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Die Wahrheit · 1929-03-01 · Heft 9 (1.3.1929) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 9 (1.3.1929)
Date
1929-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ME WAHRHEIT — ' " ' Kultuswahlen in Wiener-Neustadt Wir erhalten vom Wiener-Neustädter Kultusausschuß folgenden Bericht mit der Bitte um Veröffentlichung: Die „Stimm e" bringt in ihrer Ausgabe vom 14. d. M. einen Bericht („Rückwärts, rückwärts. Don Rodrigo!") über die am 3. Februar in unserer Kultusgemeinde stattgefundenen Wahlen in den Wiener-Neustädter Kultusausschuß, der geeignet ist. das Ansehen unserer Kultusgemeinde herabzusetzen. Daher erachtet es der Kultusausschuß als moralische Pflicht, den nicht politisch verhetzten Glaubensgenossen ein objektives Bild zu geben. Vor einigen Jahren hat sich in unserer Kultusgemeinde die Opposition den Namen „Wirtschaftspartei" beigelegt. Bei jeder Gelegenheit wurde durch die Opposition die Wirtschaft in der Kultusstube heftigst kritisiert. Daher beschloß die führende „konservative Partei". der sogenannten Wirtschaftspartei die Führung der Kultusgemeinde zu überlassen. Doch welche Verhältnisse schuf die Wirtschaftspartei! Sie hat klar bewiesen.. daß sie absolut keine Eignung besitzt, die wirtschaftlichen Agenden der Kultusgemeinde zu führen. Unsere Kultusgemeinde versank immer mehr in Schulden, die Kultusbeamten konnten nur sehr schwer ihre Beziige erhalten, unser Tempel, der bereits durch das Steueramt gepfändet war, sollte noch weiter belastet werden. Also sah die Wirtschaft der „Wirtschaftspartei" aus. Die Wählerschaft unserer Kultusgemeinde sah nun klar, wohin diese Wirtschaft führen würde, und anläßlich der Wahl in den Kultusausschuß im Februar des Jahres 1927 konnte die „Wirtschaftspartei" selbstverständlich kein einziges Mandat erreichen. Die „konservative Partei" mußte nun alle Kräfte ansetzen, um den verfahrenen Gemeindekarren wieder aus dem Aergsten zu bringen. Durch ehrliche jüdische Arbeit gelang es allmählich, die^Gemeinde vollkommen zu sanieren, ja sogar die Kultussteuerbeiträge um durchschnittlich 30 Prozent, durch konsequente Einbringung der rückständigen Kultussteuern bei durchaus solventen Leuten, zu ermäßigen. Den meisten Anhängern der ..Wirtschaftspartei" war dies nicht genehm. Sic trotzten und zahlten ihre Kultussteuern überhaupt nicht oder nur sehr spärlich. Die Leitung der Kultusgemeinde sah sich daher veranlaßt, analog den Kultusgemeinden Wien, Baden, Mödling. Neunkirchen usw. vorzugehen und das Wahlrecht von der Bezahlung der Kultussteuer abhängig zu machen. Das Gemeindestatut sollte in diesem Sinne abgeändert werden, dies geschah allerdings nicht „in aller Stille", wie der Berichterstatter behauptet, sondern in einer öffentlichen Sitzung des Kultusausschusses im März des Jahres 1928, welche durch Anschlag auf der Amtstafel bekanntgegeben war. Auch die „Regierungsstellen in einer demokratischen Republik" sahen ein. daß man eine Kultusgemeinde ohne die notwendigsten Mitteln nicht führen kann. Die Abänderung des diesbezüglichen Statutes war auch ein Monat hindurch vor der Wahl auf der Amtstafel kundgemacht. Die höchste Satire bildet noch der Umstand, daß einer der Hauptnörgler der Opposition, der gleichfalls seine Kultussteuer bewußt nicht bezahlte, in der Kultusausschußsitzung vom 23. Jänner 1927, anläßlich der Zusammenstellung der Wählerliste protokollieren ließ: „Alle diejenigen, welche ihrer Beitragspflicht in den letzten Jahren überhaupt nicht nachgekommen sind, erhalten im Sinne des Statutes nicht das Wahlrecht." (Auszug aus dem Protokoll der Kultusausschußsitzung vom 23. Jänner 1927.) Nun ist es ja klar, daß die Herren der Opposition durch zumeist bewußte Nichtleistung der Kultussteuer sich selbst das „Wahlrecht" genommen haben. Die Herren der Opposition wünschen ferner das „Verhältniswahlrecht". Mit Ausnahme der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ist in sämtlichen Kultusgemeinden Niederösterreichs das „Pluralwahlrecht" eingeführt, da die Anzahl der Wählerschaft für das Verhältniswahlrecht leider zu gering ist. Nun wollen wir noch zur taktlosen Bemerkung des Berichterstatters der „Stimme" bezüglich unseres allverehrten Herrn Oberrabbiner Dr. Heinrich Weiß: „Der „Sieg" wäre aber nicht vollständig geworden, hätte nicht auch der „Seelsorger" seinen Segen