen auf dem Gebiete der Psychologie oder sagen wir besser der Charakterologie ist es eine fast unlösbare Aufgabe, irgendeine Persönlichkeit — von Ruf oder nicht — nach ihrem Ableben bei Wahrung der historischen Distanz völlig gerecht und einwandfrei zu beurteilen. Wir wollen an der Hand seiner „Brief e" (Bd. 1, Verlag F. Bruckmann, München 1928) versuchen, Chamberlain zu würdigen. Briefe sind Dokumente des inneren Menschen. Zuerst können wir dem Herausgeber Paul Pretzsch -Bayreuth den Vorwurf nicht ersparen, daß er im Widerspruch mit literarischen Gepflogenheiten, einige Stellen in Briefen, die jetzt noch Lebende betreffen und ehrverletzend sind, nicht gestrichen hat. Dies nur nebenbei,

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