dazugegeben", erwähnen, daß unser Herr Oberrabbiner sich in keiner Weise an der Wahl aktiv betätigte. Er trachtet vielmehr, stete Rabbiner der ganzen Gemeinde zu sein, was ihm auch durch seine unermüdliche Tätigkeit, sein selbstloses Wesen und überaus lauteren Charakter vollauf gelang. Ueber die angeblich ..zahlreichen krassen Gesetzesverletzungen" wird ja die Behörde entscheiden, die. nebstbel bemerkt, den ganzen Wahlakt beaufsichtigte*). Unbegreiflich ist es, daß der Artikelschreiber der „Stimme" die Vorsteher der Kultusgemeinde in nicht mißzuverstehender Weise als „Helden" bezeichnet, aber selbst nicht den Mut hat. unter diesen Artikel den Namen zu setzen. Wahrlich, ein Musterbild des Heldentums! * * * Zu dem taktlosen Angriff gegen Herrn Oberrabbiner Dr. H. Weiß schreibt uns dieser noch folgenden Brief, den wir auch wiedergeben: *) In letzter Stunde erfahren wir, daß der Magistrat Wiener-Neustadt als Aufsichtsbehörde I. Instanz die Beschwerde abgewiesen hat. stände zusammen, wie z. B. meine Tefillim, einen Sidur, ein Taschenmesser, und — schon war ich draußen. Es war eine prachtvolle Sommernacht, alles duftete in erfrischender Kühle. Ich zitterte vor Aufregung; ein Zahn klapperte am anderen. Es schien mir, als wüßte die ganze Stadt, was jetzt vorgeht. Ich vergewisserte mich erst, ob mich niemand beobachte, sah noch einmal nach unseren Fenstern, hinter denen Vater und Mutter schliefen, ahnungslos und zufrieden. Vielleicht träumte mein Vater — ruhen möge er in Frieden — gerade von mir. Vielleicht sah er mich als erwachsenen Menschen mit einem Bart und Sorgenfalten auf der Stirn hinter der Theke stehen und Ingwer verkaufen. Er schon alt und ergraut, sah mir dabei zu und schüttelte zufrieden den Kopf, wobei er zu sich murmelte: „Ei, Napoljen, hab' ich dich erzogen — für alle jüdischen Kinder gesagt! Seht, wie er eine Tüte wickelt, seht, wie er den Ingwer wiegt: kein Stäubchen gibt er zuviel! Ei, Napoljen, hab* ich aus dir einen Menschen gemacht — ei, ei Und, Jungermann, vielleicht hat er das gar nicht geträumt, vielleicht war es was ganz anderes. Kann ich's wissen? Ich phantasiere nur so ein bißl. Ich sah mich also noch einmal um, nahm, wie man so sagt, die Beine unterm Arm und ging. Immer weiter und weiter und noch weiter und noch viel weiter. Ganz weit. Nun, was soll ich Euch da erzählen, was ich alles getrieben habe? Muß ich Euch erst erzählen, wie es mir da draußen erging? Nein, nicht nötig — denkt Euch das alles hinzu, es wird schon stimmen. Es ging mir — wie sagt man — mit der Butter nach unten. Was ich anfing, war zu meinem Unglück. Alles schlug fehl. Und dann, müßt Ihr wissen, war ich noch sehr unerfahren; ich kannte die Menschen nicht und zog deshalb immer den Kürzeren. Nach Hause aber wollte ich nicht. Erstens war ich ein wenig zu stolz dazu, und zweitens hatte ich Angst vor Ohrfeigen. Eine solche Tat würde mein Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — nicht ungesühnt lassen. Er würde schreien: „Napoljen, ich mach' aus dir Pfeffer!" Und beim Schreien allein wäre es nicht geblieben; mein Vater — er sei mir ein guter Fürsprecher — war gewohnt, Wort zu halten. Wenn er gesagt hat Pfeffer, dann war es Pfeffer, — darauf. Jungermann, könnt' Ihr Euch schon verlassen. Ich drückte mich so ein gutes halbes Jahr herum — halb tot, halb lebendig — nicht hin und nicht her. Es war bitter, sehr bitter; man kann sagen, noch bitterer. Nun, man ist doch ein Mensch und kann deshalb mehr aushalten wie manches Tier. Spaß — kann der Mensch schon ertragen! Spaß, zeigt sich der Mensch eisenhart, wenn das Schicksal auf ihm herumhämmert! Ei, hält der Mensch aus, was sechs Ochsen nicht können! Ei, wohnt in jedem von uns ein verborgener Simson! Ei, wozu davon reden? Ich liebe es nicht — hört Ihr — zu philosophieren. Wozu, sag' ich mir, über Dinge nachdenken, und grübeln, die der Vergangenheit angehören? Unsere Gedanken sollen der Gegenwart und Zukunft gelten, Ihr versteht? Aber trotzdem ist es nötig, daß ich Euch aus jener Zeit erzähle. Denn erstens, müßt Ihr doch erfahren, wie ich zu meiner Baßje gekommen bin und zweitens sehe ich doch, wie Ihr darauf brennt, die Geschichte zu hören. Und außerdem, muß ich Euch gestehen, fühle ich einen inneren Drang, einmal zu erzählen, was ich vierzig Jahre für mich gehalten habe. (Fortsetzung folgt.)

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